Sonntag, 5. Juni 2016

Für fast jeden deutschen Häftling kommt eines Tages der Moment der Entlassung. Je nach dem, wie lange er im Gefängnis saß und welche Vorgeschichte er hat, kann es schwierig sein, den Straftäter wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Doch für Erfolg versprechende Resozialisierungsprogramme fehlt in Deutschland das Geld. Deswegen beginnt für viele ein Kreislauf aus Gefängnis und Freiheit.
Der Weg zurück beginnt im Knast
Eine Haftanstalt mit roten Ziegeln.Resozialisierung fängt im Gefängnis an
Die Zahl ist hoch: Jeder Dritte wird in den ersten drei Jahren nach seiner Entlassung wieder straffällig. Das belegt eine Rückfallstatistik des Bundesministeriums der Justiz. Für die Studie trugen Forscher der Universität Göttingen und des Max-Planck-Instituts in Freiburg Daten von mehr als einer Million Straftätern zusammen. Sie prüften, ob Gefängnisinsassen, die 2004 aus der Haft entlassen wurden, bis 2007 erneut straffällig wurden. Grundlage waren Einträge in das Bundeszentralregister.
Dabei bemüht man sich schon im Gefängnis, die Gefangenen auf ihr Leben in Freiheit vorzubereiten. Therapien, Anti-Gewalt-Trainings, Schauspielunterricht – das Angebot in den Justizvollzugsanstalten (JVA) ist groß. Eine Sonderform der Resozialisierung ist der offene Vollzug.
Hierbei können die Häftlinge tagsüber die Anstalt verlassen.
Erst am Abend kehren sind in die JVA zurück.
Im geschlossenen Vollzug haben Häftlinge die Chance, sich weiterzubilden. In der JVA können sie ihren Schulabschluss nachholen oder eine Lehre beginnen. Denn ohne Qualifikation kein Job, ohne Job kein Geld - und ohne Geld rutschen viele Straftäter nach ihrer Entlassung wieder in die Kriminalität ab. Sie stehlen, erpressen oder handeln mit Drogen. Als letzte Konsequenz landen sie wieder im Knast.
Ein gutes Bildungsniveau und eine Arbeitsstelle sind natürlich kein Garant dafür, dass ein Ex-Häftling straffrei bleibt. Umgekehrt wird auch nicht jeder Entlassene ohne Abschluss oder Job wieder kriminell. Bildung und Arbeit können aber dazu beitragen, den eigenen Platz in der Gemeinschaft wiederzufinden.
Die großen Probleme beginnen aber meistens erst mit der Entlassung – vor allem, wenn den Ex-Häftlingen kein Bewährungshelfer zusteht. Das betrifft etwa diejenigen, die ihre Strafe vollständig abgesessen haben. Gerade diese Personen fallen oft in ein "Entlassungsloch", wie Fachleute es nennen.
"Der Zeitpunkt der Entlassung ist am gefährlichsten. Viele Entlassene haben Schulden oder waren drogenabhängig, haben keinen Arbeitsplatz und Probleme auf dem Wohnungsmarkt – das sind sich ständig wiederholende Problemstellungen", sagt der Kriminologe Bernd Maelicke vom Deutschen Institut für Sozialwirtschaft.
Vor allem für Intensiv- und Wiederholungstäter sei das Leben nach dem Knast schwer. "Diese Menschen sind häufig selber Opfer gewesen, haben prügelnde oder alkoholabhängige Eltern erlebt. Bei ihnen ist die Resozialisierungsarbeit am schwierigsten", so der Experte für Strafvollzug. Der Schlüssel sei die Beziehung zwischen Ex-Häftling und Betreuer. Das gelte vor allem für Menschen, die mehrfach straffällig geworden sind.
Dieser "harte Kern", wie er oft genannt werde, habe Wunden, die nur schwer heilen. "Sie haben eine Art emotionale Behinderung und müssen lernen, mit diesem lebenslangen Handicap zu leben, ohne Straftaten zu begehen. Wenn es geht müssen sie das nachholen, was sie in ihrer Kindheit und Jugend oft nicht erlebt haben: Vertrauen, stabile Beziehungen, aber auch Kontrolle", sagt Bernd Maelicke.
Das Problem der Finanzierung
Vier jugendliche Häftlinge sitzen in einer Reihe, vor ihnen ein Mann.Wer bezahlt die Sozialarbeiter?
Was entlassene Straftäter brauchen, sind Menschen, die sie in ihrem Alltag draußen begleiten. Experten nennen das Übergangsmanagement. Es gibt verschiedene Projekte, die das umsetzen. Das Programm "Resozialisierung und soziale Integration" (Resi) ist eines davon. 2009 startete Resi in Köln.
Resi richtet sich an Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, die straffällig geworden sind. Im Rahmen des Projekts bekommen sie einen Sozialarbeiter – Fallmanager genannt – an die Seite gestellt. Der erste Kontakt findet bereits im Gefängnis statt. Nach der Entlassung suchen Betreuer und Schützling dann gemeinsam nach einer Wohnung oder gehen zu Behörden.
Nur zwei der 26 Projektteilnehmer mussten bislang in den Knast zurück. Das ist nach Meinung von Hans-Joachim Plewig ein guter Schnitt. "Es gibt meines Wissens in Deutschland kein Projekt, das auch nur vergleichsweise so gute Ergebnisse erzielt", sagte Plewig 2012 in einem Interview mit Spiegel Online. Plewig ist Professor an der Universität Lüneburg und hat das Programm wissenschaftlich begleitet. Seit 2012 ist Resi allerdings auf Eis gelegt. Der Initiative fehlt es an Geld. Die Finanzierung ist ein Problem, an dem viele Resozialisierungsprogramme scheitern.
Das Recht auf Resozialisierung besteht erst seit den 1970er Jahren. Am 5. Juni 1973 entschieden Richter des Bundesverfassungsgerichts in dem sogenannten Lebach-Urteil, dass ein Ex-Straftäter die Chance haben muss, wieder in der Gesellschaft anzukommen.
Der Entscheidung der Richter war ein Prozess um den Mord an vier Soldaten vorausgegangen. 1969 waren zwei Männer in ein Munitionslager der Bundeswehr eingedrungen und hatten die Soldaten im Schlaf ermordet. Sie erbeuteten Waffen und Munition, mit denen sie geplante Erpressungen durchführen wollten. 1970 verurteilte sie ein Gericht dafür zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Ein Mittäter musste für sechs Jahre in den Knast.
Das ZDF machte aus der Tat einen Spielfilm. Diesen bestückten die Fernsehmacher mit Originalaufnahmen der Täter und nannten ihre echten Namen. "Der Fall Lebach" sollte im Juni 1972 über die Fernsehbildschirme in Deutschland flimmern.
Der zu sechs Jahren Haft verurteilte Mittäter beantragte daraufhin eine einstweilige Verfügung. Er wollte das ZDF daran hindern, den Film auszustrahlen. Der Mann stand kurz vor seiner Entlassung und befürchtete, vorverurteilt zu werden.
Das Landgericht Mainz und das Oberlandesgericht Koblenz lehnten seinen Antrag ab. Dagegen legte der Verurteilte Verfassungsbeschwerde ein.
Am 5. Juni 1973 sprachen die Richter des Bundesverfassungsgerichts dem Mann Recht zu. In ihrer Begründung hieß es, der Täter müsse die Chance erhalten, sich nach dem Absitzen seiner Freiheitsstrafe wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Das ZDF dürfe den Mann nicht öffentlich als Kriminellen abstempeln. Er habe ein Recht auf Resozialisierung, das besage das Grundgesetz.
Nach dem Lebach-Urteil wurde der Strafvollzug in Deutschland neu geregelt. Am 1. Januar 1977 erließ der Bund das Strafvollzgusgesetz. Danach ist es das Ziel des Strafvollzugs, Häftlinge zu einem straffreien Leben zu befähigen. Seit 2006 ist dieses Gesetz allerdings nur noch eingeschränkt gültig. Seither dürfen die Bundesländer den Straf-, den Jugendstraf- und den Untersuchungshaftvollzug selbst regeln.
Die Folge: Der Strafvollzug in Deutschland ähnelt einem Flickenteppich aus unterschiedlichen Gesetzen. Ein zu lebenslanger Haft Verurteilter kann etwa in Nordrhein-Westfalen nach zehn Jahren das erste Mal Urlaub beantragen. In Brandenburg soll er bald schon nach fünf Jahren aus dem Knast kommen können.
Viele Bürger sind skeptisch
Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme einer Gefängniszelle.Jeder Dritte Entlassene landet wieder im Knast
Freigang, Urlaub von der Haft, frühzeitige Entlassung – viele Menschen sehen das kritisch. Die Medien berichten regelmäßig von Bürgern, die gegen die Freilassung von Straftätern auf die Straße gehen. Sie wollen nicht Tür an Tür mit einem ehemaligen Verbrecher wohnen. Wer einmal kriminell war, bleibt kriminell – so ihre Vorstellung.
Diejenigen, die rückfällig werden, gehören zu jenem "harten Kern", den Intensiv- und Wiederholungstätern. "Bei Ihnen ist die soziale Integration am schwierigsten und die Rückfallgefahr am größten", sagt auch Bernd Maelicke.
Diese Personengruppe solle daher im Zentrum der Resozialisierungsarbeit stehen. Wer das finanziert, ist eine andere Frage.
Die Frage der Resozialisierung ist eine gesamt Gesellschaftliche Frage und somit auch eine Aufgabe der gesamten Solidargemeinschaft sowie aller Gesellschaftlich Verantwortlichen
Es bedarf dringend einer einheitlichen Rechtsprechung in der Strafvollstreckung und Bundeseinheitlicher Standards in der Konzeption und Umsetzung dieser.
Auszug aus Im Dschungel der Justiz 11 das böse Spiel mit dem Leben II "Christian Lukas-Altenburg" Verlag CLA Medien.

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