Dienstag, 28. Juni 2011

Jugendliche im Strafvollzug...

Jugendliche im Strafvollzug...


Kann eine Ausstellung, die Porträts von Jugendlichen im Strafvollzug zeigt, die Bereitschaft fördern, sich auf ein Thema einzulassen, das unangenehm und bei vielen mit Vorurteilen belastet ist? Die Ausstellung „Prügelkinder“ will durch die Begegnung mit jungen Straftätern vor allem über andere Lebenssituationen
informieren und den Betrachter nachdenklich machen.
Wie geht die Gesellschaft, wie gehen wir mit jungen Menschen um, deren Lebensweg plötzlich anders verläuft, bei denen Erziehung versagt hat und nur ein mangelndes oder kein Unrechtsbewusstsein vorhanden ist? Die Biografien der vier Jugendlichen in dieser Ausstellung ähneln zunächst den Lebensläufen tausender anderer – Schwierigkeiten in der Schule, Probleme mit Eltern und Geschwistern, pubertäre Auffälligkeiten bis hin zur ersten Straftat, bei der sie „erwischt“ werden. Dann aber ändert sich das Leben radikal: Strafverfahren – Freiheitsstrafe – Knast. Natürlich entsprechen Marco, Karlchen, Jarno und
Reinhold nicht der Kriminalstatistik des Landes Brandenburg, denn Tötungsdelikte und Gewaltstraftaten nahmen in den letzten Jahren ab, während z.B. Diebstähle und Drogenkriminalität zugenommen haben. Die
Entscheidung über die Auswahl der vier Porträtierten lag ganz allein bei den Autoren und bei den Gefangenen. Unter Wahrung der Anonymität, die die Jugendlichen und ihre Familien schützen und ihnen nach der Entlassung einen möglichst vorurteilsfreien Neuanfang ermöglichen sollen, waren die vier bereit, sich in Wort und Bild porträtieren zu lassen. 
Die eingeschränkte Möglichkeit der visuellen Darstellung war für den Fotografen Andreas Kämper eine besondere Herausforderung. Aber die Konzentration
auf den Ausschnitt, die Entdeckung des Details und das Erfassen von scheinbar Nebensächlichem gibt dem Betrachter ein erstaunlich „vollständiges“ Bild
vom Charakter des Porträtierten und seiner momentanen Lebenssituation und erlaubt eine Ahnung, wie anders das Leben „hinter Gittern“ abläuft.


Durch eine behutsame Annäherung gelang es auch Holde-Barbara Ulrich, das Vertrauen der jugendlichen Straftäter zu gewinnen. In langen Gesprächen erzählten sie ihr, wie es zu den Straftaten kam, sprachen scheinbar emotionslos von Gewalt und Rache, berichteten vom Knast-Alltag. Das, was die Autorin erfuhr, übersteigt oft das Vorstellbare und Fassbare.
Dennoch nahm sie sich in der Beurteilung völlig zurück, verzichtete auf jeden Kommentar und überlässt die Wertung dem Leser. Die Themen Strafgefangener, Strafe und Strafvollzug werden öffentlich häufig wenig differenziert behandelt, erscheinen meist grell beleuchtet und verzerrt
in Boulevardblättern oder TV-Serien, die kaum mit der Wirklichkeit zu tun haben. In dieser Ausstellung ist es gelungen, im Zusammenspiel von Fotografie und Text Momente des Alltags im Strafvollzug realistisch zu schildern.

Zum besseren Verständnis von Strafe und Strafmaß
und um den Tagesablauf eines Gefangenen nachvollziehbar zu machen, wurde die Ausstellung durch Auszüge aus dem Jugendgerichtsgesetz, dem Strafvollzugsgesetz, aus der Hausordnung und der Besuchsordnung einer Jugend Strafvollzugsanstalt ergänzt.



Die Arbeit im Jugendstrafvollzug ist Bildungs- und Erziehungsarbeit. Sie lebt von der Hoffnung und dem Zutrauen in die Fähigkeiten des jungen Menschen, sich weiter positiv entwickeln zu können. Der Jugendstrafvollzug muss sich, will er wirklich etwas erreichen, einem positiven, dennoch realistischen Menschenbild verpflichtet fühlen. Dies bedeutet für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Jugend Strafvollzugsanstalt, eine Philosophie der Lernförderung zu entwickeln. Jugendliche müssen permanent zum Lernen ermutigt werden. Keiner der Inhaftierten darf aufgegeben oder seinem Schicksal überlassen werden. Damit steht der Jugendvollzug mit seinen Mitarbeitern/in der Pflicht, einen Teil der von den Eltern und der Gesellschaft versäumten Erziehung nachzuholen. Allein darin zeigt sich die Schwierigkeit der Arbeit der Bediensteten, die in der Öffentlichkeit viel zu wenig Anerkennung findet.“




Freitag, 24. Juni 2011

Wirklichkeit oder einfach nur Unmenschlich ?

Ernst Klee**: "Vielleicht begreifen einige, dass unsere eigene Lebensleistung wenig ist gegen die eines spastisch Gelähmten […], der gegen seinen zuckenden Körper, seine verwaschene Sprache und unsere Vorurteile vom erfolgreichen Menschen ankämpfen muss. Es gibt mehr Karrieremenschen als Menschen."


Justiz wie Strafvollzug fristen im öffentlichen Bewußtsein ein Schattendasein. Der Stellenwert ihrer politischen Bedeutung ist zweit- bis drittrangig. Das öffentliche politische Leben wird durch die Wirtschafts-, Steuer-, Ökologie-, Sozial-, Innen- oder Außenpolitik dominiert. Politische Entscheidungen in diesen Bereichen betreffen das tägliche Leben der einzelnen BürgerInnen oder sogar die eigenen Geldbeutel. Alle PolitikerInnen, die versuchen, sich zu profilieren, tun das auf den oben genannten Gebieten. Ehrgeizig Denkende meiden Sachgebiete, in denen mangelndes öffentliches Interesse keine öffentlichen Lorbeeren verspricht. Der Strafvollzug leidet dementsprechend unter völlig unzureichender Mittelausstattung. Die Zustände in vielen deutschen Gefängnissen nehmen in den letzten Jahren zunehmend "Dritte-Welt-Charakter" an. Das ist nicht nur den untauglichen Behandlungsmaximen, dem Mangel an ausreichend motiviertem und qualifiziertem Personal und der chronischen Überbelegung anzulasten, sondern auch den größtenteils völlig überalterten Gebäuden und unzureichenden Einrichtungen. 
Der Strafvollzug als Ahndungmittel der Justiz geht wie seit Jahrhunderten mit einem archaischen Bestreben, Rache für einen Regelverstoß zu üben, zu Werke, anstatt endlich ergebnisorientiert zu arbeiten. Was wir tagtäglich im Vollzug erleben, ist inpraktikabel, ineffizient und wird zunehmend unbezahlbar. Wer von der Justiz Ergebnisse erwartet, muß in sie investieren. Investitionen in mehr Gefängisse oder in noch mehr Beamte, die noch mehr sinnlos Türen bewachen, sind hinausgeworfenes Geld. Maßnahmen, die nur zur Befriedigung populistischer Sprüche von Politikern dienen, leisten weder einen Beitrag zum Rechtsfrieden noch senken sie Rückfallquoten. 
"Gesetze müssen der Wirklichkeit angepaßt werden, nicht die Wirklichkeit den Gesetzen!" Diese epochale Erkenntnis äußerte neulich der sächsische Wirtschaftsminister in Zusammenhang mit der Diskussion über die längst fällige Liberalisierung der Ladenschlussgesetze. Diese Erkenntnis sollte genauso für die Justiz gelten. 
Die Knebelordnung der Zünfte verteidigte einst Pfründe und Einkommen eines nicht wettbewerbsorientierten Handwerksgewerbes. Sie wurde im 17. und 18. Jahrhundert überwunden. Früher gestattete Kartelle werden seit Ende des 2. Weltkrieges als Wettbewerbshemmnis bekämpft, immer mehr Monopole werden zur Verbesserung des Gemeinnutzens geknackt. In der Wirtschaft hat sich längst schon die Erkenntnis durchgesetzt, dass Ordnungen nur dann eine Existenzberechtigung haben, wenn sie einem optimierten Ergebnis für die Gesellschaft dienen. Ordnungen oder Gesetze, die nur dem Schutz von Pfründen einzelner Berufsgruppen oder zur Aufrechterhaltung ideologisch verbrämten Konservatismus dienen, sind teurer Unsinn. 
Die deutschen Haftanstalten sind nicht nur randvoll, sondern menschenunwürdig überbelegt. Dieses Land müsste angesichts seiner jüngsten Geschichte besonders sensibel sein, was die Menschenwürde in Staatsobhut angeht. Diese Überbelegung ist Folge einer zwar international üblichen, dennoch nicht weniger völlig verfehlten Rechtspolitik. Die sich locker auf 100.000 zu bewegende Anzahl der Insassen in deutschen Gefängnissen ernährt mit ihrer Existenz so manche Berufsgruppe, die auf dem leistungsorientierten Arbeitsmarkt ihre Schwierigkeiten hätte, jedoch sollte das Arbeitsmarktproblem zweitklassiger Juristen kein Anlass sein, die sauer verdienten Millionen der Steuerzahler weitestgehend sinn- und ergebnislos für ein Justizdogma zu verplempern, das sich als ineffizient erweist und den untauglichen Versuch unternimmt, mit Mitteln des 19. Jahrhunderts gesellschaftlichen Phänomenen des 20. und bald des 21. Jahrhunderts zu begegnen. 
Die deutsche Justiz sieht ihre Aufgabe darin, Sanktionen für gesellschaftlich geächtetes  Verhalten zu verhängen und zu vollstrecken. Dieser traditionelle Weg zur Herstellung des Rechtsfriedens wird seit Menschengedenken gegangen und ist trotz aller Wandlung im Lauf der Jahrhunderte ausgelatscht wie die Via Appia. Die zunehmende soziale Komplexität des menschlichen Zusammenlebens zeigt jedoch deutlich, dass die Wirksamkeit dieser traditionellen Werkzeuge mehr und mehr an ihre Grenzen stößt. 
Die Ursachen menschlichen (Fehl-) Verhaltens und somit des Phänomens Kriminalität sind individuell, meist durch soziale und/oder finanzielle Verhältnisse bedingt oder begünstigt. Folglich muß eine effiziente Bekämpfung der Kriminalität über die reine Sanktionierung durch Strafe hinausgehen und auf die individuellen Ursachen für die Verfehlungen jedes einzelnen Delinquenten eingehen. Genau wie sich die Militärdoktrin der zivilisierten Welt im Laufe der letzten fünfzig Jahre von der brachialen Androhung von globaler Gewaltanwendung zur sogenannten "flexible response” gewandelt hat, müssen sich die Maßnahmen der Justiz weg von der archaischen Strafverhängung hin zur individuellen Ursachenbekämpfung entwickeln. 
In Amberg steht ein Mann das neunte Mal wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis vor Gericht. Die Fakten sind klar: er war bei einer allgemeinen Verkehrskontrolle wieder einmal aufgefallen. Viel anders war es bei den vorhergehenden Fällen auch nicht gewesen. Wiederholte Geldstrafen, Führerscheinsperre und sogar eine Bewährungsstrafe hatten diesen Mann nicht von einer Wiederholung abgehalten. Nur fiel diesmal dem Richter auf, dass er immer auf derselben Strecke, sagen wir zwischen Schwandorf und Regensburg, erwischt wurde. Auf Nachfrage des Richters schilderte der Sünder seine Lebensverhältnisse: er lebte und arbeitete als normaler Arbeitnehmer in einem Dorf bei Schwandorf. Er gab zu, homosexuell zu sein. Offenbar wurde, dass er, um der in seinem dörflichen Umfeld drohenden Ächtung seiner Neigungen zu entgehen, sein Privatleben in die Anonymität der nächsten Großstadt, nämlich Regensburg, verlegen musste. Da er zu Beginn dieser Entwicklung nun mal keinen Führerschein besessen hatte, war er in einen Teufelskreis geraten: die erste Führerscheinsperre hinderte ihn, einen zu erwerben; seine Neigungen in seinem dörflichen Umfeld auszuleben, hätte seine gesellschaftliche Vernichtung zur Folge gehabt und umziehen hätte keine Abhilfe, sondern nur eine Umkehrung des Problems bedeutet, da sich sein Arbeitsplatz in seinem Dorf befand. Der Richter zeichnete sich durch ein Urteil salomonischer Qualität aus: er verurteilte den Delinquenten - gezwungen durch die Gesetzeslage - zu einer Freiheitsstrafe, setzte diese aber unter der Auflage, sich binnen 30 Tagen bei einer Fahrschule anzumelden und binnen eines Jahres den Führerschein zu erwerben, zur Bewährung aus. 
Das Beispiel im Text mag banal sein, es zeigt jedoch, dass Maßnahmen der Justiz mehr sein könnten als tumbe Ahndung nach Katalog. Meines Erachtens nach verdient der Urheber dieses Urteils einen Bundesverdienstorden. Ihm ist es gelungen, durch das auf die sozialen Voraussetzungen des Delinquenten abgestellte Urteil Schaden von der Gesellschaft und dem Verurteilten abzuwenden. Schaden vom Verurteilten insofern, als dass dieser seine Freiheit - und als Folge davon seinen Arbeitsplatz - behielt; Schaden von der Gesellschaft insofern, als dass dem Steuerzahler vielleicht 180 x Euro 200,- Haftkosten und als Folge der Haft die Kosten für Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfeansprüche unkalkulierbarer Dauer erspart hat. Wie übrigens bei allen Drogendelikten auch, wäre in diesem Fall ein Schaden für die Gesellschaft erst durch die Strafe selbst entstanden. 
Die dauerhafte Überfrachtung der Gefängnisse hat die Verwirklichung eines wichtigen Ziels des Strafvollzugsgesetzes ad absurdum geführt. Alle Bemühungen Grundlagen für eine erfolgreiche Resozialisierung bzw. Sozialisierung von Inhaftierten zu schaffen, sind - von wenigen Ausnahmen abgesehen - in Planungen und Konzepten steckengeblieben. Die vom Gesetz geforderten Resozialisierungsleistungen des Vollzuges sind bei den gegenwärtigen Belegungsfrequenzen der Gefängnisse mit den vorhandenen Ressourcen nicht zu verwirklichen. 
In Anbetracht des gegenwärtigen Desinteresses an einer vernünftigen und humanen Justiz in der weitestgehend von Boulevardmedien geprägten öffentlichen Meinung und den allgegenwärtigen Haushaltsmiseren von Bund und Ländern ist mit mehr Mitteln sicher nicht zu rechnen. Angesichts dieser Tatsachen bleibt nichts anderes, als eine grundlegende Umorientierung der Rechtspolitik zu fordern, die eine ebenso nachhaltige wie einschneidende Verringerung der Gefangenenanzahl mit sich bringt.  




Es kann mit den moralischen Grundsätzen einer zivilisierten modernen Gesellschaft nicht in Einklang stehen, wenn Menschen hinter Gitter gesteckt werden, die nichts weiter wollten als menschenwürdig leben oder vielleicht sogar nur überleben. Es kann richtig sein, dass viele Asylbewerber in Wirklichkeit "nur" Wirtschaftsflüchtlinge sind und dass die neuerliche Verschärfung der Asylrechts sinnvoll ist, jedoch kann es nicht richtig sein, Menschen, die nichts verbrochen haben, bis zu sechs Monate und manchmal noch länger hinter Gitter verschwinden zu lassen, um deutschen Formalismen zu genügen. Entweder sollte Deutschland genauso konsequent abschieben - auch kontrolliert in Drittländer ausreisen lassen - wie es andere Staaten wie z.B. die USA tun, oder man findet neue gesetzliche Modalitäten, diese menschenverachtende Praxis aufzugeben. Sicher, Flüchtlinge sind meist arm und mittellos und können nicht viel störendes Geschrei in der Öffentlichkeit machen, aber es beginnt sich bereits internationale Empörung über das deutsche Justizgebaren zu artikulieren. Neulich begann CNN vorsichtig das internationale Bild vom hässlichen Deutschland aufzufrischen; wochenlang wurde nach den Nachrichten ein Lauftext eingeblendet, in dem ehemals in Deutschland inhaftierte Asylbewerber über ihre Erfahrungen in Deutschland berichteten. Sogar die gute alte deutsche Vokabel "Sonderbehandlung" kannten einige von ihnen. Alles in allem gesehen, so glaube ich, schadet die derzeitige Justizpraxis der Gesellschaft langfristig mehr als sie ihr hilft. Sie sperrt Leute ein, die nach einem humanen Rechtsverständnis nicht in den Knast gehören, wie Asylanten und Kranke, nichts anderes sind Drogenabhängige nämlich. Sie sperrt Leute ein, um das "Wirtschaftsgebiet Deutschland" zu schützen. Sie sperrt Leute ein, für die sich bessere Ahndungsvarianten anbieten und setzt sie sozialer Verelendung aus. Sie pfercht Menschen in menschenunwürdigen Gemäuern zusammen, ohne konsequent sinnvolle Maßnahmen zur Resozialisierung zu unternehmen. Die Justiz legt mit dieser Nichtbehandlung nichts weiter als soziale Zeitbomben. Im Gefängnis ändern sich derzeit weder die Lebensvoraussetzungen noch die soziale Kompetenz der Inhaftierten, im Gegenteil: die Gefängnisse sind geradezu Hochschulen der Kriminalität.

Ich höre schon das Geschrei der vermeintlich Konservativen, die da fragen: "Sollen wir die Übeltäter auch noch belohnen für ihr Fehlverhalten gegenüber der Gesellschaft?" Die Antwort dürfte klar sein. Das Wort "konservativ" enthält das lateinische "conservare = bewahren". Wer wirklich die Gesellschaft (vor Schaden) bewahren will, kann realistisch betrachtet eine Justiz, die Probleme nur konserviert und nicht löst, nicht akzeptieren.  

Montag, 20. Juni 2011

Rückfallquote null

 Ein Erziehungscamp will das Seehaus in Leonberg nicht sein. Dennoch sind die Regeln der Jugendeinrichtung streng. Um 5.45 Uhr wird gejoggt, "Scheiße" zu sagen ist verboten. Das Konzept funktioniert: Von den Intensivtätern, die hier ihre Haftzeit verbrachten, wurde bisher keiner rückfällig. 

Es gibt Tage, da verliert man. Als Kidus vor einem Jahr in das Seehaus nach Leonberg kam, war das so ein Tag für ihn. „Ich hab' es gehasst“, sagt Kidus. „Jeden Morgen die gleichen Gesichter. Diese ganzen Regeln! Früh aufstehen, pünktlich sein. Auf einmal musste ich mir etwas sagen lassen, und ich fand es erbärmlich.“
Dreimal hintereinander war Kidus verhaftet worden, wegen räuberischer Erpressung, Diebstahl, Drogenhehlerei, schwerer Körperverletzung. Drei Jahre hatte er mit zwei kleinen Unterbrechungen in den Justizvollzugsanstalten Ravensburg, Stammheim und Adelsheim verbracht. Wurde er entlassen, dauerte es nicht lange, bis er wieder vor dem Richter und schließlich in der Zelle landete. Rückblickend, sagt Kidus, habe er nun, nach einem Jahr im Seehaus, zum ersten Mal das Gefühl, dass er es schaffen könnte, ein ganz normales Leben zu führen.

Das „Projekt Chance“ in Leonberg ist eines von zwei Projekten des freien Jugendstrafvollzugs in Deutschland. Tobias Merckle, Urenkel des Gründers des Pharmaunternehmens Ratiopharm und Sozialpädagoge, hat 13 Jahre an einem Konzept gefeilt.

2002 bewilligte die Landesstiftung Baden-Württemberg ein Startkapital von 3,5 Millionen Euro, Ratiopharm übernahm eine Bürgschaft. Seit Beginn dieses Jahres bekommt Merckles Verein Prisma 203 Euro pro Häftling und Tag vom Justizministerium. Das neue Jugendstrafgesetz von Baden-Württemberg erlaubt Jugendstrafvollzug in freien Formen, von privaten Trägern, parallel zum offenen und geschlossenen staatlichen Vollzug.

"Wir bieten ihnen den Glauben an"

Strenge Regeln gelten im Seehaus, einem alten Gutshof, einst Witwensitz von Sibylla von Anhalt. Um 5.45 Uhr treten die Jugendlichen zum Frühsport an, mit einer Marathonläuferin joggen sie durch den angrenzenden Wald. Bis zur Bettruhe um 22 Uhr bestimmen Arbeit und Disziplin den Alltag. Schimpfwörter sind verboten, nicht einmal „Scheiße“ dürfen die Jungs sagen. An drei Tagen die Woche wird auf dem Bau gearbeitet, in kleinen Teams helfen die Jugendlichen, den alten Hof unter Anleitung zu renovieren, und können so ihr erstes Lehrjahr für Bauberufe absolvieren. An zwei Tagen die Woche werden die Jugendlichen unterrichtet und können ihren Hauptschulabschluss nachholen. Jeden Tag wird gemeinsam in der Bibel gelesen. „Wir bieten ihnen den Glauben an“, sagt Merckle, „die Jugendlichen entscheiden selbst, ob sie ihn annehmen.“
Haushalt und gemeinnützige Arbeit sind feste Bestandteile des Konzepts. Die Jugendlichen müssen beginnen, den von ihnen angerichteten Schaden wiedergutzumachen. Sie helfen alten Leuten im Haushalt, entfernen Graffiti von Hauswänden. Merckle hat es geschafft, zwei Familien zu finden, die mit ihren eigenen Kindern und jeweils sieben Jugendlichen zusammenleben. So werden die Jugendlichen in einen echten Familienalltag eingebunden.

Für Kidus etwas völlig Neues. Er verlor seine Eltern, als er drei Jahre alt war. Sie wurden im Bürgerkrieg in Äthiopien erschossen. Seine Mutter war Lehrerin, sein Vater kämpfte für die politisch unterdrückte Minderheit der Oromo. Mit acht Jahren kam Kidus nach Deutschland, wuchs in einem Kinderheim in Darmstadt auf.

Kidus saß in der Zelle und fragte sich: "Was mach ich jetzt bloß?"

Mit elf begann er zu rauchen, mit zwölf begann er zu kiffen, dann kamen mehr Drogen, härtere Drogen, die ersten Raubüberfälle. Mit 17 Jahren wurde er das erste Mal verhaftet, seitdem hat er nur einige wenige Wochen in Freiheit verbracht. Im Gefängnis schlief er oft bis mittags. Manchmal verließ er zwei Monate lang seine Zelle nicht. Manchmal raffte er sich zum Arbeiten auf, dann schliff er 1600 Abwasserersatzteile für Daimler am Tag, hockte sich anschließend wieder vor den Fernseher und fragte sich: „Was mache ich jetzt bloß?“
Bis Merckle in die Jugendvollzugsanstalt Adelsheim kam und sein Projekt vorstellte: eine Alternative zum Gefängnis. Wer wollte, konnte sich dafür bewerben, seine Haft in der Jugendhilfeeinrichtung Seehaus in Leonberg bei Stuttgart verbringen. Mörder und Triebtäter waren ausgeschlossen, sonst bleibt als Voraussetzung nur der Wille zur Veränderung. Kidus bewarb sich, auch wenn er Angst hatte vor dem straffen Tagesprogramm. „Ich dachte mir, da kann ich nicht sagen, ich hau' jetzt ab.“ Zwei Monate später kam er nach Leonberg. Ein Dreivierteljahr brauchte Kidus zum Eingewöhnen. Er war aggressiv, doch er wusste, fängt er einmal an zu prügeln, muss er sofort zurück ins Gefängnis. „Wenn Sie mich früher kennengelernt hätten, Sie würden mich heute nicht wiedererkennen“, sagt Kidus. „Mit den anderen Jugendlichen hier hätte ich nie geredet, das waren für mich typische Opfer.“ Heute misst Kidus seine Kräfte beim Joggen, beim Fußballspielen in der alten Reiterhalle. Mit den Kindern seiner Gastfamilie tobt er am Nachmittag juchzend über den Boden.
Merckles Konzept beruht auf zwei Polen: Disziplin und Geborgenheit. In dem durchstrukturierten Tagesablauf werden die Jugendlichen konsequent gefordert. Sie müssen Leistung erbringen. Gleichzeitig werden ihre Interessen herausgekitzelt und gefördert. „Einsicht kommt nur von innerer Veränderung“, sagt Merckle. „Aber wenn man sie packt, haben viele dieser Jugendlichen Führungspotenzial.“ Er will den Jugendlichen Sozialverhalten beibringen, das sie später im Leben „draußen“ brauchen. Wer den Tagesablauf in Leonberg übersteht, für den ist es ein Klacks, acht Stunden Arbeit durchzuhalten. Gerade haben die ersten beiden Ehemaligen ihre Lehre bei einem Autokonzern und in einer Zimmerei abgeschlossen und sind übernommen worden. „Weil sie besser waren als die normalen Lehrlinge“, sagt Merckle.

Andreas sagt über den Knast: "Man verliert seine ganzen Gefühle"

Im geschlossenen Strafvollzug sei der Wille zur Veränderung und zum Engagement kaum zu erreichen. „Je größer, je geschlossener die Anstalt, desto mehr Macht hat die Subkultur“, sagt Merckle, der für „Prison Fellowship International“, eine amerikanische Nichtregierungsorganisation weltweit sowohl geschlossene Gefängnisse als auch Modellprojekte des freien Vollzugs besichtigte. „Oft wachsen die Jugendlichen im Knast erst richtig in eine kriminelle Struktur hinein und werden so zu Wiederholungstätern.“ Auch Kidus berichtet, er habe im Gefängnis alle Drogen bekommen, die er gebraucht habe. Er erzählt von Schlägereien und Machtkämpfen.
Laut Statistik werden neun von zehn Jugendlichen nach der Entlassung aus dem geschlossenen Vollzug rückfällig. Im Gefängnis sei er nur taub gewesen, erzählt Andreas, Sohn russischer Eltern, wegen versuchten Totschlags zu drei Jahren Haft verurteilt. „Man verliert seine ganzen Gefühle. Dir ist alles egal, du weinst nicht, du hast keinen Liebeskummer, und dir ist es auch nicht wichtig, wie lange du bleibst.“ Abschreckend sei die Haft nicht gewesen. Umso mehr der Gedanke an sein Opfer.
Gemeinsam mit seinem Cousin und seinem Kumpel hatte sich Andreas Sturmkappen aufgesetzt und war mit Totschlägern und Baseballschlägern auf drei andere Jugendliche losgegangen. Eines der Opfer wäre an den Verletzungen, Rippen-, Arm-, Handbrüchen und schweren Kopfverletzungen, fast gestorben. Andreas' Eltern konnten es nicht fassen, als eine Woche später Beamte in die Wohnung in einem Nürtinger Plattenbau stürmten und ihren Sohn festnahmen. „Die dachten immer, ich wäre ein lieber Junge“, sagt Andreas. Als er nach Leonberg kam, nahm er sich vor, seinen Eltern zu zeigen, dass er sein Leben auf die Reihe bekommen kann. „Hier ist es viel härter als im Gefängnis“, sagt er. „Man hat keine Zeit, also kommen einem keine dummen Sachen in den Kopf.“

"Sobald der Drill weg ist, sacken die Jungs zusammen"

Tatsächlich gibt es viel weniger Freiheit im Seehaus als im normalen Strafvollzug. Die Jungs haben zweimal am Tag fünfzehn Minuten Zeit für sich. Mit Drill habe das Leben dort dennoch nichts zu tun, sagt Merckle. „Straftäter mit militärischem Drill wie in den Bootcamps in den USA erziehen zu wollen bringt gar nichts. Sobald der Drill weg ist, sacken die Jungs wieder in sich zusammen.“
Merckle hält es für wichtiger, jugendlichen Straftätern, möglichst vom ersten Kaugummi-Klau an, zu zeigen, dass es Opfer gibt und es einer Wiedergutmachung bedarf. Die Jugendlichen müssten lernen, einen geregelten Tagesablauf durchzuhalten, denn das sei oft das, woran sie beim Leben „draußen“ scheitern. Ein Erziehungscamp sei das Seehaus deshalb noch lange nicht. „Ich weiß gar nicht, was das sein soll. Dieser Begriff ist frei erfunden.“ Das Seehaus sei nichts weiter als eine Jugendhilfeeinrichtung, in der man lernen kann, ein normales Leben zu führen. Das reiche, um Tage zu erleben, an denen man gewinnt.


Samstag, 18. Juni 2011

Der Wandel im Strafvollzug

In primitiven Gesellschaften wird Unrecht im Allgemeinen durch Vergeltung oder Schadenersatz wiedergutgemacht.


In entwickelten Gesellschaften ist diese Form privaten Ausgleichs nicht mehr möglich, Unrecht gilt mehr als ein Akt, der den Interessen der Gemeinschaft zuwiderläuft, und nicht so sehr als eine Schädigung der Interessen eines einzelnen. Das Recht zu strafen ist heute der staatlichen Gewalt vorbehalten. Strafe soll nicht nur Sühne für ein Unrecht sein, sondern auch andere mögliche Täter abschrecken und solche bessern, die gesetzliche oder moralische Regeln bereits gebrochen haben. In den verschiedenen Gesellschaftssystemen und zu verschiedenen Zeiten hatten diese Strafziele jeweils ein anderes Gewicht, auch die Methoden, um sie zu erreichen, waren jeweils unterschiedlich.


Man kann vier Kategorien von Strafen unterscheiden: Wiedergutmachung, soziale Strafen (öffentliche Demütigung), Körperstrafen und physische Beseitigung der Täter. Die üblichen Strafen für kleine Vergehen waren entweder Wiedergutmachung (einschließlich verschiedener Formen von Geldbußen) oder öffentliche Demütigung letztere gibt es in den meisten Ländern seit dem 18. bzw. frühen 19. Jahrhundert nicht mehr. Für schwere Taten oder Wiederholungsfälle wurden häufig Körperstrafen verhängt, wie Abhacken von Gliedmaßen, Abschneiden der Nase oder der Ohren, Blendung (Ausstechen der Augen) oder Brandmarken. Häufig kam noch Prügelstrafe hinzu. Tortur (Folterung) als Kriminalstrafe hat man in Europa Mitte des 18. Jahrhunderts abgeschafft.

Die letzte Möglichkeit gesetzlichen Strafens ist, den Täter aus der Gesellschaft zu entfernen, dieses Ziel konnte man z.B. durch Verbannung erreichen. Engländer und Franzosen haben während des 19. Jahrhunderts Strafgefangene in weit entfernte Strafkolonien wie Australien oder die Teufelsinseln (Ile de Diable bei Guayana) verfrachtet. Aber die entscheidendste, weil endgültige Strafe ist die Todesstrafe, also die Hinrichtung.

Todesstrafe als Mittel zur Durchsetzung staatlicher Gesetze ist sehr umstritten, insbesondere wenn man sie, wie in früheren Zeiten, für zahlreiche Vergehen anwendet: So ahndete man im 18. Jahrhundert in England mehrere hundert Arten von Vergehen mit dem Tode. Meist handelte es sich um Verstöße gegen die Eigentumsordnung. Straftäter sind nicht so leicht abzuschrecken, wenn die gleiche Strafe sowohl für schwere wie für leichte Vergehen gilt. Die Gesetzgeber differenzierten deshalb die Art der Hinrichtung: Bei schweren Verbrechen vollzog man sie beispielsweise öffentlich und unter besonders grausamen Bedingungen, etwa mit der Garotte, dem Würgeisen, vor allem in Spanien. In vielen europäischen Ländern war auch das Rädern bis ins 17. Jahrhundert eine gebräuchliche Form der erschwerten Todesstrafe.



Eine mildere Form, den Straftäter aus der Gesellschaft zu entfernen, besteht darin, ihn in abgeschlossenen Gebäuden zu internieren.


Frühere Gefängnisse wie z.B. die »Besserungshäuser« (Houses of Correction) in England (gegründet 1533) oder das »Rasphuis« in Amsterdam (1595) waren ziemlich triste Einrichtungen, sie dienten allein der Vergeltung und Abschreckung. Der Gedanke, die Gefängnisse könnten auch zur Besserung der Straftäter dienen, kam erst im 18. Jahrhundert auf. Man glaubte an die erzieherische Wirkung harter Arbeit und strikter Einhaltung von Regeln. Manche Gefängnisse erhoffen sich erzieherische Effekte, wenn sie die Häftlinge voneinander trennen, andere von striktem Redeverbot.


In den letzten hundert Jahren wurden die Ideen, wie man Häftlinge bessern könnte, zunehmend liberaler. Die Gefangenen mussten nicht mehr bis zur völligen Erschöpfung arbeiten, immer mehr Wert legte man auf Berufsausbildung und Erziehung. Man gewährte ihnen bessere Lebensbedingungen, durch gute Führung konnten sie erreichen, dass die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt oder sogar erlassen wurde.

Begrenzte Geldmittel sowie Mangel an geschultem Aufsichtspersonal behindern solche Reformen jedoch in zahlreichen Gefängnissen. Generell abträglich ist auch, dass der »weiche Strafvollzug« in vielen Ländern auf öffentliche Ablehnung stößt.

Gefängnisse weichen zwar hinsichtlich Sicherheitsvorkehrungen, Besuchserlaubnis und Freizeitregelungen voneinander ab. Generell ist das Häftlingsdasein jedoch geregelt, es lässt dem Gefangenen nur wenige Möglichkeiten für eigene Aktivitäten. Daraus folgt, dass er auf materielle Güter und heterosexuelle Beziehungen verzichten muss. Er büßt überhaupt seine Individualität ein. Darüber hinaus ist er ständig mit Leuten zusammen, die die gesellschaftlichen Regeln nicht anerkennen und die ihrerseits von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden.

Die Ergebnisse zeitlich begrenzter Freiheitsstrafen sind so negativ, dass man heute immer weniger davon überzeugt ist, der so praktizierte Strafvollzug wirke sich bessernd aus. In einigen Ländern geht der Trend deshalb dahin, Straftäter nicht einzusperren, sondern sie in ihrer häuslichen Umgebung zu überwachen. In den USA verbüßen etwa zwei Drittel aller Verurteilten ihre Freiheitsstrafe in dieser Form. Diese Methode könnte zwar billiger sein als der herkömmliche Strafvollzug, aber auch hier fehlt es oft an geschultem Personal und geeigneten Arbeitsplätzen.




Freitag, 17. Juni 2011

Mein Vater ist im Knast

Eltern zu haben, die im Gefängnis sind, ist etwas, wofür viele Kinder sich schämen, was sie verunsichert und wofür sie sich schlimmstenfalls auch noch verantwortlich fühlen.
Den Vater, der Vorbild sein sollte, von dem sie lernen, den sie bewundern wollen, erleben sie als schwach, fehlbar und von der Gesellschaft geächtet. Fiona, Jonathan und Daniel sind bereit, offen über ihr Leben mit ihren kriminellen Vätern zu sprechen. Sie wollen sich nicht verstecken und möchten nicht verurteilt werden dafür, dass ihre Väter kriminell geworden sind.
"Seit 15 Jahren warten wir und nichts verändert sich". Jonathan (17) und Daniel (15) verbringen die gesamte Kindheit ohne ihren Vater. Denn der sitzt in einem Bielefelder Gefängnis. Bis zu seiner Entlassung müssen die Brüder noch mindestens zwei Jahre warten. Und ob er sich nach den vielen Knastjahren in Freiheit zurechtfinden wird, können die beiden nur hoffen, aber sie zweifeln daran. Immer wieder hatte es kurze Phasen gegeben, in denen der Familienvater bei Daniel und Jonathan sein konnte. Vorzeitig entlassen, wegen guter Führung. Doch dann hatte er wieder in großem Stil gestohlen und musste zurück ins Gefängnis.
Daniel und Jonathan erleben schmerzhaft, dass die Strafe ihres Vaters auch ihre eigene ist. Ihr Vater ist eingesperrt, und die beiden Brüder sind ausgesperrt. Sie gehören nie dazu, werden von Mitschülern nicht eingeladen, fühlen sich oft ausgegrenzt und wie mitbestraft. Das kennen sie schon so lange und haben sich trotzdem bis heute nicht daran gewöhnt: An die ständige Sehnsucht nach ihrem Vater. An beklemmende Sonntage im anonymen Besucherraum, das Abtasten durch die Wärter, Mobbing in der Schule. Was den beiden bleibt, ist die Hoffnung, dass dieser Albtraum eines Tages endlich ein Ende hat und ihr Vater nie wieder eine Straftat begeht.
Die 19-jährige Fiona hat Ähnliches durchgemacht. Sieben Jahre lang saß ihr Vater in einem Gefängnis in Bochum. Er hatte geklaut, um Drogen zu kaufen. Seit zwei Jahren ist er wieder draußen. Fiona und ihre Mutter haben immer zu ihm gestanden, auf ihn gewartet und an ihn geglaubt: "Ich habe ihn trotz allem lieb, er ist doch mein Papa", sagt Fiona, auch wenn er sie oft enttäuscht hat. Denn auch Fionas Vater musste mit kurzen Unterbrechungen immer wieder ins Gefängnis. Trotz aller Versprechungen gegenüber seiner Frau und seinem Kind ist er immer wieder straffällig geworden, und Fiona musste sehen, wie sie ohne ihn zurechtkam.
Sicher konnte sie sich nie fühlen, wenn der Vater gerade nicht im Gefängnis war. Wie zuverlässig ist jemand, der immer wieder in die Beschaffungskriminalität abrutscht? Wie lange ist er dieses Mal draußen? Droht der Familie noch einmal diese bleierne Zeit, in der der Vater im Gefängnis sitzt? Fiona hat Angst davor. Ihr Vater versichert ihr zwar, er werde nie wieder Straftaten begehen, aber das hat er früher auch schon immer gesagt. Seine Tochter vertraut ihm nicht mehr, obwohl sie ihn liebt und eigentlich an ihn glauben will.

Es sind Szenen eines bedrückend beeindruckenden Films, die hier sehr deutlich zeigen wie Kinder darunter Leiden, wenn der Vater sich nicht um sie kümmern kann, weil er sich im Vollzug einer Freiheitsstrafe befindet.

Wer Straftaten begeht, muss mit Strafe rechnen – so ist das im Rechtsstaat. Doch wenn Väter ins Gefängnis kommen, dann trifft diese Strafe die ganze Familie. Partner und Kinder stehen plötzlich allein da. Was bleibt, sind Telefonate und Besuche hinter Gittern.

Träume vom glücklichen Familienleben
Damit inhaftierte Väter und ihre Kinder auch ungestört Zeit verbringen können, bieten einige Justizvollzugsanstalten in Deutschland gemeinsame Nachmittage an. In Bielefeld und in Bruchsal etwa können Väter mit ihren Töchtern oder Söhnen zusätzlich zur normalen Besuchszeit einmal im Monat zwei Stunden lang toben, kuscheln, basteln und frisch gebackene Waffeln naschen.
Das stärkt die Bindung und hilft vor allem älteren Kindern, mit der Wahrheit umzugehen. Denn viele sind verunsichert und wissen nicht, wie sie anderen erklären, dass ihr Papa im Gefängnis sitzt und sie ihn trotzdem lieb haben.
Ein neues Modellprojekt in Baden-Württemberg,
der ehemalige Landesjustizminister Ulrich Goll nannte  das "Eltern-Kind-Projekt Chance" bundesweit einzigartig. Kinder, deren Vater (oder Mutter) im Gefängnis sitzt, werden durch Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen betreut. Idealerweise ab dem Tag der Inhaftierung über die gesamte Haftzeit hinweg bis zur Wiedereingliederung nach der Entlassung. Sie sollen dem Kind helfen, die lange Trennung zu überstehen, und es beim Besuch im Gefängnis begleiten. Sie sollen verhindern, dass das Kind traumatisiert oder anderweitig in seiner Entwicklung beeinträchtigt wird. Eine schwierige Phase ist auch die Zeit nach der Entlassung, denn während der Vater (oder die Mutter) im Gefängnis war, haben sich die Rollen innerhalb der Familie verändert. Nach der Entlassung sortiert sich die Familienstruktur neu.

Träger des Projekts ist der Verein "Projekt Chance", dessen Vorsitzender Justizminister Goll ist. Finanziert wird das Projekt von der Baden-Württemberg-Stiftung mit einer halben Million Euro. Umgesetzt wird es vom Netzwerk Straffälligenhilfe, bestehend aus dem badischen Landesverband für soziale Rechtspflege, der Bewährungs- und Straffälligenhilfe Württemberg sowie dem Paritätischen Landesverband Baden-Württemberg.

In das baden-württembergische Projekt sollen die Jugendämter einbezogen werden. Sie oder die Sozialdienste in den Gefängnissen sollen die Familien auf das neue Hilfsangebot aufmerksam machen. Dass Bedarf besteht, zeigt eine Umfrage unter allen neu inhaftierten und gerade entlassenen Häftlingen in Baden-Württemberg zwischen 15. November 2010 und 15. Januar 2011: Von den mehr als 2000 Befragten hat jeder Vierte minderjährige Kinder. "Etwa die Hälfte bezieht Jugendhilfe, der Rest ist unversorgt", berichtet Geschäftsführer Horst Belz vom badischen Landesverband für soziale Rechtspflege.  

Der Verein Projekt Chance betreibt seit Herbst 2003 ein Erziehungsprojekt für jugendliche Straftäter als Alternative zum herkömmlichen Jugendstrafvollzug und seit Herbst 2005 ein Nachsorgeprojekt für Haftentlassene, das bei der sozialen Integration hilft. Jetzt kommt ein neues Eltern-Kind-Projekt hinzu. Baden-Württemberg hat 17 Justizvollzugsanstalten mit 24 Außenstellen, zwei Jugendarrestanstalten, ein Justizvollzugskrankenhaus, eine sozialtherapeutische Anstalt mit Außenstelle sowie eine Justizvollzugsschule – insgesamt 8212 Haftplätze. Mehr als doppelt so viele Menschen werden im Laufe eines Jahres inhaftiert (2009: 17 298 Inhaftierte).  

Schöne Schwule Glitzerwelt


Von Rolf Hoppe, Barbara Weingarten, Christian Lukas-Altenburg

Der öffentliche Sex : Die neue Regierung plant ein Antidiskriminierungsgesetz, die Presse bejubelt einen homosexuellen Volksliedsänger, der ein Kind adoptiert: Die Republik gibt sich so tolerant wie noch nie. Trotzdem fürchten sich Prominente davor, daß ihr Name auf einer Outing-Liste erscheint - zu Unrecht?

Mit 15 hat sie sich noch für Jungen und Mädchen interessiert, mit 19 nur noch für Frauen, mit denen hat sie "die besseren Erfahrungen gemacht". Mit 29 brachte sie ihren ersten Roman heraus, einen Szene-Lesben-Liebesroman, und der geht so: "Ich hatte noch gar nicht richtig kapiert, daß sie zurück war, da lagen wir plötzlich auf meinem Bett und küßten uns und schoben unsere Hände unter T-Shirts und über Brüste. Ihr Reißverschluß klemmte, und wir lachten, weil ich minutenlang fummeln mußte ..."
Kein Skandal eigentlich, nur daß die Autorin die Tochter eines Bonner Politikers ist. Deshalb kümmerte sich "Bild am Sonntag" um den Fall, als im November Mirjam Münteferings Buch "Ada sucht Eva" erschien. "Minister-Tochter bekennt: Ich bin lesbisch", stand da und gleich dahinter ein Zitat vom Verkehrsminister, eines von der Art, wie sie ein richtiger Boulevardjournalist nicht gern bringt - "Müntefering: ,Das hat mich nicht umgehauen.''"

Manchmal sieht es so aus, als ob es bald keine Schlagzeile mehr wert sein werde, wenn Männer Männer lieben und Frauen Frauen. So, als ob der gelassene Franz Müntefering nicht die Ausnahme, sondern die Regel sei im modernen deutschen Staat. Sie wollten gleiche Rechte für Schwule und Lesben, sagten zwei Drittel der Deutschen in einer Umfrage des Instituts Infratest dimap im Herbst, und je jünger sie waren, desto aufgeschlossener stellten sie sich dar. Sie hätten nichts dagegen, betonten mehr als drei Viertel der Befragten in einer Forsa-Erhebung im November, wenn ihre Ärzte, Freunde oder Politiker homosexuell seien. Nur jeder zehnte gab an, er hätte in diesem Fall weniger Vertrauen. Von einer "schönen schwulen Welt" schreibt der Autor Werner Hinzpeter in seinem gleichnamigen Buch, und manchmal sieht es so aus, als habe er recht.

Es liegt auf der Hand, daß Lars Vestergaard die Dinge ein bißchen anders sieht. Schwul, aber nicht schön ist die Welt, die er erlebt; seit 13 Jahren arbeitet er für die Aidshilfe, betreut HIV-Patienten am Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Berlin-Schöneberg und redet von "Grausamkeit", wenn er den Umgang von Staat und Gesellschaft mit schwuler Liebe beschreibt.

Am Bett des Sterbenden prallen sie oft aufeinander, die Lebensentwürfe der homosexuellen Kranken und die der Verwandtschaft, die nicht begreifen kann, warum der verlorene Sohn so sonderbar gelebt hat. Die wenigstens im Tode über ihn und seinen Nachlaß verfügen will und überzeugt ist, daß dem langjährigen Lebenspartner kein Erbe zusteht und auch nicht das Recht, über die Beerdigung zu bestimmen.
Die Verwandten dürfen entscheiden, was mit dem Körper des Toten passiert. "Sinnlos ungerechte Dinge" geschehen, sagt Vestergaard, so wie bei jenem Patienten, der seinen Lebensgefährten gebeten hatte, daß man ihn sterben lasse, "wenn keine Hoffnung auf Heilung besteht". Doch dann reiste die Mutter des Kranken an, eine sehr religiöse Pfarrhaushälterin, und übernahm die Kontrolle am Sterbebett. Sie bestand auf künstliche Ernährung und die Anwendung jeglicher Technik, um den Tod des Sohnes hinauszuzögern. Die Einwände des Lebensgefährten zählten nicht. Wenn Vestergaard erzählt, erscheint Deutschland nicht mehr modern, fortschrittlich, sondern eher so, wie es der Grünen-Politiker Volker Beck beschreibt: Als "schwulenpolitisches Entwicklungsland"

In Vestergaards Heimat Dänemark dürfen gleichgeschlechtliche Paare heiraten, ebenso in Norwegen, Island und Schweden, und auch die Niederlande lassen seit Anfang dieses Jahres Schwulen- und Lesbenpaare zum Traualtar. In Frankreich kämpft die Linksregierung gerade darum, ein Gesetz zur Gleichstellung nichtehelicher Lebensgemeinschaften einzuführen.
Auch in Deutschland, so scheint es, soll nun alles anders werden. Plötzlich haben die Parteien begriffen, was das bedeutet: Schätzungsweise fünf Prozent der Bevölkerung sind homosexuell, in Großstädten bis zu zehn Prozent der Wähler. Das lohnt sich, und so sah nach rosa Revolution aus, was in diesem Wahljahr geschah: Am Christopher-Street-Day, bei der jährlichen Homo-Parade im Juni, wehte über Berliner Bezirksrathäusern die Regenbogenflagge der Schwulenbewegung. Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein organisierten einen Bundesrats-Vorstoß für rechtlich abgesicherte "Partnerschaften für Partner und Partnerinnen gleichen Geschlechts".

Bundesaußenminister Guido Westerwelle wirbt schon seit längerem engagiert für die Gleichstellung solcher Paare, und selbst CDU-Politiker suchten die Nähe zum warmen Wählerpotential, der Hamburger Innenpolitiker Heino Vahldieck beispielsweise, der dabei völlig neue Erfahrungen erwarb. Er habe es vorher noch nie erlebt, sagte er, "neben jemandem im pinkfarbenen Kleid an der Pinkelrinne" zu stehen.
Jetzt also reagiert die Koalition, und was im Koalitionsvertrag steht, klingt vielversprechend für die homosexuelle Minderheit. Um die Benachteiligung abzubauen, heißt es da, "werden wir ein Gesetz gegen Diskriminierung und zur Förderung der Gleichbehandlung (u. a. mit Einführung des Rechtsinstituts der eingetragenen Lebenspartnerschaften mit Rechten und Pflichten) auf den Weg bringen".
Nun verspricht die Justizministerin, mehr Gerechtigkeit im Wirtschafts-, Straf- und Staatsbürgerschaftsrecht - aber die völlige Gleichstellung verspricht sie nicht. Warum nicht? Traut sie der Bevölkerung oder ihrer eigenen Partei nicht soviel Toleranz zu?

Im Bundestag scheuen sich noch immer viele, sagt der grüne Politiker Volker Beck, sich für die Sache der Schwulen einzusetzen, denn "wer sich für unsere Forderungen ausspricht, dem wird automatisch unterstellt, er gehört dazu". Das schaffe "Berührungsängste, selbst in meiner Fraktion". Aber was würde einem Mandatsträger wirklich geschehen, wenn er sich offen als schwul bekennt? In Großbritannien wurden vier Minister aus Kabinett geoutet, drei davon regieren unbeschadet weiter. In Bonn leben nur drei Parlamentarier offen homosexuell, Volker Beck und die PDS-Frauen Christina Schenk und Sabine Jünger; die anderen legen Wert darauf, daß die Öffentlichkeit nichts erfährt - zu Unrecht?

Es gehört sich nicht mehr, schlecht über Schwule und Lesben zu reden, im allgemeinen zumindest, aber im konkreten Fall wird die Unterstellung oft noch als Beleidigung empfunden. Von Gelassenheit war keine Spur, als der Berliner Querverlag unlängst den Tagesschau-Sprecher Jens Riewa als homosexuell bezeichnete, fälschlicherweise, wie Riewa sagte. Er begnügte sich nicht damit, die Sache in Interviews richtigzustellen. Er bemühte die Gerichte dafür - weil er den Vorgang nicht nur als "Verletzung von Persönlichkeitsrechten", sondern auch als berufliche Gefährdung empfand.

Auch der Hetero Til Schweiger reagierte schnell, als das Gerücht aufkam, daß er auch Männer liebe. In der "Bunten" hatte der Schauspieler erklärt, daß er ganz gern mit seinen Männerfreunden "im Bett kuschle". Als er sah, "auf wieviel Interesse das stieß", dementierte er jegliche schwule Neigung öffentlich: "Das heißt nicht, daß wir uns streicheln", sagte er in einer Talkshow, und daß er mit seinen Auskünften in Zukunft vorsichtiger sein werde: "Ich hab'' das ein bißchen unterschätzt."

Andererseits: Da gibt es Patrick Lindner, den Volksmusiksänger, der mit seinem inzwischen getrennten  Lebensgefährten zusammen ein adoptiertes Kind großziehen darf, weil eine Jugendamtsmitarbeiterin ihm eine "liebevolle Beziehung" bescheinigt, und die Boulevardpresse bejubelt ihn dafür. Es gibt George Michael, den US-Popsänger, der von der Polizei erwischt wurde; nun sagt er dem Homo-Magazin "Hinnerk" im Interview, wie glücklich er sei als geouteter Mensch. Es gibt im Fernsehen Alfred Biolek und Hape Kerkeling und in der Mode Wolfgang Joop, der sich als bisexuell bekennt, und keinem von ihnen hat es geschadet, daß er gleichgeschlechtlich liebt.

Männliche Homosexuelle gelten als konsumfreudig und genußorientiert, deshalb bekommt Georg Uecker, der Carsten Flöter aus der "Lindenstraße", eine schwule Fernsehshow. Deshalb schaltet Jacobs nun Anzeigen für die "Krönung light" in Homo-Zeitschriften, und bei Levi''s gratuliert sich der Pressesprecher Matthias Born dazu, daß seine Firma schon seit langem auf schöne junge Kerle setzt: "Schwule haben als erste begriffen, daß unser Modell 501 einen tollen Arsch macht."

Es ist viel passiert seit jenen dumpfen fünfziger Jahren, als die Polizei in ihren Fahndungsblättern schrieb: "Herumreisender Schauspieler, homosexuell. Verhaften!" Noch 1962 bediente sich die Bundesregierung der alten Nazi-Diktion. Wo die "gleichgeschlechtliche Unzucht um sich gegriffen" habe, hieß es in einem Entwurf zur Reform des Strafrechtsparagraphen 175, "war die Entartung des Volkes und der Verfall der sittlichen Kräfte die Folge". Da spielt noch der alte Glaube an die Verdammnis mit, der alte Abscheu vor der "Sodomie", die bis ins 18. Jahrhundert als Sünde galt, die "zum Himmel schreit" und damit dem "Gesetz des Feuers unterworfen" war - sprich: der Todesstrafe.

Bis 1969 war in der Bundesrepublik jede Männerliebe strafbar, egal, wer was mit wem in welchem Alter trieb. Homosexualität galt als staatsgefährdend, und besonders gut gehalten hat sich diese Furcht in der Kirche - gerade haben die katholischen Bischöfe wieder die Homo-Ehe verurteilt. Sie verstoße gegen das Grundgesetz, sagte der Fuldaer Bischof Johannes Dyba, weil dort nur der "besondere Schutz für Ehe und Familie" vorgesehen sei. Die Kirche werde notfalls klagen.

Voller Abwehr bleibt auch der Männerbund Militär. Es ist kein Zufall, daß der größte Denunziationsskandal der Bundesrepublik die Bundeswehr betraf. General Günter Kießling, der 1983 von seinem Verteidigungsminister Manfred Wörner fälschlich als homosexuell geoutet worden war, galt seinen Verfolgern nicht nur als Schande, sondern als Gefahr für die Sicherheit der gesamten Republik. Weil der Mann ja "erpreßbar" sei.

Draußen, in der zivilen Welt, tummelten sich zu jener Zeit schon bunte Gestalten, sie sich offensiv als Homos bekannten. In den siebziger Jahren waren sie aufgetaucht, Revolutionäre im Fummel, vom amerikanischen Gay-Rights-Movement inspiriert. Sie saßen in Diskussionszirkeln und debattierten über Fragestellungen wie "Können Tunten Sozialisten sein?" Sie suchten sogar die Bibel nach freundlicheren Passagen ab wie Prediger 4, 11: "Wenn zwei beieinander liegen, wärmen sie sich; wie kann ein einzelner warm werden?"
Sie trauten sich in Massen auf die Straße, zum erstenmal. Sie trugen Plakate herum, auf denen stand: "Brüder und Schwestern, warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht". Sie waren strikt anti-bürgerlich und anti-establishment, und wenn sie lesbisch waren, dann marschierten sie mit der Frauenbewegung und forderten ultimativ die Abschaffung des Patriarchats. Auch und vor allem im Bett.
Im Fernsehen sorgte Holger Mischwitzky unter dem Kampfnamen Rosa von Praunheim für den ersten schwulen Medienskandal. "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" hieß sein Film, eine ironietriefende Provokation, mit der er Kirche und TV-Funktionäre erschütterte - mit Strichjungen, schwulen Spießerpärchen und Klappensex und der Parole: "Wir schwulen Säue wollen endlich Menschen werden".

Damals entstand jene immer noch wachsende Subkultur mit Discos, Cafés, Homo-Saunen; mit Ärzten, Versicherungen, Beerdigungsunternehmen, mit rosa Fußballclubs, Gesprächskreisen für schwule Väter und Bergsteigergruppen für gehörlose Schwule und Lesben, dem homosexuellen Arbeitskreis Polizei. Weil das schwule Leben auf dem Lande noch immer schwierig ist, zogen sie vor allem in Großstädte wie Hamburg, München, Köln und Berlin und haben diese nachhaltig verändert: "Ich kann jahrelang in Berlin leben", sagt der Ex-"Liebe-Sünde"-Moderator Matthias Frings, "und der einzige Heterosexuelle, dem ich begegne, ist mein Busfahrer."

Das schwule Mekka aber liegt am Rhein. Nicht Hamburg mit seinem zwar hart-verrufenen "St.-Gayorg", doch der ansonsten kühlen Distanzkultur ist der Lieblingsort der Schwulen; auch nicht das größere, unübersichtlichere Berlin - sondern das erzkatholische Köln. Kölns frisch gekürte Kulturdezernentin Marie Hüllenkremer freut sich ob des "kulturellen Gewinns, den die Stadt dieser temperamentvollen Minderheit verdankt", und plant eine Ausstellung über schwule Ästhetik.
Im Stadtteil Ehrenfeld hat der einflußreiche "Bundesverband Gay Manager" seine Zentrale und betreibt Aufklärung und Lobby-Arbeit. Köln sei ideal, sagt der Geschäftsführer Jörg Melsbach, "hier gibt es eine liberale Grundstimmung, fast keine schwulenfeindlichen Skinheads und Schläger im Stadtbild, dafür genug Ansprechpartner in der Politik" - Volker Beck zum Beispiel, der in Neustadt-Süd regelmäßig um die 25 Prozent der Stimmen erhält.

Fast hätte die Domstadt gar einen schwulen Bürgermeister bekommen: in Gestalt von Volker Bulla. Der grüne Parteifreund Becks, der tagsüber als Rechtspfleger arbeitet und nachts gern in der Lederszene unterwegs ist, ist Mitglied im Rat der Stadt und galt als aussichtsreicher Kandidat. Bulla unterlag schließlich gegen die Sozialdemokratin Renate Canisius, die ihrerseits eine schwule Delegation empfing - ein solches Zeichen hatte noch kein Stadtoberhaupt gesetzt.

So haben sich die Schwulen ihre eigene warme Welt geschaffen, ein Soziotop der Tunten, Transen, Bewegungsschwestern und Lederkerle, voller Verachtung für die bürgerliche Hetero-Existenz. Aber zu mehr Verständnis im gesellschaftlichen Mainstream führte nicht das offensive Szene-Leben. Das tat, paradoxerweise, die Immunschwächekrankheit Aids.
"Schwulenpest" wurde die Krankheit zunächst genannt, und anfangs sah es so aus, als würde die Deutung der Erzkonservativen siegen: als sei Aids eine vom Herrn oder vom Schicksal gesandte Geißel, eine Strafe im alttestamentarischen Sinne für die Abweichung von der bürgerlichen Moral.
Doch die harte Tour war nicht durchzuhalten. Denn bald wurde klar, daß diese dunkle Seite der Erotik nicht nur die gleichgeschlechtliche Liebe bedrohte, sondern auch die zwischen Mann und Frau - auch Heteros erkrankten. Und es zeigte sich, als die ersten Prominenten starben, daß die scheinbar geschlossene Hetero-Welt zu einem beträchtlichen Teil aus Homosexuellen besteht: Was, Schauspieler Rock Hudson war schwul? Klaus Schwarzkopf auch? Rudolf Nurejew, der Tänzer? Michel Foucault, der Philosoph?

Die tödliche Krankheit zwang die Szene, sich vom schieren Hedonismus zu verabschieden und in der Mitte der Gesellschaft Unterstützung zu suchen. Und für die Familien, Freunde und Nachbarn der Patienten war Verdrängung nicht mehr möglich, Aids zwang zur Entscheidung zwischen kalter Abwehr und Mitgefühl. Seit 1982 haben sich in Deutschland etwa 30 000 Homosexuelle infiziert, schätzungsweise 5000 sind daran gestorben, und ein großer Teil der Gesellschaft trägt rote Schleifen am Welt-Aids-Tag und demonstriert zumindest nach außen Solidarität.
So trat die unbekannte Homo-Welt aus dem Dunkel heraus, ausgeleuchtet bis ins Detail. Dark Rooms, Klappensex, Analverkehr, all das wurde teils befremdet, teils neugierig zur Kenntnis genommen von der Mainstream-Kultur, die sich nie so recht ausgekannt hatte mit dem, was Homosexuelle so tun. Seltsam, diese Schwulenkultur: Was treibt die nachts in die Parks? Warum sind so viele Künstler schwul und so viele Schwule Künstler? Und warum stehen die alle auf Marianne Rosenberg?

Der moderne Hetero hat viel gelernt. Vielleicht hat er Andrew Sullivan gelesen, einen in die USA ausgewanderten britischen Autor, der verständlich wie sonst kaum jemand über das Leben der schwulen Community schreibt. Er versucht, diesen Hang zur Inszenierung der großen Gefühle zu erklären, zu den Liebesdramen, die ins Kitschige kippen müssen, damit die heilsame Ironie vor Verletzung schützt.
Es sei das Gefühl für Mehrdeutigkeiten, für Sarkasmus und subtile Gesten, schreibt Sullivan, das homosexuelle Kinder oft früh entwickeln. Der Eindruck, anders zu sein, bringe sie dazu, ihre natürlichen Gefühle zu unterdrücken und statt dessen formale Ventile zu suchen für den Ausdruck ihrer Persönlichkeit - Musik, Theater, Bildende Kunst. So gehöre zu den Werten, die Homosexuelle in die Gesellschaft einbringen, die Mimesis und "ein feiner entwickeltes Form- und Stilgefühl".

Gleichzeitig hat es immer die Liebe zum Dunklen gegeben, zum Risiko, zum anonymen, promisken Sex. Der Soziologe Michael Bochow befragt regelmäßig rund 3000 Homosexuelle nach Leben, Praktiken und Risikoverhalten. Rund die Hälfte, so sein neuester Befund, leben in einer festen Beziehung - aber nur 20 Prozent führen diese Beziehung monogam. Bei neuen Bekanntschaften, sagen 78 Prozent, würden sie heute immerhin Kondome benutzen, doch der Verkehr mit vielen Partnern gehört offenbar auch in den Zeiten von Aids zum festen Repertoire - warum?
Weil etwas fehlt, sagt Wolfgang Joop, weil viele dieser Promisken, so glaubt er, "nicht hinauskommen über den Stand der Eroberung oder den Stand des Pseudo-Verliebtseins". Er beobachtet "eine Art Suchtverhalten, gleichzeitig auch eine Frigidität: Man ist nicht befriedigt, also steigert man die Quantität. Ergebnis: Man multipliziert seinen Frust". Promiskuität, sagt auch Andrew Sullivan, sei die Suche nach etwas anderem, tieferem, die nicht erfüllt werde, ein mißglücktes Verlangen nach Intimität.

Ralf König sieht das nicht so. König, das ist der Zeichner der schwulen Männchen mit den Knollennasen, der mit dem Comic "Der bewegte Mann" die Vorlage für den Kinoerfolg geliefert hat und ansonsten mit großer Hingabe schwule Figuren zeichnet, die gleichviel übrig haben für Käsekuchen wie für Pornographie. Nachts gehen sie gern und häufig in Parks, um Gleichgesinnte zu suchen, und daß sie das tun, liegt für ihn nicht daran, daß sie schwul sind, sondern daß sie Männer sind. Für König ist es keine Frage, "was Hetero-Männer machen würden, wenn meinetwegen in Braunschweig ein Park wäre, wo nachts Frauen rumlaufen, die einfach so Sex haben wollen" - dann könnte man "da eine neue Autobahnauffahrt bauen".

Lesben sind anders, darauf legen sie wert. Sie mögen es eher vertraut. Sie sind die Art von Beziehungsmenschen, sagt die Autorin Mirjam Müntefering, "die immer noch zur Paartherapie rennen, wenn es wirklich nicht mehr zusammen geht". Die Witze, die man sich in ihren Kreisen erzählt, gehen so: "Woran erkennt man, daß eine Lesbe zum zweiten Rendezvous erscheint? Sie bringt den Möbelwagen mit."
Es gibt keine Dark Rooms für schnelle, anonyme Frauenliebe, es gab lediglich einen Versuch, aber der ging schief, denn die Frauen wollten es dann gleich wieder gemütlich haben und nicht so schäbig schmuddelig wie die Männer. Eine, die dabei war, erinnert sich so: "Die lagen dann nur auf Sofas herum und aßen Weintrauben, das war''s."

Die Lesben sind nicht so gut organisiert wie die Schwulen; vielleicht, weil sie von Aids nicht so betroffen sind, vielleicht aber auch, weil ihre Liebe in der Bundesrepublik nie verboten war - der Paragraph 175, der 1994 vollends abgeschafft wurde, hatte nur für Männer gegolten. Trotzdem wird manchmal gestritten, wer eigentlich mehr unterdrückt werde, Lesben oder Schwule, und für jemand wie Jutta Oesterle-Schwerin, die Ex-Grüne und Mitbegründerin der Partei "Die Frauen", steht fest: die Frauen. Selbst das fehlende Verbot kann ja als Benachteiligung gedeutet werden - man tut so, als ob es diese Art der Sexualität nicht gibt.
Frauenliebe, sekundiert "Emma", "wird in den neunziger Jahren sowenig ernst genommen wie einst. Lesben werden von Männern selten ,geklatscht'' und eher zwinkernd zum ,Dreier'' aufgefordert". Lesbische Liebe bietet immer schon Stoff für Männerphantasien, "Zärtliche Cousinen" heißt das dann im Film oder "Bilitis" und wird gern im Weichzeichner gedreht - aber ist Augenzwinkern wirklich schlimmer als
Verprügeltwerden? Mirjam Müntefering,

* 1984 beim Großen Zapfenstreich zur Verabschiedung Kießlings.
die Romanautorin, bedauert diese Spaltung zwischen Lesben- und Schwuleninteressen: "Man müßte endlich an einem Strang ziehen, es ist Zeit."
Zeit wofür? Für mehr Gleichberechtigung natürlich, das sehen die meisten Homosexuellen so. Nicht für einen rein symbolischen Akt wie die "Hamburger Ehe", die der Stadtstaat plant, sondern für ernsthafte juristische Konsequenzen, denn bisher sind sowohl das Zivil- als auch das Strafrecht weit von der Gleichstellung "nichtehelicher Partnerschaften" entfernt.

Im Kriminalfall haben schwule Partner kein Zeugnisverweigerungsrecht. Im Unglücksfall erhalten sie keine Auskunft vom Arzt. Sie dürfen nicht gemeinsam Kinder adoptieren, nicht einmal das Sorgerecht teilen für die Kinder, die einer von beiden mit in die Beziehung bringt. Es gibt kein Ehegattensplitting für sie im Steuerrecht, keine Renten- oder Versorgungsansprüche, wenn einer von beiden stirbt, und wenn der eine den anderen per Testament zum Erben bestimmt, dann kann der Pflichtteil der Eltern bis zu 50 Prozent des Vermögens betragen, und was für den Überlebenden übrigbleibt, wird mit dem höchsten Satz besteuert. Gibt es keinen schriftlichen letzten Willen, dann bekommt die Familie alles, bis zum letzten Möbelstück. Es kann sein, daß er auch die gemeinsame Wohnung verliert - weil er nicht das Recht hat, automatisch den Mietvertrag zu übernehmen. All das sei wichtig, sagt Mirjam Müntefering, der Kampf um all diese Rechte, aber Heiraten? "Nicht nötig", meint sie. "Ein Vertrag wäre genug."

Schwierig, das mit der Ehe. Das Standesamt, finden Aktivisten wie Günter Dworek vom Schwulenverband, sei für Schwule und Lesben "politisch der entscheidende Ort". Aber jetzt, da in der Politik so viele freundliche Worte gefunden werden für die Homo-Ehe, jetzt regt sich bei denen, die sie angeht, Unwillen, manchmal sogar Widerstand. Für überzeugte Lesben war die Ehe immer eine Ausgeburt des Patriarchats, für Schwule war sie das Spießertum per se - und jetzt sollen man und frau sich darum reißen, den Bund fürs Leben einzugehen?

Was will die Szene - ganz anders sein oder total normal? Die Verbürgerlichung drohe, da könne man mal sehen, klagte der inzwischen verstorbene Tornado-Kabarettist Günter Thews, "was für konservatives Gesocks in der Bewegung drinnehängt". Jahrelang habe man "gegen diesen Unfug Ehe gekämpft, gegen jede Hetero-Ehe, und jetzt kommen sie mit diesem zutiefst bürgerlichen Scheiß!"
Es geht um Selbstdarstellung, Selbstbewußtsein und um den Umgang einer Mehrheit mit einer Minderheit, und da, glauben viele Betroffene, helfe nicht ein überholtes Ritual wie eine Hochzeit. Sondern "mehr Beiläufigkeit", sagt der Hamburger Verleger Grumbach, "mehr Normalität". In seinem Verlag "Männerschwarmskript" hat er gerade Bernd-Ulrich Hergemöllers "Biographisches Lexikon von Freundesliebe" herausgebracht, aber darin tauchen nur Tote auf. Geoutet wird niemand.

Manchmal kribble es ihm in den Fingern, sagt er, den offenen Brief nach Bonn zu schicken, den er schon so lange im stillen formuliert. An alle homosexuellen Abgeordneten. Mit Andeutungen, damit jeder weiß, um wen es geht. Aber dann ist er doch wieder vernünftig genug zu merken, daß diese Art Öffentlichkeit nur Ärger bringt, nicht Normalität.
Sicherlich ist sie schwierig, die Abwägung für jeden im Einzelfall. Was ist anstrengender: die Lüge oder die Wahrheit? Vielleicht hat Grumbach ja recht, "daß heute keinem Minister, keinem Abgeordneten etwas passieren würde, wenn er sich als schwul bekennt". Eine kleine Randbemerkung im Interview - "mein Lebensgefährte", ein Erscheinen beim Presseball mit "meiner Partnerin" - das wird immer normaler, immer weniger bemerkenswert sein, je häufiger und beiläufiger das geschieht.

Möglicherweise, spottet der Schwulen-Pionier Frings, lerne ja auch "die letzte Subkultur" noch etwas mehr Offenheit: "die Politik". Der Holländer Henk Krol hofft das sehr. Krol, der früher Regierungssprecher war und jetzt als Chefredakteur des Schwulenmagazins "Gay Krant" amtiert, bittet seine Ex-Kollegen um ein bißchen Courage: "Für junge Leute, die entdecken, daß sie homosexuell sind, ist das wichtig. Die denken sonst, daß sie nur Friseur oder Ballettänzer werden können. Die brauchen Vorbilder, auch in der Politik."

Lukas-Altenburg  hat  2 neue Fotos  hinzugefügt. 6 Minuten  ·  Der Türkische Staatspräsident Erdogan hat wiedereinmal die ...