Mittwoch, 20. Juli 2011

Vom Sterben hinter Gittern

Ein Artikel aus der Ärzte Zeitung, 20.07.2011
von Christian Beneker...


Lebenslang und schwerkrank - nicht wenige Häftlinge in deutschen Gefängnissen werden dort sterben. Fachleute sagen: Hinter Gittern ist Sterben in Würde kaum möglich. Sie fordern: Sterben muss in Freiheit möglich sein. Doch Probleme sind vorprogrammiert.



Jeder Mensch hat das Recht auf ein Sterben in Würde - Verbrecher auch. In der "Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland", die Bundesärztekammer, Deutscher Hospiz- und Palliativverband und die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin 2010 vorgestellt haben, wird für alle Menschen auf ihre "Würde" als Summe aller ihrer Grund- und Menschenrechte verwiesen.

Doch bei der Norddeutschen Forensischen Pflegefachtagung am Klinikum Bremen-Ost (KBO) zeigte sich auch: Es ist noch ein weiter Weg zum würdigen Sterben hinter Gittern.

Zur würdigen Behandlung gehört es unter anderem, den sterbenden Patienten und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen, ihn palliativ zu betreuen oder an der Gesellschaft teilhaben zu lassen.
Es sei darum bei sterbenden Gefangenen stets im Einzelfall zu prüfen, ob bei der Unterbringung die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibe, sagte Dr. Birgit Weihrauch, Vorsitzende des Deutschen Palliativ- und Hospizverbandes. Kein leichtes Unterfangen.

Denn bei den eingesperrten Kranken stelle sich die Frage nach einem Sterben in Würde noch dringlicher als ohnehin.

Durch Einsamkeit und Freiheitsentzug seien die Kranken doppelt stigmatisiert und unterlägen zugleich einem doppelten Tabu: "Dem Sterben überhaupt und dem Sterben im Vollzug", so Weihrauch. Besonders der Seelsorge und spirituellen Begleitung komme in dieser Situation große Bedeutung zu.
"Viele sterbende Straftäter schauen ratlos und mit Trauer zurück auf ihr Leben und ihre Taten. Was sollen sie machen mit ihren Verbrechen am Ende des Lebens?", fragt Weihrauch. Jeder Sechste zu lebenslanger Haft Verurteilte stirbt im Vollzug.

In den Jahren 1990 bis 2000 sind in elf Bundesländern 361 Menschen hinter Gittern an Krankheiten gestorben. "Wir müssen immer fragen, ob wir bei den sterbenden Gefangenen noch die Menschenwürde respektieren, wenn wir sie hinter Gitter sterben lassen"

Durchschnittsalter der Patienten nimmt zu

Im Bremer Klinikum Bremen Ost leben insgesamt 135 Patienten in der Forensischen Psychiatrie. "In den vergangenen zwei Jahren sind zwei unserer Patienten gestorben und fünf Patienten sind älter als 60 Jahre - und das Durchschnittsalter steigt", erklärt der Pflegeleiter der Klinik, Volker Schröder. "Wir mussten uns dem Thema jetzt stellen."
Wie bei anderen Sterbenden auch stellen die Pflegenden bei den Betroffenen die fünf Sterbephasen fest, die von der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross erstmals systematisch beschrieben wurden: Das Nicht-wahrhaben-Wollen der Diagnose, der Zorn auf die Pflegenden und auf die Situation, der Versuch, um Aufschub oder Verschonung zu verhandeln ("Ich spende meinen Körper der Medizin"), die Depression und Trauer um den Verlust und schließlich die Akzeptanz des eigenen Sterbens.

So sei zum Beispiel die Psychose einer HIV-Patientin in der Phase der Akzeptanz nicht mehr so aktiv gewesen, sagte Peter Thauern, Pfleger in der Bremer forensischen Psychiatrie, in seinem Vortrag. Besonders für die psychiatrischen Mitpatienten sei der offene Umgang mit dem Sterben von Mitpatienten wichtig.

"Wir brauchen ein Abschiedsritual, sonst werden die Mitpatienten misstrauisch", so Thauern, "sie fragen sich, wo der Leichnam ist, ob er etwa verschachert wurde". In Bremen lädt man deshalb beim Tod eines Mitpatienten zu einer Abschiedsfeier und einem gemeinsamen Kaffee-Trinken.
Problematisch ist es, dass die psychiatrischen Stationen oft nicht vorbereitet sind auf die somatische Versorgung der sterbenden Patienten. "Den großen Pflegeaufwand sind wir nicht gewohnt", so Thauern. Oft sei es auch hilfreich, entsprechend ausgebildete Kolleginnen an der Seite zu haben, sagte die Pflegerin Dagmar Giesen, "unter anderem deshalb, weil den Kolleginnen das Delikt der Patienten total egal ist".

Eine Eigene Anmerkung^^

Die Würde des Menschen ist Unverfügbar, sie trifft jeden,

den Kranken, den Gesunden, den Behinderten, den Aussätzigen sowie den Straftäter und das Opfer.
Sie kann nicht verlustig gehen und darf auch nicht am Handeln eines einzelnen Menschen der vielleicht gar eine Straftat begangen hat gemessen werden.
Jeder der glaubt dass man die Würde des Menschen, an einer Lebensleistung oder an einer Tat eines Menschen bemessen sollte, hat die Grundsätze der Menschlichkeit nicht begriffen und sollte sich einmal darüber Gedanken machen, was das Wort "die Würde des Menschen und deren Unverletzlichkeit" doch tatsächlich bedeutet..


Dienstag, 19. Juli 2011

Leben und leben lassen

Mal ist die Rede von Demokratie, dann wieder von Menschenwürde und Toleranz – wobei eins in das andere fließt. Alles Worthülsen, die eine Menge „bewegen“ könnten, gegenwärtig aber eher wie Phrasen wirken, da Menschen generell ein Problem damit haben, sich selber in jedweder Beziehung zu akzeptieren. Es wird gelebt nach dem Gleichschaltungsprinzip, dem ewigen Streben nach der Perfektion. Keine menschliche Seele kann eine solche Lebenslüge, diesen „goldenen“ Käfig jedoch auf Dauer ertragen. Irgendwann meldet sich eine laute Stimme aus dem Innern, die da sagt: „Finde dein eigenes, besonderes ich.“ Leider tragen viele Bürger ihre Maske aber schon seit so langer Zeit, dass diese Suche mitunter drastische Schmerzen verursacht. Die Folgen: Unzufriedenheit, Hass, Neid, Missgunst, Kontrollwahn. Was als frustrierende Selbsterkenntnis beginnt, projiziert die betreffende Person aus dem Unterbewusstsein heraus auf seine Mitmenschen, denn die Unruhe fordert ihr Ventil, ganz gleich zu welchem Preis.

Resultierend aus diesen emotionalen Faktoren kommt es dann nicht selten zu Scheidungen, Kündigungen, Suizidversuchen und im schlimmsten Fall zu Amokläufen. Jeder möchte akzeptiert werden, wie er ist, doch da man sich selbst unlängst verloren hat, fällt es schwer, seine Mitmenschen genau diese ehrlich gemeinte Akzeptanz entgegenzubringen, was dazu führen kann, dass sich der Einzelne im Labyrinth der Scheinmoral verläuft. Viel zu lange schon wird „Leben und leben lassen“ gleichgesetzt mit Ignoranz, da die Menschheit stets den leichten Weg des Lebens bevorzugt. Sicherlich ist alles im Leben relativ, dennoch gilt es zu erkennen, dass man einer gewissen Grundverantwortung, die Menschen in der Gegenseitigkeit füreinander zu tragen haben, nicht entkommen kann. Nur wer fähig ist, in der Gemeinschaft andere so zu akzeptieren, wie sie sind, hat die wahre Freiheit des Lebens erkannt. Menschen sollten einander zuhören, helfen und miteinander fröhlich sein, ohne dem Druck ausgesetzt zu sein, sich angleichen zu müssen, um akzeptiert zu werden.

Das Leben ist eine Art Fluss, den man fließen lassen kann, um die Energie humaneffektiv zu nutzen, oder den man unterbrechen kann durch einen Kontrollzwang, um nach dem Egoprinzip zu agieren. Hürden und Grenzen existieren im anerzogenen Verstand, entspringen aber keineswegs dem natürlichen Denken. Demokratie, Menschenwürde und Akzeptanz zu fordern, mag „unterhaltsam“ sein, sinnvoller wäre jedoch, diese Werte im Alltag zu leben. Wie wollen wir jemals in einer Demokratie leben, wenn wir jeden Menschen versuchen in eine vorgefertigte Norm zu pressen? Wie soll Menschenwürde auf der ganzen Erde ermöglicht werden, wenn wir die Würde in uns nicht mal bewahren können?
Blickend auf den Horizont, den Moment, in dem wir atmen, werden wir das Leben erkennen können, doch offenbart es sich uns nicht von selbst, da wir gefordert sind zu akzeptieren, was ist und nicht ein Leben lang nach dem streben, was sein könnte.

Montag, 18. Juli 2011

Schulversagen und Jugenddelinquenz?

Vater Müller beglückt Frau und Sohn mit einem neuen Fernseher. Der bisherige ist zwar erst wenige Jahre alt und läuft eigentlich noch recht gut. Aber man gönnt sich ja sonst nichts. Und weil der Händler für das gebrauchte Gerät nur wenig zahlen will, landet es beim 13-Jährigen Max im Kinderzimmer. Das hat den Vorteil, dass es mit ihm abends nun keinen Stress mehr über das Programm gibt. 
Und Max freut sich. Endlich kann er das schauen, was er will.
Diese kleine Geschichte scheint sich in deutschen Familien oft zu ereignen. Jedenfalls verfügt nach den Feststellungen des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest inzwischen etwa die Hälfte der 13- bis 15-Jährigen über einen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer. Von den 16-/17-Jährigen sind es knapp 70 Prozent. Und selbst von den 6-Jährigen
unseres Landes ist schon fast jeder Vierte dabei. Beachtung verdient hier der Ost-WestVergleich. In den neuen Bundesländern sind von den 6- bis 13-Jährigen 55 Prozent bereits stolze Besitzer eines eigenen Fernsehers in ihren Zimmern gegenüber 28 Prozent in Westdeutschland.



Ja, und? fragen da die fernsehfreudigen Eltern. Was ist daran falsch? Eine erste Antwort kann man den zahlreichen Repräsentativbefragungen entnehmen, die es inzwischen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen gibt. Sie zeigen, dass sich durch die Verfügbarkeit über den eigenen Fernseher zunächst einmal die tägliche Fernsehdauer um etwa eine Stunde erhöht – werktags von zweieinhalb auf etwa dreieinhalb Stunden und an Wochenenden auf vier bis fünf Stunden. Diese Kinder verbringen damit bei uns pro Jahr mehr Zeit vor dem Fernseher als im Schulunterricht. Zu beachten ist:  an 135 Tagen des Jahres haben sie schulfrei und außerdem gehen die meisten nur halbtags zur Schule.



Die 135 Tage, an denen man früh morgens ausschlafen kann, haben im Übrigen eine weitere Konsequenz. Vor allem die Jungen nutzen die Abende vorher dazu, bis weit in die Nacht hinein ohne Überwachung der Eltern das anzuschauen, auf was sie scharf sind – auf Filme nämlich, die von Experten des Jugendschutzes als jugendgefährdend eingestuft wurden und deswegen erst nach elf Uhr gesendet werden dürfen. Aktuelle Befragungen haben erbracht, dass inzwischen 56 Prozent der 12- bis 17-Jährigen Jungen häufig solche Filme anschauen. Von den Mädchen sind es nur 25 Prozent. Und das ist noch nicht alles. Die Jungen dominieren auch bei den Vielsehern. Bereits 1998 gaben im Rahmen einer Repräsentativbefragung 18 Prozent der männlichen Neuntklässler gegenüber 13 Prozent der weiblichen an, dass sie pro Tag mehr als vier Stunden vor dem Fernseher sitzen. Hinzu kommt, dass zwei Drittel der Jungen regelmäßig Computerspiele nutzt, die wegen ihres jugendgefährdenden Inhalts für unter 18-Jährige verboten sind. Auch hier sind die Mädchen nur mit 14 Prozent dabei.


Nimmt man alle drei Aspekte zusammen, so scheint es gerechtfertigt, davon zu sprechen, dass mindestens ein Fünftel der männlichen 12- bis 17-Jährigen in einen Zustand der „Medienverwahrlosung“ geraten ist. In ihrer Freizeitbeschäftigung dominiert das Anschauen von Gewalt- und Actionfilmen sowie die Nutzung von PC-Spielen mit jugendgefährdendem Inhalt.



Und welche Auswirkungen hat das alles auf die Betroffenen? Zunächst einmal verarmt ihre soziale Existenz. Wer pro Tag in seiner Freizeit mehr als vier Stunden vor dem Fernseher oder dem PC verbringt, der versäumt das Leben. Ihm verbleibt weder genug Zeit dafür, regelmäßig in einer Fußballmannschaft zu trainieren und dann am Sonntag vielleicht zu lernen, wie man anständig verliert. Noch hat er genug Zeit, um wochenlang in einer Band oder einem Orchester zu üben und dann die Freude des gelungenen Auftritts zu erleben. Und er versäumt den erbitterten Streit mit seinen Spielkameraden und die tolle Erfahrung, dass man danach Wege findet, sich wieder zu versöhnen. Zwischenbilanz: Seine soziale Kompetenz wird nicht voll entwickelt. Und das gilt selbst dann, wenn er nur Astrid Lindgren Filme schauen würde. Übung macht nur dann den Meister, wenn sie im realen Leben stattfindet und nicht nur in der Phantasie.



Wer täglich stundenlang fernsieht hat zudem kaum noch Zeit, die schulischen Hausarbeiten konsequent zu erledigen. Außerdem bewegt er sich zu wenig. Das schädigt nicht nur den Körper sondern auch den Geist. Neurobiologen haben herausgefunden, dass die Entwicklung des Hirns leidet, wenn sich Kinder zu wenig körperlich austoben. Beachtung verdient ferner, was uns Hirnforscher zu den Auswirkungen exzessiven Fernsehkonsums auf die Lernprozesse von Kindern und Jugendlichen berichten. Sie erklären uns, dass das, was die Kinder in der Schule hören oder sich nachmittags zuhause an Schulwissen aneignen, zunächst im Kurzzeitgedächtnis landet. Der Prozess der Überführung in das Langzeitgedächtnis, also in das gesicherte Wissen, dauert danach mindestens zwölf  Stunden und wird entscheidend davon beeinflusst, was das Kind in den Stunden nach dem Erlernen des Schulwissens emotional erlebt. Das Hirn reagiert sehr sensibel auf starke Gefühle. Es konzentriert seine
Gedächtnisarbeit auf solche Eindrücke, die es emotional erheblich bewegen.


Ist Medienverwahrlosung Ursache von Schulversagen und Jugenddelinquenz ?



Sonntag, 17. Juli 2011

Resozialisieren statt Warnschussarrest


Resozialisieren vs. Sanktionieren - "Warnschussarrest" für Jugendliche konterkariert pädagogische Zielsetzungen

Die aktuelle Diskussion um Relevanz und Sinn der geplanten Einführung eines "Warnschussarrests" für jugendliche Straftäter berührt auch die Bewährungshilfe, insofern dieses eher symbolische Sanktions- und Abschreckungsmittel künftig parallel zu einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe verhängt werden soll. Die erzieherische Wirkung eines solchen Vorgehens ist in der Wissenschaft sehr umstritten, zumal die mit Freiheitsentzug einhergehenden dissozialen Folgen das damit verbundene Abschreckungsmoment meist marginalisieren: Über 70% vormals inhaftierter Jugendlicher werden wieder rückfällig, d.h. von einer konstruktiven pädagogischen Dimension des Warnschussarrests kann, so meint NEUSTART entgegen politischer Verlautbarungen, schwerlich gesprochen werden, wie auch empirische Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre belegen.
Prinzipiell ist das Instrument des Jugendarrests - schon qua seiner fragwürdigen Historie - ein Sanktionsmittel, das mit großem Bedacht gewählt werden sollte. Die für den Jugendarrest als geeignet klassifizierten Jugendlichen werden heute nur wenig anders beschrieben wie zum Zeitpunkt der Einführung des Jugendarrests im Jahre 1940, wenn auch die heute damit verbundene Zielsetzung sicherlich zu der ursprünglichen erheblich kontrastiert. Die momentan vertretene These, der "Warnschussarrest" besäße einen hohen Abschreckungseffekt, der sich positiv auf die Resozialisierung jugendlicher Straftäter auszuwirken verspräche, lässt sich jedoch nicht belegen. Im Gegenteil votiert die Großzahl renommierter Experten des Jugendstrafrechts für einen anderen Umgang mit erstmals Straffälligen unter 21 Jahren, nicht zuletzt, weil die weit geringere Widerrufsrate bei Personen, deren Jugendstrafe zur Bewährung ausgesetzt wurde (widerrufene Bewährungen im Jahre 2010 ca. 18 Prozent), illustriert, dass gezielte sozialarbeiterische Interventionen erfolgreicher sind als freiheitsentziehende Maßnahmen. "Zu den zentralen Aufgaben der Bewährungshilfe zählt insbesondere die Entwicklung sozialer Kompetenzen, die dazu beitragen, Verhaltensweisen und Situationen zu meiden, die Rückfallkriminalität provozieren", sagt Georg Zwinger, Geschäftsführer für Sozialarbeit der NEUSTART gGmbH. "Abschreckung und Drohgebärden sind für den Resozialisierungsprozess eher kontraproduktiv. Richterliche Weisungen und Auflagen wie z.B. Antiaggressionstraining oder Verrichtung gemeinnütziger Arbeit, welchen der Jugendliche über einen längeren Zeitpunkt gerecht werden muss, sind weit wirkungsmächtiger als es jeder, auf schnelle Effekte ausgerichtete Warnschussarrest jemals sein könnte. Kontinuierliche Anleitung und Sensibilisierung des Rechtsempfindens in der Bewährungshilfe hat hingegen bei jungen Menschen oft großen Erfolg", erläutert Zwinger die Position der NEUSTART gGmbH.

Freiheit entziehende Sanktionen bei jugendlichen Straftätern müssen ultima ratio bleiben

Gesellschaftliche Probleme, so auch Jugendkriminalität, fordern Lösungskonzepte, die sich nicht auf Sanktionen reduzieren, sondern an den Ursachen und Gründen ihres Entstehens ansetzen. Veränderte gesellschaftliche Bedingungen, eine völlig neue Kommunikationswelt und die Perspektivlosigkeit junger Menschen, deren soziales Umfeld kein solides Fundament für die Entwicklung eigener Fähigkeiten und Talente bietet, fördern auch die Latenz, straffällig zu werden. "Eingedenk der Tatsache, dass für gering Qualifizierte kaum noch Arbeitsplätze existieren, die ihnen ein gesichertes Einkommen in Aussicht stellen, werden Zukunftsängste mehr und mehr virulent, was auch für die Bewährungshilfe eine Anpassung ihres Arbeitskonzepts erforderlich macht, um junge Menschen zukünftig noch besser dabei unterstützen zu können, ein Leben ohne Kriminalität zu führen ", betont Georg Zwinger.

NEUSTART entwickelt neue Methoden in der Betreuung jugendlicher Straftäter

Die Entwicklung neuer Methoden in der Betreuung nach Jugendstrafrecht unterstellter Straftäter zählt zu den zentralen Zielsetzungen der NEUSTART gGmbH, die sich darauf konzentriert, Faktoren zu ermitteln resp. zu berücksichtigen, welche für die positive Sozialgenese junger Menschen entscheidend sind. "Bewährungshilfe hat vornehmlich für junge Straftäter dann eine wesentliche Resozialisierungsfunktion, wenn die angebotene Unterstützung auch kontinuierlich auf ihre Wirksamkeit befragt wird, und Kontrolle als sinnvolles Korrektiv im Eigeninteresse des Klienten erlebt wird", resümiert Georg Zwinger die wesentlichen Aspekte einer erfolgreichen Betreuung junger Straftäter. "Junge Menschen verdienen die Chance, aus einmal begangenem Unrecht zu lernen und falsche Wertvorstellungen zu revidieren, anders, finden sie nicht zurück in unsere Gesellschaft", so Zwinger abschließend.

Warnschussarrest für Jugendliche


Gegen den Widerstand vieler Experten denkt die Bundesregierung darüber nach, den so genannten „Warnschussarrest“ für Jugendliche und Heranwachsende einzuführen. Bisher gilt im Jugendstrafgesetz die Regel, dass eine Bewährungsstrafe grundsätzliche nur ohne Arrest verhängt werden darf. Sollte sich der Warnschussarrest durchsetzen, können Richter künftig die Bewährungsstrafe mit einer Haft von maximal vier Wochen koppeln. Potenziell viele Betroffene gibt es, im Jahre 2009 erhielten beispielsweise 12.010 Verurteilte eine Jugendstrafe auf Bewährung. Laut Gesetzesentwurf darf der Warnschussarrest nur in drei Fällen verhängt werden. Erstens, wenn vermutet wird, dass der Straftäter seine Bewährungsstrafe nicht ernst nehmen könnte. Zweitens, wenn der Verurteilte in einem sozialen Milieu aufwächst, dass einen schädlichen Einfluss auf ihn ausübt. Und drittens, wenn ein Arrest für nötig befunden wird, dass in Haft besser erzieherisch auf den Jugendlichen eingewirkt werden kann als in seinem alltäglichen sozialen Umfeld. Neben der neuen Form des Arrestes wird im Gesetzesantrag eine Erhöhung der Höchststrafe im Jugendstrafrecht von zehn auf 15 Jahre gefordert.
Was auch immer damit erreicht werden möchte, das Problem bleibt und eine Intensive Betreuung Jugendlicher Straftäter, ist und bleibt die einzig wirkungsvolle Prävention. Insofern ist der Warnschussarrest keine Lösung, sondern birgt die Gefahr des Verlustes Sozialer Kompetenzen.


 

Mittwoch, 13. Juli 2011

Nicht wegsperren, erziehen!....

Die Debatte um das Jugendstrafrecht geht am Problem vorbei. Nicht härtere Strafen braucht es, sondern frühes Eingreifen, damit Jugendliche gar nicht erst abgleiten.
Eine Einschätzung von Kai Biermann die Welt, die bereits 2009 deutlich zum Ausdruck brachte was getan werden müsste. Leider wurde bis heute keine Grundsätzliche Lösungsdiskussion darüber geführt, wie man dem Problem begegnen kann. Bis heute wurde nur Polemisiert und weniger Konstruktiv nach Lösungen gesucht. Christian Lukas-Altenburg Im Dschungel der Justiz 3. 2011**

Muss das Jugendstrafrecht verschärft werden? Darum tobt nun bereits seit zwei Wochen eine nicht enden wollende öffentliche Debatte. Sicher, Wahlkämpfe sind kein gutes Umfeld für differenzierte Betrachtungen, schon gar nicht, wenn es um komplexe Themen wie dieses geht. Trotzdem, die grundsätzliche Frage ist berechtigt: Braucht es rechtliche Änderungen, vielleicht sogar die, die die Union vorschlägt?
Nein, lautet fast übereinstimmend die Antwort derer, die jeden Tag mit dem Jugendstrafrecht arbeiten. Doch ganz so einfach ist das nicht. Zuerst einmal ist eine Unterscheidung notwendig, die der hessische Ministerpräsident Roland Koch als Auslöser und Antreiber der Debatte ganz bewusst nicht macht, die aber dringend geboten ist: die zwischen „normalen“ kriminellen Jugendlichen und jugendlichen „Mehrfach- und Intensivtätern“, wie sie bei der Polizei heißen.
Nicht jeder, der ein Auto stiehlt oder einen Mitschüler zusammenschlägt, gehört sofort zur letzteren Problemgruppe. Die Trennung ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, basiert aber immer auf der Idee, dass eine bestimmte Menge an Delikten einer bestimmten Schwere in einem definierten Zeitraum notwendig ist, um von der Polizei als Intensivtäter eingestuft und „betreut“ zu werden.
In Köln beispielsweise gibt es ein dynamisches Punktesystem. Ein Ladendiebstahl bringt einen Punkt, eine Körperverletzung je nach Schwere drei oder vier. Gleichzeitig führen die dortigen Kommissariate eine Liste der „Top 100“. Die 100 Registrierten mit den meisten Punkten gelten als Intensivtäter. In Berlin müssen sie innerhalb eines Jahres zehn Taten begehen und daneben unter anderem die Schule schwänzen oder durch hohen Alkoholkonsum auffallen.
Im Vergleich zu den „normalen“ kriminellen Jugendlichen ist diese Gruppe somit schon per definitionem sehr klein. Berlin führt derzeit (Stand 4. Dezember 2007) insgesamt 495 Namen als Intensivtäter. Gleichzeitig gab es hier (2006) mehr als 33.000 Tatverdächtige, die 21 Jahre oder jünger und damit für das Jugendstrafrecht relevant waren. Der Anteil der Intensivtäter beträgt also gerade einmal 1,5 Prozent. Niedersachsen hat „ungefähr 400 Jugendliche mit kriminellen Karrieren“, wie das LKA sagt, bei 43.000 Fällen insgesamt im Jahr 2006.
Roland Koch spricht über „junge kriminelle Ausländer“ oder noch allgemeiner von „Jugendgewalt“. Die Fakten, die er dabei verwendet, beziehen sich jedoch auf „Intensivtäter“. Das ist fatal, denn beide Gruppen unterscheiden sich in ihrem Verhalten, ihrer Herkunft und in den Sanktionsmaßnahmen, die nach Meinung von Experten gegen sie eingesetzt werden sollten.
Die Jugendgewalt allgemein nimmt, genau wie die gesamte Gewaltkriminalität, in Deutschland seit Jahren ab oder stagniert zumindest – je nach Delikt. Das meint nicht die Brutalität der Taten, Roheitsdelikte nehmen zu, sondern die Gesamtzahl. Dieser Befund ist eindeutig und das Fazit aller entsprechenden Studien, seien es die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), der periodischen Sicherheitsberichte der Bundesregierung oder kriminologische Dunkelfeldanalysen. Gleichzeitig brachten letztere Hinweise darauf, dass sich die Anzeigebereitschaft gegenüber jugendtypischen Delikten in den vergangenen Jahren erhöht hat, dass also mehr Gewalttaten von Jugendlichen angezeigt werden als früher, auch von anderen Jugendlichen – die in der Regel die Opfer sind, nicht ältere Menschen. Der Rückgang der tatsächlichen Gewalt also ist womöglich noch stärker als die Zahlen der angezeigten Taten nahelegen.
In dieser großen Menge nun gibt es die vergleichsweise kleine Teilmenge der Intensivtäter. Sie sind es, die kriminelle Karrieren haben und durch immer neue Delikte auffallen. Sie zeigen sich unbeeindruckt von staatlichen Sanktionen, seien es Geld-, Haft- oder soziale Strafen. Bei der weit größeren Gruppe der allgemeinen jugendlichen Täter ist das nicht so. Bei vielen Jugendlichen, die auffällig wurden, genügt es schon, wenn sie demonstrativ auf dem Schulhof festgenommen werden, um sie zum Nachdenken anzuregen. Viele Intensivtäter dagegen beeindruckt es überhaupt nicht, ins Gefängnis zu müssen, seien es drei Monate oder drei Jahre.
Genau an diesem Punkt werden die Forderungen der Union absurd. Diejenigen, die damit erreicht werden sollen, schreckt es nicht, wenn die Höchststrafe von zehn auf fünfzehn Jahre angehoben wird. Und die restlichen werden dieses Strafmaß sowieso kaum je erreichen. In Hessen, nur um ein Beispiel zu nennen, saßen 2006 genau vier Männer unter 21 Jahren im Gefängnis, die mehr als fünf Jahre Haft zu verbüßen hatten. Bundesweit wurden 2006 gerade einmal 91 Jugendliche oder Heranwachsende zu einer solchen Strafe verurteilt – von 106.000 Straftätern nach dem Jugendstrafrecht insgesamt. Das entspricht einem Anteil von 0,09 Prozent! Das Strafmaß für Jugendliche und Heranwachsende zu erhöhen ist somit bestenfalls eine wirkungslose Maßnahme. Sie klingt nur gut.
So ist es mit dem gesamten diskutierten Katalog. „Unter Fachleuten ist unstrittig, dass Erziehungscamps nicht viel bringen“, sagt Winfried Bodenburg, Landesbeauftragter Jugendsachen beim LKA Niedersachsen. „Wir müssen viel früher ansetzen und verhindern, dass sie überhaupt in den Bereich krimineller Karrieren abgleiten.“ Der Polizei-Jugendexperte fordert mehr Plätze für betreutes Wohnen, wo auffällige Jugendliche bis zu ein Jahr untergebracht und intensiv pädagogisch betreut werden können – „je früher, desto besser“. Erziehungscamps seien nicht viel billiger, brächten aber sehr viel weniger. „Hinterher zuzuschlagen zäumt das Problem am falschen Ende auf“, sagt Bodenburg.
Lediglich ein Vorschlag der Union findet auch in der Fachwelt Zustimmung: der Entzug des Führerscheins, beziehungsweise das Verbot, überhaupt einen zu machen. Dies könnte nach Ansicht von Praktikern tatsächlich ein wirksames Mittel sein – zur Erziehung. Alle anderen Ideen werden entweder für unsinnig gehalten, für wirkungslos oder sind wie Warnschussarreste bereits Realität, auch wenn die Union etwas anderes suggeriert.
Erziehung im Übrigen ist das zweite Unterscheidungsmerkmal, das Roland Koch und die Union derzeit bewusst vermeiden. Das deutsche Jugendstrafrecht soll in erste Linie nicht strafen, es will erziehen und so verhindern, dass ein Jugendlicher dauerhaft kriminell wird. Sein Kern ist die Überzeugung, dass Delinquenz ein mehr oder minder ausgeprägter, vor allem aber vorübergehender Teil des Heranwachsens ist, eine Phase, die fast jeder Jugendliche durchlebt und in der es Lenkung und Grenzen braucht. Die Union dagegen möchte wegsperren. Das jedoch bewirkt eher das Gegenteil des Erwünschten: Von den Jugendlichen, die ins Gefängnis kamen, wurden laut unterschiedlichen Studien mehr als 70 bis 80 Prozent rückfällig. Von denen, die Bewährungsstrafen erhielten, lediglich 50 Prozent.
Das heißt nicht, dass mildere Strafen zu weniger Kriminalität führen – es bedeutet aber auch nicht, dass härtere Strafen die Kriminalität verringern. Der Einfluss der Strafhöhe auf die Zahl der Straftaten ist einfach sehr klein.
Der Erziehungsgedanke sollte keinesfalls aufgegeben werden“, sagt Bodenburg. Im Gegenteil, er müsse, wenn denn Änderungen diskutiert werden, noch sehr viel weiter gehen. Denn nicht Strafe hat Einfluss auf Kriminalität. Genau dort liegt ein weiteres Problem der derzeitigen Debatte. Kaum jemand fragt nach dem „warum“, interessiert sich dafür, wer aus welchen Gründen zum Intensivtäter wird.
Dabei gibt es klare Zusammenhänge. Die meisten Delinquenten dieser Gruppe sind männlich; sie gehen nicht oder nur unregelmäßig zur Schule und werden mit Schlägen erzogen. Daneben gibt es noch diverse andere Faktoren, wie der soziale Zusammenhalt der Stadtteile, in denen sie leben, wie viel Alkohol sie trinken, wie viele ihrer Freunde straffällig wurden und wie ihre Umwelt auf ihre Gewalttätigkeit reagiert. Im Kern sind es das Erleben tradierter Erziehungsmethoden und schlechter Bildungschancen, die Intensivtäter gemein haben. Das nun betrifft überproportional viele ausländische Jugendliche, aber auch junge Spätaussiedler und solche aus dem Osten Deutschlands.
Im Kampf gegen dieses Problem härtere Strafen zu fordern ist ungefähr so sinnvoll, wie einem Schüler mit Lese-Rechtschreibschwäche längeres Nachsitzen zu verordnen, abzuleisten möglichst erst viele Wochen nach dem Diktat. Weniger Schreibfehler macht er so nicht, das kann nur frühe und konsequente Förderung bewirken.
Das deutsche Justizsystem versucht genau das. Beispielsweise wird in vielen Städten inzwischen jeder Intensivtäter egal, was er anstellt, von immer demselben Kommissariat betreut. Früher landeten die Akten auf immer neuen Schreibtischen, je nach Delikt und je nachdem, wer gerade Dienst hatte. So fiel auch kaum auf, wenn ein Täter oft in kurzem Abstand immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt kam. Das ist heute häufig anders.
Außerdem werden nicht nur Anzeigen aufgenommen, sondern immer häufiger wird auch das Gespräch mit den Familien und eventuell betreuenden Organisationen und Behörden gesucht. Und es gibt ständige „Ansprachen“, wo immer sich ein auffälliger Jugendlicher aufhält, ob zu Hause, an üblichen Treffpunkten seiner Clique oder an typischen Tatorten – die Polizei ist schon da und zeigt, dass sie ihn kennt. Dabei arbeitet sie eng mit Sozialbehörden und Vereinen zusammen und bemüht sich, anhand „weicher Faktoren“ wie Schulschwänzen früh zu erkennen, ob jemand abgleitet. Am liebsten würden die Beamten schon in die Kindergärten gehen, um so früh wie möglich Probleme zu erkennen.
Das hilft tatsächlich, braucht allerdings sehr viel Personal. In Niedersachsen beispielsweise gibt es 600 „Jugendsachbearbeiter“ bei der Polizei – für 43.000 Delikte. Es ist nicht eben sinnvoll, dass beispielsweise unter Roland Koch in Hessen hunderte Stellen bei der Polizei gestrichen und Millionen Euro bei Jugendhilfe- und Beratungsprojekten gekürzt wurden.
Braucht es nun Änderungen im Jugendstrafrecht? Der deutsche Richterbund beispielsweise, der sich von einigen Debattierenden persönlich angegriffen sieht, findet das Jugendstrafrecht gut, so wie es ist. „Das Instrumentarium reicht aus“, sagte der Vorsitzende des Bundes, Oberstaatsanwalt Christoph Frank der Frankfurter Allgemeinen Zeitung . Es müsse nur voll zur Verfügung stehen. Mit anderen Worten: schnelle Verfahren, schnelle Verurteilung, schneller Strafantritt.

Ähnlich denkt man auch bei der Gegenseite, der Bundesrechtsanwaltskammer. Urteile ein Jahr nach der Tat hätten keine erzieherische Wirkung mehr, heißt es dort. Das Gleiche glaubt die Polizei. „Wir müssen schneller arbeiten“, sagt Bodenburg vom LKA Niedersachsen. Alle drei Faktoren aber hängen nicht von den Gesetzen ab, sondern von der Ausstattung der Gerichte, der Polizeidienststellen, der Gefängnisse und der Jugendhilfevereine.
Die nicht eben für ihre laxen Vorschläge bekannte Innenministerkonferenz kommt denn auch zu ganz anderen Empfehlungen als die nun so aufgeregten Unionspolitiker – und zwar die Innenminister aus den Unionsländern genauso wie die aus den SPD-regierten. Noch bessere Vernetzung aller beteiligten Stellen fordert sie, Aufnahme von Intensivtätern in die Kriminalstatistik und eine bundeseinheitliche Definition für sie, mehr Augenmerk auf Risikofaktoren wie Schulschwänzen und eine bessere Kooperation mit den Schulen. Tenor: Prävention.
Im Bundesjustizministerium weist man außerdem darauf hin, dass in der Debatte darauf geachtet werden sollte, "dass Problem nicht nur auf eine Bevölkerungsgruppe zu reduzieren". Schließlich seien an Vorfällen wie in München nicht nur ausländische Jugendliche beteiligt, gebe es doch ebenso brutale Gewalt von Deutschen gegen Ausländer. Grundsätzlich hält man es auch im Justizressort für sinnvoller, das geltende Recht so schnell wie möglich umzusetzen, statt es zu ändern. "Man muss aufpassen, dass man keine falsche Sicherheit vorgaukelt", sagte ein Sprecher. Im Übrigen würden all diese Vorschläge schon seit Jahren immer wieder gemacht. "Bisher wurden sie immer wieder verworfen."
Doch die politische Debatte führt nicht nur am Problem vorbei. Sie verursacht auch einen gefährlichen Kollateralschaden, ja nimmt ihn möglicherweise gar in Kauf: Mit ihren Argumenten sät die Union Zweifel daran, dass das bisherige Jugendstrafrecht sinnvoll ist. Das ist grob fahrlässig.

Montag, 11. Juli 2011

Der Vollzug der Sicherungsverwahrung.

Aufgabe des Vollzuges?
Der Vollzug hat als primäre Aufgabe, den Straffällig gewordenen dazu zu befähigen, ein straffreies und sozial gesichertes Leben zu führen. Die Realität allerdings sieht dagegen völlig anders aus, es kann tatsächlich nicht davon ausgegangen werden, dass der straffällig gewordene dazu befähigt wird, ein sozial gesichertes, geschweige denn, künftig ein straffreies Leben zu führen. Ergebnis dieses in der Tat desolaten Vollzuges sind schwerwiegende psychische aber auch physische Schäden, welche durch unkalkulierbare Haftdeprivationen während des Vollzuges der Freiheitsstrafe hervorgerufen werden.


Die hohe Anzahl an Rückfalltätern resultiert aus der mangelhaften bis völlig
ungenügenden Behandlung und Tataufarbeitung der im Strafvollzug und der
Sicherungsverwahrung ausschließlich verwahrten Delinquenten.



Der Strafvollzug in der Bundesrepublik Deutschland, ist seit Ende 1990 in der
Rückentwicklung zum Strafzweckgedanken eines Prof. Franz von Liszt aus dem
Jahre 1872 Strenges Fasten, Prügelstrafe und Dunkelhaft.



Es bleibt das mulmige Gefühl, eines in der Tat menschenverachtenden Angstgefühls, dass schleichend, aber gezielt - die rechtsstaatliche Ordnung Schritt für Schritt zur Makulatur einer neuen / alten Obrigkeitskultur verkommt. Es bleibt zu Hoffen, dass es noch Menschen gibt, die diese Menschen-verachtende Vollzugskultur erkennen und verurteilen. Wir sprachen bereits des Öfteren die Rechtsstaatlichkeit an, dieser Begriff hat es in sich und sollte nochmals näher betrachtet werden. Denn, Rechtsstaatlichkeit setzt voraus, dass das Recht im Wesentlichen objektiv sein soll.


Also das normative Recht, nicht im Formalismus erstickt, sondern die Effektivität des recht deutlich, durch eine objektive Betrachtung, Anwendung und Auslegung herausgearbeitet wird. Die Form der Rechtnorm dabei aber nicht auf der Strecke bleibt, und die Grundsätze eines rechtsstaatlichen Verfahrens gewahrt bleiben, was im Übrigen für alle Verfahrensbeteiligten gilt. Es klingt fast wie ein Wunschtraum und deckt sich nicht mit der Wirklichkeit des sogenannten Recht-tum,s in Deutschland, was insbesondere an den Verfahrensweisen zur Anordnung der Sicherungsverwahrung zu beklagen ist und die Öffentlichkeit (Gesellschaft) durch einen menschenverachtenden Sicherheitsfanatismus und einer verantwortungslosen, massenmedialen Suggestion von vermeintlicher Gewalt und Kriminalitätszunahme getäuscht wird. Diese vermeintliche irreale Wirklichkeit, steht im krassen Gegensatz
zur verfassungsrechtlichen Rechtsstaatlichkeit.


Diese Thematik habe ich in meinem neuen Buch *Im Dschungel der Justiz* hinter Gittern Sterben oder in Freiheit Leben, versucht aufzuschlüsseln.
Es ist mir natürlich bewusst, dass eine solche Diskussion immer ein Pro und Contra in der Gesellschaft hervorrufen wird. Doch denke ich, dürfen wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern müssen uns mit der Thematik auseinandersetzen. Das neue Buch erscheint nun voraussichtlich ende August und  soll dazu beitragen, endlich einmal eine Grundsätzliche Diskussion über den Vollzug der Sicherungsverwahrung ermöglichen.


Ich bin der Überzeugung, dass es dinglicher und dringender denn je ist,
endlich klare Maßstäbe und Richtlinien für die Vollzugsform der
Sicherungsverwahrung zu implementieren. Es muss hinreichend sichergestellt
werden, dass auch Verwahrte eine reale und faire Chance erhalten, sich in die
Gesellschaft wieder einzugliedern und darauf vorzubereiten. Der Staat bzw. die
Verantwortlichen der Justiz sind gefordert, die Sicherungsverwahrung grundlegend neu zu konzeptionieren.


Das heißt insbesondere, dass die behandelnden Maßnahmen auf jeden Verwahrten individuell ausgelegt sein müssen, um deren Fortkommen im Vollzug der Sicherungsverwahrung zu wahren. Es ist dabei vor allem darauf zu achten, dass eine Verhinderung von (Rückfall-)Kriminalität nur effektiv kann und nur dann erfolgreich sein kann, wenn der Vollzug für die Inhaftierten die Möglichkeit schafft, die Ursachen der vorangegangenen Delinquenz aufzuarbeiten und für die Zukunft Strategien zu entwickeln, diesen entgegenzuwirken.

Dienstag, 5. Juli 2011

acht Quadratmeter

Angst vor Gewalt, Machtlosigkeit, täglich eine Stunde Hofgang und hundert Gramm Nutella für zwei Wochen: Knastleben bedeutet vor allem, viel zu verpassen. Für das Jugendmagazin "Spiesser" besuchte Cornelius Pollmerdrei junge Häftlinge im Gefängnis Adelsheim.



Die Sonne brennt vom knallblauen Himmel, die Luft steht. Es ist früher Abend im baden-württembergischen Adelsheim, kurz vor 17 Uhr und immer noch 34 Grad im kaum vorhandenen Schatten. Am Stadtrand schieben sich ein paar Russlanddeutsche gelangweilt einen Hacky-Sack hin und her, vor dem Streetball-Korb steigt ein körperbetontes Fünf gegen Fünf. Graue Wohnblöcke stehen abseits. Sieht aus wie ein Ferienlager, Marke kroatische Urlaubersiedlung, Siebziger-Jahre-Bausünde.
Ein kräftiger Typ in dunkelblauer Busfahrerhose schlurft zu einem Wärterhäuschen und greift zum Mikro: In drei Minuten Hofgang-Ende, blechert es aus Lautsprechern. Kein Feriendorf also, sondern der Jugendknast Adelsheim mit 430 Plätzen die drittgrößte Jugendstrafanstalt Deutschlands. Die ausschließlich männlichen Insassen sind zwischen 14 und 23 Jahre alt und rücken durchschnittlich für elf Monate ein; die meisten sitzen wegen Diebstahls oder Drogen-Delikten (je 30 Prozent), andere wegen Körperverletzung (18 Prozent) oder Raub (14 Prozent), nur wenige wegen Mordes oder Sexualstraftaten.
Wer in Freiheit auf dumme Gedanken kam, der kommt es in Unfreiheit erst recht. Die JVA Adelsheim ist weitgehend glasfrei. Im Einkaufsladen auf dem Gelände gibt es keine Alu-Tuben, in deren Falz sich leicht Drogen verstecken ließen. Und Klebeband ist auf den Zellen verboten, weil es das Pendeln erleichtert, also den Austausch von Drogen über Seilschaften entlang der Außenwände der Wohnblöcke.

Nur die Gedanken sind frei
Drogen gibt es trotzdem, die gleichen wie draußen, sagt ein Therapeut. Insassen bilden Grüppchen. In Adelsheim gibt es die Russlanddeutschen, die Türken, und beide sagen über die Deutschen, dass diese es schwer hätten, weil sie nicht zusammenhalten würden.
Wer auf sich allein gestellt ist, kann schnell zum Fisch werden. So nennen sie hier die Schwächeren, die psychische oder handfeste Gewalt aushalten müssen. In Ruhe gelassen zu werden, kann dann teuer werden: bis zu zwei Dosen Tabak im Monat.

Frauen gibt es in Adelsheim nur an zwei Stellen: im Fernseher, der im Monat 15 Euro Miete kostet; und im Einkaufsladen, auf dem Hochglanzpapier von "Coupé", "Playboy" oder "FHM". Die Gedanken sind frei. Die JVA Adelsheim versucht noch ein gutes Stück Freiheit obendrauf zu packen mit einem modernen Verständnis von Jugendstrafvollzug, mit vielen Freizeit- und Bildungsangeboten. Doch jede Freiheit stößt an Grenzen, spätestens an der großen, grauen Mauer, 1300 Meter lang und fünfeinhalb Meter hoch.Das Leben hier ist nicht leicht und soll es auch nicht sein. Ein Bild der Sehnsüchte zeichnet der Gefängnisladen, in dem ein Häftling 30 bis 70 Euro im Monat ausgibt, selbst erarbeitet oder von Angehörigen eingezahlt. Tabak und besonders Körperpflege sind Dauerbrenner, es gibt Tuning-Zeitschriften, HipHop-Mags und TV-Programmies. Oder nach dieser einen Stunde, wenn um 17 Uhr der Typ in Busfahrerhose zum Wärterhäuschen schlurft und nach dem Mikro greift, wenn die Russland-Deutschen, die Türken und Deutschen zurückgehen in die Wohnblöcke zum Abendessen, wenn um 21.30 Uhr Zelleneinschluss ist, um 6.15 Uhr Aufstehen, 6.30 Uhr Frühstück, Abrücken um 7 Uhr und später dann, nach Schule oder Arbeit, Hofgang von 16 bis 17 Uhr.


In Deutschland sitzen 75.000 Menschen im Gefängnis, etwa 7.500 davon sind Jugendliche, verteilt auf 22 Haftanstalten. Bei Straftätern zwischen 14 und 18 Jahren gilt das Jugendstrafrecht. Zwischen 18 und 21 Jahren entscheidet das Gericht, ob Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht angewendet wird. 95 Prozent aller Jugendlichen in Haft sind männlich.



Patrick, 18, Körperverletzung, räuberische Erpressung, vier Jahre und sechs Monate
Es ist früh, kurz nach halb sieben. In der Küche des F-Baus, dem Haus für die schweren Jungs, holen sich Patrick und seine Zellennachbarn ihr Frühstück ab. Brot gibt es jeden Morgen, heute zusätzlich einen Joghurt. Alle zwei Wochen bekommen sie etwas über 100 Gramm Nutella, im Wechsel mit Marmelade 2,44 Euro pro Häftling gibt die JVA am Tag für Lebensmittel aus.
Punkt 7 Uhr spucken die Wohnblöcke Gefangene aus, eine Barackensiedlung am Rande der Anstalt schluckt sie wieder. Hinter den Insassen werden alle Türen verschlossen. Doppelt.

Patrick steht jetzt in Halle P3 an einer schweren Drehmaschine. Der 18-Jährige macht eine Ausbildung zum Teilezurichter. 1,51 Euro die Stunde bekommt er hier, in Adelsheim ist das der Regelsatz. Mindestlohn, sozusagen. Heute sind es Teile, die Patrick zurichtet, früher waren es auch mal Menschen. Mit 13 beging er seine erste Straftat. Jemand hatte ihn Hurensohn genannt. Schlägerei, Körperverletzung. Patrick machte weiter. Nach mehreren Bewährungsstrafen landete er schließlich in Adelsheim.

"Meine Freundin ist ein anständiges Mädchen"
"Es ist gerecht, dass ich hier bin. Aber das Strafmaß ist zu hoch. Ich hätte mir drei Jahre gegeben", sagt er. Trotzdem sei es gut, dass sie ihn rechtzeitig weggeschlossen haben. "Sonst wäre ich irgendwann vielleicht als Mörder hier rein gekommen."
Sicher, diesen immergleichen Alltag, den findet Patrick einfach scheiße. Schlimmer aber ist, dass auch jene darunter leiden, die ihm wichtig sind. Seine Eltern etwa. Die Mutter weint auch nach zwei Jahren noch, wenn sie ihren Sohn besuchen kommt, vier Stunden pro Monat mehr Besuch ist nicht erlaubt.
Oder die Freundin, mit der Patrick zusammen ist, seit sie 14 waren. Sie rutschte in der Schule ab, hat sich jetzt aber gefangen. Auch sonst macht sich Patrick da keine Sorgen: "Meine Freundin ist ein anständiges Mädchen." Das ist es, was Patrick auch sein will: anständig. Von einem geregelten Leben träumt er, von einer Arbeit, Familie, Kindern. Nichts besonderes, ein einfaches Leben eben, sagt er.
Das hier im Knast, das sei kein Leben. Da dürfe man sich "gar nicht erst dran gewöhnen, nur anpassen. Wer sich daran gewöhnt, der kommt auch wieder". Patrick hat Angst, dass auch er wiederkommen wird. Angst davor, dass es weitergeht , wenn er draußen ist. "Ich werde kein Engel sein, das ist sicher. Aber ich habe vor, ein geregeltes Leben zu führen."

Michael, 18, räuberische Erpressung, zwei Jahre und sechs Monate
Nicht viel an Michael erinnert an einen Verbrecher. Hagerer Typ, braune Augen, buschige Brauen, Bartflaum. Er trägt weiße Stoffschuhe mit schwarzen Totenköpfen darauf. Alles wirkt harmlos.

Dabei gab es eine Zeit, in der ist man Michael nachts lieber nicht auf der Straße begegnet. Mit seinen Kollegen lauerte er nahe Straßenlaternen Passanten auf. Teure Anzüge, wie die von Gucci oder Prada, schimmern bläulich im Lichtkegel der Laternen, sagt Michael. Und immer wenn es schimmerte, zog sich Michael die Maske runter. 30 Sekunden dauerte ein Überfall, wenn alles nach Plan lief.
Einmal lief es nicht nach Plan. Michael brauchte wieder Geld, wie jeden Tag hundert Euro für Heroin. Er war nicht nüchtern, machte einen Fehler, zack: Knast. "Dafür bin ich heute dankbar", sagt er, "und mit dem Strafmaß habe ich sogar noch Glück gehabt." Eigentlich bekomme man für sowas ein Jahr mehr.

Doch Unglück im Glück: Als Michael, damals 16, verurteilt wurde, war seine 15-jährige Freundin im zweiten Monat schwanger. Die Geburt hat er sich im Knast auf DVD angeschaut und danach das erste Mal seit vier Jahren geheult.

Briefe schreiben als Ablenkung
Gefängnis bedeutet, viel zu verpassen. Und das ist es, was Michael hier zu schaffen macht. Dieses Gefühl, machtlos zu sein, wenn ihn seine Freundin besucht, ihm im Besucherraum gegenüber sitzt und vom Ärger mit dem Jugendamt erzählt. Dieses Gefühl der Leere, wenn sie wieder mal fragt, wie es ihm nun verdammt noch mal gehe und Michael wieder nur mit den Schultern zuckt, wieder nur sagen kann, dass er das selbst nicht wisse.

Michael muss hier nicht arbeiten, er darf in der arbeitspädagogischen Gruppe schaffen. Gerade baut er an einer Modellbahnanlage. Der Bahnhof von Osterburken steht schon, jetzt pappt er mit Fliesenkleber einen Wasserfall zusammen.
Die Beschäftigung ist ihm auch deswegen lieb, weil er für ein paar Stunden am Tag nicht nachgrübelt über seine Tochter, seine Tat, seine Zukunft. Michael versucht oft, sich abzulenken. Er schreibt Briefe. An seine Mutter, mit der er eine Firma gegründet hat, die auf seinen Namen läuft und die zum florierenden Partyservice werden soll, wenn er endlich wieder raus ist und sein neues Leben beginnt. Er schreibt sich auch Briefe mit dieser Frau, bei der der Überfall nicht nach Plan verlief.
Er weiß, dass er es nicht leicht haben wird, draußen. Und dass es gut sein kann, dass er Adelsheim im Dezember nicht für immer verlässt: "Kommt es hart auf hart, geht es um meine Familie, dann ist mir auch in Zukunft jedes Mittel recht."


Sonntag, 3. Juli 2011

Soziale Kompetenzen.

In Folge des demographischen Wandels ist man in Deutschland und anderen westlichen Industrienationen wieder dafür sensibilisiert worden, dass Kinder das wichtigste Gut einer Gesellschaft darstellen. Probleme wie die Sicherung der Altersversorgung, die Staatsverschuldung zu Lasten nachfolgender Generationen oder eine familiengerechte Steuerpolitik sind Beispiele für diese Diskussion. Das Thema „Kinder“ ist aber nicht nur wegen des ökonomischen Aspekts aktuell. Ressortübergreifend beschäftigt es unter anderem die Familienpolitik, Bildungspolitik, Sozialpolitik und Innenpolitik. Stichworte hierfür sind die niedrigen Geburtenraten, die Probleme der Vereinbarkeit von Elternrolle und Beruf, die internationalen Leistungsvergleiche an Schulen, die gestiegene Kinderarmut, die Misshandlung von Kindern oder die Gewalt
von Jugendlichen. Zweifellos werden diese und andere Themen oft allzu pauschal diskutiert und einseitig problematisiert. Mit einiger Berechtigung kann man sie aber als Signale dafür betrachten, dass sich unsere Gesellschaft tiefgreifend damit befassen muss, wie ihre Kinder aufwachsen. Denn die soziale und mentale Kraft eines Landes hängt von quantitativen und qualitativen Aspekten der zukünftigen Generationen ab. Wenn zum Beispiel gerade gut ausgebildete Paare immer seltener Kinder haben und sich in anderen Teilen der Bevölkerung die Probleme häufen, so ist mit längerfristigen Veränderungen der kindlichen Lebenswelten zu rechnen, die bislang erst ansatzweise erkannt werden. Das heißt, es geht auch um die Frage, wie unter den komplexen Veränderungen der modernen Gesellschaft seelisch gesunde, sozial kompetente und leistungsfähige junge Menschen heranwachsen. 


Ohne dramatisieren zu wollen, scheint dies in vielen Fällen nicht zuzutreffen. Denn nach internationalen Studien zur Prävalenz muss davon ausgegangen werden, dass knapp ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen gravierende Erlebens- und Verhaltensprobleme haben (z.B. Aggression, Ängste, Delinquenz, Depression, Hyperaktivität, Drogenabhängigkeit oder Essstörungen). Nicht selten kommen mehrere Probleme zusammen und wird auch die schulische Laufbahn beeinträchtigt. Die durch „Pisa“ und „Erfurt“ symbolisierten Probleme bilden somit keinen Gegensatz, sondern zwei Seiten einer Medaille. Bei vielen Kindern kommt es nicht nur kurzzeitig zu Schwierigkeiten, sondern es handelt sich um langfristige Entwicklungen, die sich bis ins Erwachsenenalter verfestigen können. Dies scheint insbesondere für frühe Probleme des Sozialverhaltens zu gelten.



International führt man deshalb großangelegte Studien durch, in denen solche
Entwicklungen erforscht und Möglichkeiten der Vorbeugung erprobt werden.
Auch in Deutschland bemüht man sich vermehrt um Prävention in den Familien

Schulen und Kindergärten, doch steht die einschlägige Forschung erst am Anfang. Dies gilt besonders für die systematische Evaluation von Präventionsprogrammen.


Viele derartige Maßnahmen werden zwar in engagierter Weise angeboten (z.B.
Anti-Gewalt-Programme oder Anti-Rassismus-Programme), wir wissen aber noch kaum, was sie bewirken. Die systematische Wirkungsprüfung interessiert nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht, sondern auch im Hinblick auf den effizienten Einsatz von Ressourcen. Darüber hinaus gibt es Beispiele dafür, dass gut gemeinte Präventionsmaßnahmen manchmal sogar negative Auswirkungen haben. Vor diesem Hintergrund wurde die Erlangen-Nürnberger Studie konzipiert und auch vom Bundesfamilienministerium gefördert.



Es handelt sich um das erste deutsche Modellprojekt einer kombinierten Entwicklungs- und Präventionsstudie. Zum einen wurden die Entstehung und Verfestigung von Verhaltensproblemen bereits im Kindergartenalter  untersucht (Entwicklungsstudie). Zum andern wurden Präventionsmaßnahmen durchgeführt  und evaluiert, die zur Verbesserung der Erziehungskompetenz der Eltern und sozialen Kompetenz der Kinder beitragen sollen (Präventionsstudie). Unser Präventionsansatz war universell. Das heißt, es wurden keine speziellen Risikogruppen ausgewählt. Die Programme waren niederschwellige Angebote, die für alle Eltern und Kinder der betreffenden Kindergärten in Frage kamen. Wir setzten bereits im Kindergarten an, weil hier die Verhaltensprobleme noch weniger verfestigt sind und nicht durch eventuelle schulische Schwierigkeiten kompliziert werden. Der Untersuchungsplan der Studie enthielt drei Erhebungen im jährlichen Anstand. Bei einem Teil der Stichprobe gab es dazwischen eine Interventionsphase, in der das Kindertraining, das Elterntraining oder eine Kombination beider Programme durchgeführt wurden.


Die gesamte Studie zeigte sehr deutlich wie Wichtig die Vermittlung sozialer Kompetenzen für Kinder und Jugendliche sein können, um drohende Delinquenz wirkungsvoll begegnen zu können.





Er gilt als einer der wirkungmächtigsten und zu gleich heftig umstrittenen zeitgenössischen Justizkritiker, die rede ist von Christian Lu...