Montag, 18. April 2011

Strafvollzug heute, Resozialisieren scheint zu teuer.

Statistisches.
Etwa 81.000 Menschen waren nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes zum 31.03.2009 in Deutschland inhaftiert. 
Davon waren 35% in Gemeinschaftszellen untergebracht. Dies widerspricht dem Strafvollzugsgesetz. In § 18 StVollzG heißt es: „Gefangene werden während der Ruhezeit allein in ihren Hafträumen untergebracht.“ Von Gemeinschaftsbelegung waren besonders Inhaftierte in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Thüringen mit Anteilen von über 50% betroffen; in Bayern betrug die Quote 42%. In Hamburg, Berlin und dem Saarland machte der Anteil der Gefangenen, die gemeinschaftlich untergebracht waren, hingegen nur 10-15% aus.Im Detail schlüsseln sich diese 81.000 Gefangenen, die der Einwohnerzahl einer deutschen Kreisstadt entsprechen, wie folgt auf



5% aller Inhaftierten waren Frauen. Etwa 90% der Gefangenen befanden sich im geschlossenen Vollzug. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund lag höher als der Bevölkerungsdurchschnitt von 27%; in der JVA Tegel betrug er etwa 33%, in der Untersuchungshaftanstalt Moabit weit über 40%.


Die Gesamtzahl der Untersuchungsgefangenen lag bei etwa 11.400. Die meisten Gefangenen waren wegen Diebstählen oder Unterschlagungen inhaftiert (20,5%). Wegen Betruges und Raubes waren jeweils rund 13% in Haft.Der Anteil an Eigentumsdelikten ist in den letzten Jahrzehnten stark gesunken. 1970 lag er noch bei fast 50%. Körperverletzungsdelikte sind kontinuierlich gestiegen: von 2,8% im Jahr 1970 auf 11,9% im Jahr 2008.Die Zahl der wegen Drogendelikten Inhaftierten explodierte in diesem Zeitraum von 0,2% auf 15%.Sexualverbrechen blieben ziemlich konstant bei etwa 7,5%.In der Statistik waren 8.900 Menschen nicht erfasst. Sie befanden sich  im Maßregelvollzug oder in psychiatrischen Anstalten. In den letzen Jahren hat sich die Zahl der dort Untergebrachten verdreifacht. Die Gefangenenraten in den Bundesländern schwanken. Stadtstaaten haben die höchsten Gefangenenraten (Berlin „führt“ mit 154 Gefangenen pro 100.000 Einwohnern, gefolgt von Hamburg mit 110). Bayern mit 97 lag noch über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 89, Hessen und Rheinland-Pfalz mit 86 Gefangenen pro 100.000 Einwohnern lagen knapp darunter; Schleswig-Holstein, das eine innovative Kriminalpolitik betreibt und u.a. auf Haftvermeidung setzt, hatte nur eine Rate von 52.Die Gefangenenraten sind abhängig von kriminalpolitischer Orientierung und justizieller Entscheidungspraxis, einer spezifischen Strafverfolgungs- und Sanktionspraxis, sagen Fachleute. Es gibt in Deutschland rund 200 Gefängnisse mit etwa 37.000 Beschäftigten. Davon arbeiten 27.200 im allgemeinen Vollzugsdienst (AVD) von Inhaftierten als „Schließer“, „Schlüsselknechte“ oder „Bullen“ bezeichnet, die weiblichen Vollzugsbediensteten werden „Wächteln“ genannt.Zur Behandlung stehen knapp 600 Psychologen und circa 1.250 Sozialarbeiter zur Verfügung. Das entspricht  etwa einem Behandlungsschlüssel von 1:39 ein „Behandler“ für knapp 40 Inhaftierte.




Sparen – und die Folgen
Es muss überall gespart werden. Die Wirtschaft schwächelt, Steuereinnahmen sinken, die Staatsverschuldung steigt. Vom Sparzwang betroffen sind alle – und die Schwachen im Besonderen: Kinder, Schüler, Behinderte, Kranke, 
Alte und Gefangene.Sparen im Knast bedeutet: weniger Psychologen und Sozialarbeiter, weniger Resozialisierung. Aus Regierungskreisen wurde dem lichtblick bekannt, dass aus Rationalisierungsgründen in den letzten Jahren in Berliner  Knästen knapp 600 Stellen abgebaut wurden. Es gibt weiterhin politische und haushaltsbedingte Überlegungen, ob nicht noch mehr ginge.



Was für ein Mensch kommt ob dieser Behandlung aus dem Knast ?
Untersuchungen zeigen, dass je härter die Sanktion ist, desto häufiger der Rückfall ist. Etwa 57% der Strafgefangenen werden nach Vollverbüßung rückfällig. Nur 45% derjenigen, die eine Bewährungsstrafe bekamen, werden rückfällig. Nach einer Erhebung aus dem Jahre 2004 zählten von 63.533 Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten 63% als vorbestraft.
Ein kranker und asozialer, weiter ge- und beschädigter Mensch wird in die Freiheit entlassen. Seine Fähigkeiten, Fertigkeiten und Chancen haben sich vermindert, sein Charakter verschlechtert. Ein älterer, aber nicht reiferer Mensch wird entlassen. Sein Scheitern ist vorbestimmt. Und erfüllt sich fast immer !



Ein Ende mit Schrecken
Die in der Praxis vorzufindenden Haftverhältnisse im 21. Jahrhundert zeigen noch immer die erschreckenden Charakteristika einer „totalen Institution“. Sie soll dem Sicherheitsgefühl der Bevölkerung dienen. Die Restriktionen sind organisatorisch bedingt, aber auch absichtsvoll konstruiert, um üble Strafreize zu setzen. Diese sind schädlich: Knast macht krank, ist sinnlos und schädigt als Folge die Bevölkerung! Inhaftierung sollte vermieden werden, beziehungsweise human und wissensbasiert erfolgen.
Ein gutes Beispiel dafür gibt der dänische Strafvollzug: Angeglichene Lebensverhältnisse und sinnvolle Resozialisierungsmaßnahmen sorgen für gebesserte Straftäter und eine niedrige Kriminalität.Aus diesen Gründen ist der deutsche Strafvollzug nicht führend in Europa. Vielmehr ist er rückschrittlich. Das mag zum einen an der bundesdeutschen Haushaltslage liegen (obschon der ineffiziente Verwahrvollzug langfristig am teuersten ist !), zum andern daran, dass sich restaurative Kräfte durchsetzen.Der hier gezeigte Ausblick ist nicht gerade rosig: Das Sollen des Strafvollzugsgesetzes entspricht nicht dem Sein. Geschlossener Verwahrvollzug widerspricht dem Strafvollzugsgesetz, führt zu Prisonisierungsschäden und in der Folge zu Nachteilen für die gesamte Bevölkerung.

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