Samstag, 2. April 2011

Wenn Jugendliche straffällig werden

„Also ich will – ich will erreichen, dass ich ein Haus hab’, ’n
eigenes Haus, dass ich ein schönes Auto hab’, ’ne schöne Frau
hab’, zwei, drei Kinder, mehr nicht, dass ich ’n Job hab’ ..., ’ne
gute, ’ne feste Arbeit.“ 



Dieses einleitende Zitat stammt von einem jugendlichen Straftäter.
Es macht deutlich, dass er dieselben Wünsche und Träume hat wie alle anderen Jugendlichen auch, selbst wenn er sich abweichend, d. h. nicht normkonform verhält und deshalb von der Gesellschaft sanktioniert wird. Dass dieser Jugendliche bereits mehrere Gewaltdelikte begangen hat und vorbestraft ist, macht die Realisierung seiner Träume jedoch fast aussichtslos.
In den Gesetzestexten, die in der vorliegenden Broschüre angesprochen werden, ist das Ziel verankert, auch jungen Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, eine Chance geben zu wollen, künftig
ein Leben in sozialer Verantwortung zu führen. Die Frage ist jedoch, wie groß die Chance war, sich zu einem verantwortlichen Mitglied der Gesellschaft zu entwickeln, denn die biographischen Hintergründe junger Straftäter sind oft gekennzeichnet durch frühe und massive Missachtungs- und Ausgrenzungserfahrungen. 
Der Staat setzt sich in die Pflicht, gegenüber sozial benachteiligten jungen Menschen einen Erziehungsauftrag zu erfüllen, um diesen eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Dieser Erziehungsauftrag wird
in Form von unterschiedlichen Angeboten und Maßnahmen umgesetzt. 
Der vorliegende Leitfaden stellt die verschiedenen – sowohl pädagogischen als auch strafrechtlichen – Maßnahmen vor, mit denen der Delinquenz Jugendlicher begegnet werden kann und informiert
über die einzelnen Schritte eines Strafverfahrens, von der Einstellung bis zur Inhaftierung. Da es das Ziel dieser Broschüre ist, einen ersten Überblick über die Rechtslage zu geben, schließen sich an die einzelnen
Kapitel Hinweise zu weiterführender Literatur an. Zum Schluss wird kurz auf weitere relevante Lebensbereiche von jungen Menschen eingegangen und auf spezielle Ansprechpartner, Links und Literatur hingewiesen.



Was versteht man unter Jugendkriminalität?


Unter Jugendkriminalität versteht man die Gesamtheit aller Straftaten Jugendlicher (14 bis 17 Jahre) und Heranwachsender (18 bis 20 Jahre). Unter 14-Jährige gelten als Kinder und sind nicht strafmündig
und deshalb strafrechtlich nicht verfolgbar. 
„§ 1 JGG Persönlicher und sachlicher Anwendungsbereich  Dieses Gesetz gilt, wenn ein Jugendlicher oder ein Heranwachsender eine Verfehlung begeht, die nach den allgemeinen Vorschriften mit Strafe bedroht ist.“
Ob ein Verhalten strafbar ist, richtet sich nach den Vorgaben des Strafgesetzbuches (StGB).
In § 10 StGB ist verankert, dass für Jugendliche und Heranwachsende gesonderte Bestimmungen des Jugendgerichtsgesetzes (JGG) gelten, wobei der Katalog der Straftaten in Strafgesetzbuch und Jugendgerichtsgesetz identisch ist. Das Jugendgerichtsgesetz sieht jedoch vielfältigere und flexiblere Reaktionsmöglichkeiten vor als das im StGB verankerte allgemeine Strafrecht, das für Erwachsene gilt.



Wie zeigt sich Jugendkriminalität  in unserer Gesellschaft?


Nach der Polizeilichen Kriminalstatistik, in der alle polizeilich registrierten Tatverdächtigen gezählt werden, sind Jugendliche und Heranwachsende überproportional häufig unter den Tatverdächtigen zu finden. Die so genannte Tatverdächtigenbelastungszahl, die aussagt, wie viele Tatverdächtige es pro 100.000 Personen eines Geburtenjahres gibt, ist bei den unter 21-Jährigen doppelt so hoch wie bei den über
21-Jährigen. Man geht davon aus, dass noch wesentlich mehr Jugendliche und Heranwachsende Straftaten begehen, die sich jedoch im Dunkelfeld abspielen, das heißt nicht entdeckt oder nicht zur Anzeige gebracht werden. Den Ergebnissen der Dunkelforschung zufolge begeht die überwiegende Mehrzahl junger Menschen (ca. 90 Prozent) in Kindheit und Jugend Straftaten, sodass delinquentes Verhalten im Jugendalter statistisch normal ist.  Die hier beschriebene erhöhte Kriminalitätsbelastung dieser Altersgruppen ist zum einen auf eine erhöhte soziale Kontrolle zurückzuführen, zum anderen handelt es sich um eine vorübergehende Erhöhung im
Lebensverlauf, denn Jugendkriminalität gilt als vorübergehendes Phänomen, das entwicklungsbedingt ist und sich in der überwiegenden Zahl der Fälle auch wieder verliert. Die Notwendigkeit, in diesem Alter
eine eigene Position zu finden geht einher mit Abgrenzungsprozessen, die als auffällig eingestuft werden können und damit den Mechanismen sozialer Kontrolle unterliegen. Jugendliche lehnen sich gegen Regeln
auf und gehen in Opposition zu Eltern und Schule. Sie verlassen familiäre Kontexte und orientieren sich an Gleichaltrigengruppen. Damit geht einher, dass sie sich häufiger an öffentlichen Plätzen und Orten aufhalten
und deshalb einer stärkeren Kontrolle unterliegen. Aber nicht jede/r wird erwischt und nicht jede/r wird angezeigt. Wer in den Blick der sozialen Kontrolle gerät, hängt nicht nur von der tatsächlichen Tatbegehung ab, sondern auch von der sozialen Position der Betroffenen. Sozial benachteiligte junge Menschen unterliegen
einer stärkeren sozialen Kontrolle: Sie werden in Geschäften genauer beobachtet, von der Polizei häufiger kontrolliert und schneller angezeigt.



Was sind typische Straftaten Jugendlicher?


Die Straftaten von Jugendlichen und Heranwachsenden sind überwiegend Bagatelldelikte, das heißt leichtere Straftaten. Mehr als die Hälfte aller von Jugendlichen und Heranwachsenden begangenen Straftaten sind Diebstähle (ca. 50 Prozent), wobei am häufigsten Ladenund Automatendiebstähle vorkommen. Weitere Delikte, die häufig in dieser Altersgruppe vorkommen, sind Schwarzfahren, Sachbeschädigung, einfache Körperverletzung und Drogendelikte. Schwere Gewalt-delikte wie Mord, Totschlag, Vergewaltigung oder schwere Körperverletzung machen nur zwischen 5 und 10 Prozent aller Straftaten Jugendlicher und Heranwachsender aus. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zeichnen sich die Straftaten dieser Altersgruppen durch eine einfache Tatausführung und eine ausgeprägte Gruppenorientierung aus. Für die Jugendlichen und Heranwachsenden selbst haben die als Straftaten eingeordneten Handlungen oft eine ganz andere Bedeutung: Es sind Mutproben, in einer spontanen Gruppensituation ausgedachter „Unfug“ oder notwendige Rivalitäts- und Bandenkämpfe.  In den meisten Fällen entwickeln sich im weiteren Verlauf aus diesen strafrechtlichen Auffälligkeiten heraus keine „kriminellen Karrieren“, sondern es kommt zu einer so genannten „Spontanremission“, das heißt, das abweichende Verhalten hört einfach von selbst wieder auf. Dreiviertel der Altersgruppe der Jugendlichen sind bis zum 18. Lebensjahr mit nur einer Straftat im Bundeszentral- und Erziehungsregister erfasst; nur ca. 10 Prozent weisen drei und mehr Einträge auf. 2 Man weiß mittlerweile, dass eine kleine Tätergruppe für einen großen Teil aller registrierter Straftaten verantwortlich ist. Deshalb liegt der Schluss nahe, Interventionen vom jeweiligen Täterprofil abhängig zu machen, da die Gruppe der mehrfach auffälligen Jugendlichen und Heranwachsenden einen anderen Umgang erfordert als die der Einmaltäter.



In Anbetracht der Episodenhaftigkeit jugendlicher Delinquenz geht die pädagogische und zum Teil auch die kriminalpolitische Meinung davon aus, dass der staatliche Eingriff möglichst gering zu halten ist,
um negative Auswirkungen der Sanktion auf Jugendliche und Heranwachsende zu vermeiden. Deshalb wird bei Bagatelldelikten oder bei leichteren Straftaten das Verfahren oft schon frühzeitig eingestellt oder
es werden statt strafrechtlicher erzieherische Maßnahmen ergriffen. Diese „Ableitung“ aus dem Strafsystem bezeichnet man als Diversion (to divert = ablenken, umleiten).  Die Jugendstrafe als die härteste Strafe gegen Jugendliche, die eine Inhaftierung von mindestens sechs Monaten bedeutet, kann eine
erschwerte Resozialisierung zur Folge haben. Oft jedoch sind die lebensweltlichen Bezüge (Familie, Schule, Arbeit) der Betroffenen schon vor einer Inhaftierung abgebrochen und ersetzt worden durch Kontakte
zur Peer-Group, die sich ebenfalls durch delinquentes Verhalten auszeichnet. Hier einen Erziehungsauftrag zu erfüllen, stellt erhebliche Anforderungen an die Ausgestaltung des Jugendstrafvollzugs.
Die Rückfallstatistik zeigt, dass die Rückfallquote um so höher ist, je härter die verhängte Sanktion war. Am höchsten ist die Rückfallrate nach Verhängung der Jugendstrafe, was dafür spricht, stationäre Maßnahmen nur gezielt in Abhängigkeit vom Täterprofil einzusetzen. Für den Umgang mit Jugendkriminalität ist es grundsätzlich wichtig, dass es gelingt, betroffene Jugendliche und Heranwachsende für Hilfe zu öffnen und die Bereitschaft herzustellen, an der Verbesserung ihrer Lebenssituation mitzuarbeiten. Werden Maßnahmen richterlich angeordnet, kann es sein, dass Betroffene nicht einsehen, wozu diese Bestrafung dienen soll, sich ungerecht behandelt fühlen und in der Folge erst recht in Opposition gehen. Für eine erfolgreiche Bewältigung von
Krisen ist eine solche Entwicklung denkbar ungünstig. Es kann passieren,
dass junge Menschen noch stärker aus unserem Gesellschaftssystem ausscheren, einen Platz außerhalb der Gesellschaft einnehmen und dauerhaft randständig bleiben.



Es ist das Ziel von Kriminalprävention, zu verhindern, dass junge
Menschen delinquent werden oder bleiben, und gefährdete und bereits
straffällig gewordene junge Menschen in die Gesellschaft zu (re-)integrieren. 
Primäre Kriminalprävention will Kriminalität durch gesellschafts-, bildungs- und sozialpolitische Maßnahmen zur Verbesserung der gesamten Lebenssituation von Jugendlichen und Heranwachsenden vermeiden.
Sekundäre Kriminalprävention richtet den Fokus auf auffällige
und gefährdete Jugendliche, um weitere Desintegration und ein Abrutschen in straffälliges Verhalten zu verhindern. Es ist die Aufgabe der Träger der öffentlichen und freien Jugendhilfe, betroffenen jungenMenschen und deren Eltern durch eine Vielzahl verschiedener Angebote und Maßnahmen zu helfen: Jugendverbände, die Jugendarbeit leisten, bieten Freizeitangebote an, Maßnahmen der Jugendsozialarbeit haben das Ziel, sozial benachteiligte Jugendliche bei ihrer schulischen und beruflichen Ausbildung und der Eingliederung in die Arbeitswelt zu fördern, und die Hilfe zur Erziehung bündelt verschiedenste Angebote, die auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen ausgerichtet sind. Gesetzlich verankert sind diese Angebote und Maßnahmen im Sozialgesetzbuch Achtes Buch - Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII), sie basieren auf Freiwilligkeit.
Sind betroffene Jugendliche und Heranwachsende bereits straffällig geworden, verfolgt die tertiäre Kriminalprävention das Ziel, weitere Straftaten zu verhindern. Maßnahmen der tertiären Prävention werden von der Justiz und von den Trägern der Jugendhilfe durchgeführt und sind nun nicht mehr ein freiwilliges Hilfsangebot, sondern werden als richterliche Weisungen und Auflagen angeordnet oder müssen schlimmstenfalls als Jugendstrafe in einer Justizvollzugsanstalt „abgesessen“ werden. Das Jugendstrafrecht übt im Gegensatz zum Kinder und Jugendhilferecht Zwang aus. Während so genannte ambulante Maßnahmen auf der Basis des SGB VIII freiwillige Angebote an Jugendliche und Heranwachsende sind, sind dieselben Maßnahmen – werden
sie auf der Basis des JGG richterlich angeordnet – für die betroffenen
Jugendlichen und Heranwachsenden verpflichtend.



Werden Kinder, Jugendliche und Heranwachsende auffällig, sind zunächst die Hilfeleistungen der Kinder- und Jugendhilfe gefragt.
Das Sozialgesetzbuch Achtes Buch (SGB VIII) legt die Aufgaben und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe fest. Jugendhilfe soll junge
Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und so zur Verwirklichung ihres Rechts auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit beitragen.
Hierzu entwickelt die Jugendhilfe unterschiedliche Angebote und Hilfen, wie z.B. Erziehungsberatung, sozialpädagogische Familienhilfe oder pädagogische und therapeutische Einzel- und Gruppenangebote für junge Menschen. Junge Menschen haben das Recht, sich in allen Angelegenheit der Erziehung und Entwicklung an das Jugendamt zu wenden.


Die Jugendhilfe hat auch die Aufgabe, Eltern bei ihrem originären Erziehungsauftrag zu unterstützen. Das Elternrecht wird eingeschränkt
durch das „Wächteramt“ des Staates, der über die Ausübung der Pflege
und Erziehung durch die Eltern wacht. Wenn das Kindeswohl gefährdet
ist, kann auch die Inobhutnahme oder Herausnahme aus der Familie
notwendig sein. Hierzu ist eine richterliche Entscheidung erforderlich.



Jugendhilfeleistungen werden sowohl von öffentlichen als auch von freien Trägern erbracht. Öffentliche Träger sind die Kreise und kreisfreien Städte, deren Jugendämter Jugendhilfeaufgaben erfüllen, freie Träger können Wohlfahrtsverbände, Kirchen, Jugendverbände, Vereine oder Selbsthilfegruppen sein. Die öffentliche Jugendhilfe soll die freie Jugendhilfe fördern und von eigenen Maßnahmen absehen, wenn freie Träger in diesem Bereich tätig sind bzw. tätig werden können. Das zuständige Jugendamt informiert darüber, welche Einrichtungen und Organisationen vor Ort freie Träger der Jugendhilfe sind und welche Leistungen angeboten werden.









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