Samstag, 23. April 2011

Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher

Daniela Pock / 2010 , bearbeitet und ergänzt Christian Lukas-Altenburg 2011
Strafe oder die Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher...


Welche Rolle spielt sie in unserer Gesellschaft? Was bedeutet das 
Gefängnis für uns? Notwendige Maßnahme, allgegenwärtiger Ordnungshüter, Sicherheit verheißende Institution? Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem Phänomen „Gefängnis“ im Lichte aktueller Fragen des Jugendstrafrechts. Im Rahmen einer Angleichung an europäische Standards arbeitet das rumänische Justizministerium derzeit an einer Reform seines Jugendstrafvollzugs. Craiova und Tichileşti sind zwei Anstalten für Jugendliche, die im Rahmen eines von der EU finanzierten Projekts ihr Konzept von Jugendstrafvollzug in enger Zusammenarbeit mit österreichischen Anstalten von Grund auf erneuern wollen. Mit diesem Beitrag lade ich Sie ein: Auf eine Reise in den Alltag des Gefängnisses, hier und dort, in Deutschland, Österreich, Rumänien und der Schweiz. Auf eine Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen nach unserem Verhältnis zu Strafen und unserem Umgang mit Jugendlichen, die vom Wege abgekommen sind.


Bestrafung ist so sehr Teil unserer heutigen Gesellschaft, dass sie kaum 
wegzudenken ist. Ein Großteil der Menschen teilt die diffuse Vorstellung 
davon, was bei Gesetzesübertretungen zu geschehen habe. Das Gefängnis 
als institutionalisierte Bestrafung scheint in unseren modernen Gesellschaften auf festen, unverrückbaren Fundamenten zu stehen. Kaum jemand zweifelt die Existenzberechtigung des Gefängnisses an.
„Das Gefängnis ist zu einem wesentlichen Merkmal unseres Weltverständnisses geworden. Es ist da, überall um uns herum. Wir stellen uns nicht die Frage, ob es existieren sollte. Es ist so sehr zu einem Teil unseres Lebens geworden, dass wir unsere Phantasie sehr anstrengen müssen, um uns ein Leben vorzustellen, in dem es keine Gefängnisse mehr gibt.“


Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Winfried Hassemer zeichnet in seinem Buch „Warum Strafe sein muss“ eine eindringliche Auseinandersetzung mit Sinn und Unsinn des Strafrechts und definiert dabei drei grundlegende Leitsterne, denen Strafe stets folgen muss: Würde, Wirkung und Maß. In Anlehnung an Kant und Hegel darf „keine Strafe, keine Maßregel (…) an die Würde des Menschen rühren“ (Hassemer 2009: 94), Strafen müssen als Eingriffe in die Grundrechte immer mit ihrer Wirkung und Sinnhaftigkeit rechtfertigbar sein, und es darf zu keinem maßlosen Eingriff in die Grundrechte kommen (ebd: 94).
Die von den Vereinten Nationen im Jahr 1985 verabschiedeten Grundsätze sagen zur Jugendgerichtsbarkeit:


„Freiheitsentzug wird nur angeordnet, wenn der Jugendliche einer 
schweren Gewalttat gegen eine Person oder mehrfach wiederholt anderer 
schwerer Straftaten für schuldig befunden worden ist und keine anderen 
angemessenen Lösungen zur Verfügung stehen; Bei der Würdigung des 
Falles ist das Wohl des Jugendlichen das ausschlaggebende Kriterium.“
Im Sinne einer rechtlichen „Europäisierung“ wäre die Beachtung dieser 
internationalen Leitlinie von großer Bedeutung. Würde sie konsequent 
umgesetzt werden, so bedeutet das für den österreichischen Strafvollzug, 
dass ein Drittel der inhaftierten Jugendlichen in der österreichischen 
Jugendvollzugsanstalt Gerasdorf, und für das rumänische Beispiel, dass gut 
die Hälfte der Insassen von Craiova und Tichileşti in alternative Behandlungsformen entlassen werden müssten. Doch das ist bloß ein Gedankenspiel. Setzen wir uns nun mit der grundlegenden Thematik auseinander.



Schon von Kindheit an leben wir mit Vergehen und Strafen, lernen wir, uns 
in die Regeln der Gesellschaft einzuordnen. Von dieser Gesellschaft geprägt, teilen wir unsere Vorstellungen von rechtem und falschem Handeln, und von angemessener Bestrafung. Dieses Alltagswissen bestimmt unsere Vorstellungen von der Strafjustiz und lässt uns meist klare Urteile darüber treffen, wie mit diesem oder jenem Verstoß gegen das Gesetz umzugehen sei. Kaum ein Thema findet derart emotionale Resonanz in der Öffentlichkeit wie der Verstoß gegen die Regeln der Gesellschaft und dessen Bestrafung. Dahinter steht ein wesentlicher Mechanismus des gesellschaftlichen Zusammenlebens: Die soziale Kontrolle.Soziale Kontrolle ist allgegenwärtig. Sie ist allen Gesellschaften gemein. Das Sein der Menschen wird durch Regeln geleitet, Regeln, die sich im historischen Verlauf entwickeln und beständig verändern, zu einem gegebenen Zeitpunkt hingegen meistens im breiten Konsens als unumstößlich erlebt werden. So wie es die allgemeine Übereinkunft über die uneingeschränkte Gültigkeit dieser Regeln, oder Normen, gibt, so gibt es auch immer Ausreißer, die diese Normen in Frage stellen oder gar damit brechen. Wie reagiert nun die Mehrheit der Gesellschaft, die sich in der Gültigkeit ihrer Regeln doch so unumstößlich sicher war, auf diese Verletzung 
ihrer Grundsätze? Kann sie dulden, dass die zuvor erlebte Allumfassenheit 
der Regeln nun vielleicht doch nicht so ganz allumfassend ist, dass es nun 
scheinbar doch ein „Außen“ jenseits der Norm gibt, das der Mensch nach 
Belieben betreten kann und wo die Regeln keine Gültigkeit mehr haben? 
Was geschieht dann mit den im „Inneren“ des Normgebäudes verbleibenden Menschen und der Verbindlichkeit ihrer Regeln?
Soziale Kontrolle hält die Grenzen dicht. Sie zeigt an, dass ein Verlassen 
des rechtmäßigen Raumes nur mit einer Inkaufnahme von Sanktionen einhergehen kann. Damit erfüllt sie sehr verlässlich ihren wesentlichen Zweck: 
Ein Großteil der Menschen bleibt in dem Gebäude, dessen normative Säulen dadurch stark und recht zeitbeständig sind.


„Soziale Kontrolle soll die Alltagskultur bewahren, also das Gesamt der 
Normen, die in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit 
gelten. Sie markiert und ahndet Normverletzungen und trägt so dazu bei, 
dass eine Gesellschaft sich bildet und dass sie – als diese Gesellschaft – 
überlebt.“



Ungleich dem Staat, der sich über seine Staatsgrenzen sichtbar machen 
kann, ist eine Gesellschaft kein klar abgrenzbares System, bei dem der Mensch stets mit Gewissheit sagen kann, ob er nun Teil dieses Systems ist oder außen steht. Gesellschaften sind wandelbare, sich in ständiger Bewegung befindliche Gebilde, die von anderen Gesellschaften beeinflusst werden und auch selbst diese beeinflussen. Auch innerhalb ihrer nicht näher definierbaren Grenzen sind Gesellschaften nicht homogen; eine Vielzahl von Subkulturen prägt die Vielfältigkeit, ja die Widersprüchlichkeit einer jeden Gesellschaft. Die Werkzeuge, die ein Auseinanderfallen der Gesellschaften nach Außen und ein Zusammenstürzen nach Innen verhindern sollen - das sind die Normen und ihre soziale Kontrolle. Sie geben der Gesellschaft, was ihr andernfalls fehlen würde: eine Gestalt, die ihre inneren Vielfältigkeiten zusammenhält. Eine gemeinsame Identität.



So wie sich die Normen von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden mögen, so unterscheiden sich auch die daraus resultierenden Kategorien. 
Hier können wir uns beispielsweise die Kategorie „Verbrechen“ ansehen; 
was in einer Gesellschaft toleriert wird, kann in der anderen bereits als „Verbrechen“ gelten und mit strafrechtlichen Konsequenzen geahndet werden. 
Die Normen, die Konventionen, die Moralvorstellungen einer Gesellschaft sind das Fundament, auf das sie sich stützt, und das sie in ihrer 
Identität von anderen Gesellschaften unterscheidet – und damit nicht 
zuletzt uns als Individuen. Sie sind es, was uns zu dem macht, was wir sind. 
Derart fundamentale Überzeugungen dulden keinen Widerspruch. Werden 
sie herausgefordert, so steht die moralische Ordnung der Gesellschaft, und 
damit ihr Zusammenhalt, auf dem Spiel. Eine machtvolle Antwort muss darauf erfolgen, um in der Gesellschaft und den Köpfen ihrer Mitglieder die Verbindlichkeit der allgemein anerkannten Normen deutlich zu machen. Ordnung und Abweichung davon bedingen sich also gegenseitig; im Zusammenspiel reproduzieren sie beständig die Machtverhältnisse.
„Mit einem Wort: Der moralische Verstoß demoralisiert, wenn nichts da ist, um seine Wirkungen zu neutralisieren; Undisziplin schwächt die Disziplin. Womit kann man das derart begangene Übel kompensieren? Das verletzte Recht muß bezeugen, daß es trotz dem Anschein immer noch es selbst ist, daß es nichts von seiner Kraft und von seiner Autorität eingebüßt hat, trotz der Tat, die es negiert hat. Mit anderen Worten: Es muß sich angesichts des Verstoßes behaupten und derart reagieren, daß es eine Energie beweist, die der Energie des Angriffs, den es erlitten hat, gleicht. Die Strafe ist nichts anderes als diese bedeutsame Manifestation.“



Bestrafung als moralische Antriebsfeder, die den Prozess der Selbstbestärkung kollektiver Empfindungen über Recht und Unrecht in Gang hält – für Émile Durkheim ist die Strafe einer von vielen Mechanismen zur Erhaltung 
gesellschaftlicher Solidarität. In diesem Sinne trägt der Strafvollzug auch den Aspekt einer positiven Generalprävention in sich: Die soeben gebrochene Norm soll für die anderen Gesellschaftsmitglieder noch einmal verdeutlicht und in ihrer Verbindlichkeit bestärkt werden. (vgl. Cornel 2008: 58)



Die Normen, die Spielregeln einer Gesellschaft, sind zum Großteil nur sehr 
schwach formalisiert und wirken auf der unbewussten Ebene. Beständig werden sie durch Imitation und Sanktion gelernt und geübt, nicht nur während der Kindheits- und Jugendphase, sondern durchgängig während des gesamten Lebens. Die Jugendzeit zeichnet sich allerdings in besonderem Maße dadurch aus, dass Normen verhandelt, Identitäten ausprobiert und eigene Perspektiven entwickelt werden.



Wir wachsen und leben in und mit unserer Alltagswelt und übernehmen 
und reproduzieren einen Großteil ihrer Spielregeln unbewusst. Andere 
Regeln werden uns durchaus bewusst, und das nicht selten auf sehr 
schmerzliche Weise. Oftmals entscheiden wir aktiv darüber, ob wir sie für 
uns annehmen oder nicht, und tragen damit die Konsequenzen, die so 
wie die Normen nur in den seltensten Fällen klar definiert und vorhersehbar sind. In einem langen Prozess erfährt das Normgebäude dadurch einen Umbau, manche Teile werden abgerissen und neu aufgebaut, und dieser Prozess wird von Sozialwissenschaftern gerne „sozialer Wandel“ genannt.Wenn nun die sozialen Normen einer Gesellschaft, und damit auch deren Sanktionen, einem langsamen, wenn auch beständigen Wandel unterliegen, was bedeutet das dann für die am meisten institutionalisierte aller Sanktionen, das Gefängnis? Steht es tatsächlich auf derart festen Fundamenten, dass es nicht eines Tages womöglich abgerissen wird, um etwas Neuem zu weichen?



Um herauszufinden, welche neuen Zugänge auf den Trümmern des eingerissenen Gefängnisses fruchten könnten, müssen wir uns erst die Frage 
stellen, welchem Zwecke der Strafvollzug im Allgemeinen, und der Jugendstrafvollzug im Speziellen, heute dient. Erst dann können wir möglichen 
Alternativen auf die Spur kommen. Was bedeutet das Strafrecht - was soll der Strafvollzug? Kurz und gut, er ist die formalisierte, in Bahnen geleitete Form sozialer Kontrolle. Sie wird dadurch „durchsichtig, öffentlich und kontrollierbar“ (Hassemer 2009: 203). Die gesetzlichen Bestimmungen hinter dem Strafvollzug bieten verfassungskonforme Orientierung in der Durchsetzung allgemein-gesellschaftlicher Interessen. Strafvollzug soll generalpräventiv wirken, resozialisierend sein, die Verübung neuerer Straftaten verhindern und für das Vergehen bestrafen. (Cornel 2008: 55)


Das Androhen von Strafen, das generalpräventiv wirken, also die Menschen vom kriminellen Verhalten abhalten soll, hat nur durchaus begrenzte 
Wirkung, da es seine eigentliche Zielgruppe üblicherweise nicht zu erreichen vermag: Wir haben während unserer Sozialisation im Allgemeinen gelernt, dass wir für normtreues Verhalten belohnt werden und Bestrafungen entgehen. Drohende Strafen haben abschreckende Wirkung auf uns, wohingegen jemand, der sich als Kind nicht auf Belohnung und Sanktion, auf zuverlässige Versorgung beispielsweise, verlassen konnte, auch in anderer Weise auf drohende Bestrafung reagiert. In diesem Fall funktioniert Generalprävention nicht – was auch dadurch deutlich wird, dass ein verhältnismäßig hoher Anteil an Gefängnisinsassen aus einem belasteten familiären Umfeld kommt. (ebd: 57f.)Hinzu kommt, dass grundsätzlich die meisten von uns nicht nur deshalb keine Straftaten begehen, nur weil wir die Bestrafung fürchten; vielmehr erkennen wir die bestehende Ordnung an, haben sie als unsere eigenen Werte angenommen und internalisiert, empfinden Verantwortung für uns selbst und anderen gegenüber und wollen ihnen aus Empathie kein Leid zufügen. Die Bestrafung fürchten wir vor allem deshalb, weil wir etwas zu verlieren haben.
„Die Straftat tötet solche Motivationen zum Wohlverhalten. In der 
geschlossenen Anstalt braucht man keine Verantwortung zu tragen, nicht 
einmal für sich selbst, weil dem Häftling alles vorgegeben und vorgeschrieben wird, und zu verlieren hat der Gefangene auch nicht mehr viel.“
Die offensichtlichste Funktion von Strafvollzug ist die Verhinderung von 
neuerlichen Straftaten während der Haftzeit. Allerdings müssen wir diesen 
Zweck eines lediglichen „Wegsperrens“ der StraftäterInnen zu den Folgen 
dieser Maßnahme in Beziehung setzen: 



„Je geschlossener der Vollzug mit Überbetonung des Verwahrens, desto 
geringer ist häufig die resozialisierende Funktion, der Bezug nach draußen, die Vorbereitung der Entlassung und die Angleichung an die Lebensverhältnisse außerhalb der Anstalt. Die sichernde Funktion während der Einschlusszeiten wird also häufig mit Rückfällen danach erkauft.“



Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob „Übelszufügung“ Teil einer rationalen 
Strafpolitik sein darf. Der Zweck, dem Täter Übel zuzufügen, zielt ja auf den recht archaischen Durst nach Rache und Vergeltung ab. Nun mag die 
Verletzung der grundlegendsten Übereinkünfte, die uns erst zu dem machen, was wir sind, den Wunsch nach Vergeltung erwecken – doch wird eine Kriminalpolitik, die sich selbst nicht durch Emotionen gesteuert verstehen will, auf dieses Element verzichten. Ein Rechtsstaat, der die Würde des Menschen als eines seiner obersten Gebote respektiert, wird vielmehr um Vermeidung jedes zusätzlichen Leids bemüht sein und damit eine Strafe, die Übel zufügt, nicht als Selbstzweck erleben.Maßnahmen, die im Namen der Vergeltung zusätzlich Übel zufügen wollen, sind mit einem rationalen Umgang mit der Thematik nicht vereinbar, an der Vergangenheit orientiert und bieten daher keinen Mehrwert für die Zukunft. Ebenso wenig hat die Verwahrung hinter Gittern das Potential, zu einer positiven Entwicklung beizutragen. Sie ist stigmatisierend und desintegrativ, bei einem Großteil der Delikte (etwa die Hälfte der Insassen von Craiova und Tichileşti beispielsweise haben Eigentumsdelikte begangen) unverhältnismäßig und daher mit dem Grundsatz der Menschenwürde kaum vereinbar. Die Freiheitsstrafe wurde vor etwa 200 Jahren als zentrale Maßnahme zum Umgang mit Gesetzesbruch eingeführt und löste die bis dahin üblichen Körperstrafen ab. Damals bedeutete sie einen Fortschritt, doch müssen wir uns, auch im Lichte unseres heutigen Wissensstandes zu Verhaltenssteuerung und der fraglichen Wirksamkeit des Einsperrens, ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, wie zeitgemäß die Freiheitsstrafe noch ist und inwieweit sie Antwort auf unsere heutigen sozialen Probleme sein kann und darf.



In seinem Beitrag zur Enquete „Moderner Strafvollzug“ des Österreichischen Bundesministeriums für Justiz im Jahr 2004 zeichnet Wolfgang Gratz eine erfolgreiche Entlassung aus dem Strafvollzug als Stufenmodell: 
An der ersten Stufe stehen Sozialtraining und Ausgänge, an der zweiten der 
Freigang. Diese beiden Stufen finden sich im österreichischen Strafvollzug 
wieder. Die dritte Stufe allerdings, die Halbgefangenschaft, wird hierzulande noch nicht durchgeführt, obwohl sie sich in der Schweiz bewährt hat. 
In der Halbgefangenschaft verlassen die InsassInnen die Anstalt nicht bloß 
zur Arbeit, sondern verbringen einen bestimmten Teil der Zeit in der 
Anstalt und können über den Rest der Zeit frei verfügen. (Gratz 2005: 137)
Im europäischen Vergleich sehen wir deutlich, dass Systeme, die ihren 
Schwerpunkt in der Resozialisierung von straffällig gewordenen Jugendlichen sehen, auch erfolgreicher im Sinne eines geringeren Anteils von Jugendlichen in Haft sind: In Skandinavien etwa, wo der Freiheitsentzug in Strafanstalten zur absoluten Ausnahme gehört, konzentriert man sich auf die Durchführung von Resozialisierung,s-programmen; in Deutschland und Frankreich werden jugendliche StraftäterInnen in eigenen Institutionen, die Bewegungsfreiheit erlauben, intensiv betreut. Der deutsche Kriminologe Frieder Dünkel, der im internationalen Feld zu der Thematik forscht, meint dazu in einem Interview: 



„Mit einem Personalaufwand von ungefähr 24 Erziehern rund um die 
Uhr. Also Menschen statt Mauern so zu sagen, ist das Prinzip der Sicherung. Das kostet natürlich richtig viel Geld, aber man hat damit ganz gute Erfolge. Jedenfalls sind die Entweichungen dort nicht so, dass da ein Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung besteht.“



Straferleichterungen wie etwa die Bedingte Entlassung haben das Potential, 
positiv auf das zukünftige Verhalten der Insassin zu wirken, da sie ihr 
einerseits wieder Verantwortung für das eigene Leben zugestehen und ihr 
andererseits ein Vertrauensvorschuss entgegengebracht wird. Mit den nötigen sozialarbeiterischen und therapeutischen Unterstützungsleistungen 
können derartige Maßnahmen, die die Haftstrafe zumindest teilweise 
ersetzen, große Chancen für ein gelingendes Leben in der Gesellschaft 
bedeuten.


„Für unsere Praxis heißt das: Die Macht der Erwartungen, die wir an andere stellen, ist so groß, dass durch sie alleine schon dessen Verhalten beeinflusst wird. Was wir einem Menschen zutrauen, entscheidet manchmal auch über seinen Werdegang.“


Eine wichtige Rolle spielt an dieser Stelle die Versöhnung zwischen Opfer und Täter, ein gewaltloser Umgang mit dem Gesetzesbruch, der den drei Leitsternen Würde, Wirkung und Maß gerecht wird und den Freiheitsentzug zur Ultima Ratio macht. Gerade aber jene Maßnahmen, die einen alternativen oder ergänzenden Weg zur Haftstrafe gehen wollen, sind zunehmend gefährdet in einem gesellschaftlichen Klima, das – angeheizt durch die Medien zunehmend Augenmerk auf die „Sicherheit“ und einen härteren Umgang mit jugendlichen GesetzesbrecherInnen legt.



Die amerikanische Professorin und Aktivistin gegen rassistische und 
politische Repression, Angela Y. Davis, steht ein gegen den immer stärkeren Rückgriff auf das Gefängnis zur Lösung sozialer Probleme (…) – sozialer Probleme, die durch diese Art von Masseneinkerkerung in Wirklichkeit noch verschärft werden.“


In vielen Ländern, darunter auch Österreich und Rumänien, stellt die 
Überbelegung der Gefängnisse den Strafvollzug vor schier unlösbare Probleme. Die für die Resozialisierung so wichtige Entlassungsvorbereitung kann immer weniger in einem zufriedenstellenden Maß durchgeführt werden – obwohl kriminologische Studien deutlich zeigen, wie wichtig etwa das Training sozialer Kompetenzen, eine gute Entlassungsvorbereitung und eine passende Nachbetreuung für die Verhinderung eines Rückfalls in die Kriminalität sind. (Dünkel 2005: 38)



Im Jahr 2009 veröffentlichte das Ministerkomitee des Europarates Empfehlungen zu europäischen Grundsätzen des Jugendstrafvollzugs. Sie wurden in Kooperation des bundesdeutschen und des österreichischen Justizministeriums sowie des Schweizer Eidgenössischen Justiz- und 
Polizeidepartments erarbeitet. Das Dokument enthält Empfehlungen zu 
Untersuchungshaft sowie zu Sanktionen und Maßnahmen gegen jugendliche StraftäterInnen. Ich möchte an dieser Stelle nur exemplarisch auf ausgewählte Punkte der Empfehlungsliste eingehen und sehen, inwieweit sie derzeit Berücksichtigung in der Vollzugspraxis in Österreich, Rumänien und der Schweiz finden. Im Lichte der Grundforderung des Ministerrats, dass die Sanktionen 
für jugendliche StraftäterInnen „auf den Prinzipien der Wiedereingliederung, Erziehung und Rückfallverhütung beruhen“ (BMJ Berlin u.a. 2009: 15) müssen,lassen Sie uns zunächst einen Blick auf die rechtlichen und 
institutionellen Rahmenbedingungen des Jugendstrafvollzugs in unseren 
drei Beispielländern werfen.In Österreich gibt es seit dem Jahr 1988 ein gesondertes Jugendstrafvollzugsgesetz. Während das österreichische Gesetz besagt, dass der Strafvollzug den Menschen einem der Gemeinschaft angepassten Verhalten verhelfen und Rückfälle verhindern soll, gibt es im Jugendstrafvollzugsgesetz noch einen zusätzlichen Paragraphen, der die Wichtigkeit von Erziehung und Ausbildung betont. Weiters weichen die Bestimmungen für Jugendliche von denen für Erwachsene unter anderem dahingehend ab, dass sie ihrer körperlichen Entwicklung wegen reichlicher verpflegt werden müssen, sich mindestens zwei Stunden täglich im Freien bewegen dürfen und nur Arbeiten verrichten sollen, die einen erzieherischen Wert haben. Die im Gesetz vorgesehenen Höchststrafen für Jugendliche sind 
bei den meisten Delikten um die Hälfte herabgesetzt. In Österreich sind 
laut Angaben des Bundesministeriums 3 Prozent aller Insassen jugendlich 
(14 bis 18-jährige) und 8 Prozent „junge Erwachsene“ (bis zu 27 Jahren) 
(BMJ Wien 2009).



Vergleichsweise sind in der Schweiz weniger als 1 Prozent aller Insassen unter 18 Jahre alt (Dünkel 2007). Im Jahr 2000 begannen hier mit einer Volksabstimmung die Arbeiten an einem einheitlichen Bundesgesetz über das Jugendstrafverfahren. Das heutige Jugendstrafrecht in der Schweiz unterscheidet sich vom Regelstrafrecht durch seine Ziele: Im Mittelpunkt stehen Erziehung, Heilung, Prävention, soziale Integration und Schutz sowohl der Gesellschaft als auch des Täters, der als Opfer einer krankmachenden Situation verstanden wird. Die Prävention wird in diesem Zusammenhang als am Täter orientierte Spezialprävention, und nicht, wie im Erwachsenenvollzug, als Generalprävention, verstanden. Das Bundesgesetz über das Jugendstrafrecht besagt, dass der Freiheitsentzug als Ultimaratio des Jugendstrafrechts gelten muss und nur Jugendliche ab dem vollendeten 15. Lebensjahr betrifft. Die Höchstdauer des Freiheitsentzugs für 15-Jährige beträgt ein Jahr, für 16 bis 18-Jährige vier Jahre. Die Jugendlichen müssen in einer Einrichtung untergebracht werden, die die erzieherische Betreuung und die Vorbereitung auf die soziale Wiedereingliederung gewährleistet. (vgl. Bundesamt für Justiz 2010) Im Unterschied zu Österreich und der Schweiz gibt es in Rumänien derzeit noch kein vom Erwachsenenstrafrecht gesondertes Jugendstrafrecht. Die beiden rumänischen Justizanstalten für Jugendliche, Craiova und Tichileşti, wurden 2009 um eine dritte Anstalt für Jugendliche ergänzt. Im Juni 2009 waren in Tichileşti 233, und in Craiova 343 junge männliche Insassen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren untergebracht.
In Österreichs einziger Jugendsonderanstalt Gerasdorf werden maximal 
122 männliche Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 14 
und (in Einzelfällen) 27 Jahren untergebracht; im September 2009 war 
Gerasdorf mit 121 Insassen belegt. Jugendliche StraftäterInnen, deren 
Haftstrafe weniger als 6 Monate beträgt, werden in den zuständigen Landesgerichten untergebracht. Deutschlands größte Jugendvollzugsanstalt Adelsheim wollte keine Zahlen dazu preisgeben, was wohl an der Vollzugspolitik des Landes Baden-Württemberg liegt, dessen Justizministerium sich offenkundig gerne bedeckt hält. In der Schweiz werden bis dato straffällig gewordene Jugendliche nicht in Strafvollzugsanstalten im herkömmlichen Sinn, sondern in so genannten Erziehungseinrichtungen untergebracht. Im Jahr 2008 waren es insgesamt 175 Jugendliche, die in dieser Form sanktioniert wurden. Die Zahlen lassen sich zwischen den drei Beispielländern insofern schwer vergleichen, als sowohl in Deutschland, Österreich als auch in Rumänien jugendliche StraftäterInnen auch in anderen Anstalten als den Jugendvollzugsanstalten untergebracht werden, und weil der Freiheitsentzug in der Schweiz, wie bereits erwähnt, nur als letztes Mittel erachtet wird und so eine ungleich höhere Zahl von jugendlichen StraftäterInnen mit alternativen Maßnahmen bedacht werden.



Kehren wir zurück zu den Empfehlungen des Europarates. Sie besagen etwa, dass inhaftierten Jugendlichen sinnvolle Beschäftigungen geboten werden müssen, die den Freiheitsentzug weniger negativ einschneidend gestalten als er naturgemäß ist und die „(…) die körperliche und geistige Gesundheit der 
Jugendlichen, ihre Selbstachtung und ihr Verantwortungsgefühl ebenso 
fördern wie die Entwicklung von Einstellungen und Fertigkeiten, die sie 
vor einem Rückfall schützen.“ (BMJ Berlin u.a. 2009: 24)



In den Schweizer Erziehungseinrichtungen werden die Jugendlichen von 
pädagogisch geschulten und orientierten Personen wie SozialpädagogInnen, PsychologInnen oder LehrmeisterInnen betreut – im Gegensatz zu Österreich und Rumänien, in deren Justizanstalten in erster Linie ExekutivbeamtInnen zum Einsatz kommen. Die wichtigsten Themen für die Erziehungseinrichtungen sind Arbeit, Ausbildung, Klärung der Tagesstruktur sowie Gewaltprävention, das Training der Alltagsfertigkeiten sowie die Unterstützung der Familien der Jugendlichen (vgl. Bundesamt für Justiz 2009). Diese Einrichtungen zeichnen sich durch die Abwesenheit von Mauern, den sozialpädagogischen Fokus und durch ihre geringe Größe aus: So betreut etwa die 1998 als selbstständiges Unternehmen gegründete Maßnahmen- und Vollzugseinrichtung „uus-ziit.ch“ insgesamt nur 12 straffällig gewordene Jugendliche. Das Schule, Arbeit und Therapie umfassende Konzept zielt darauf ab, die Jugendlichen in ihrer Entwicklung so zu fördern, dass sie sich selbstständig in die Gesellschaft integrieren können. Von unseren drei Länderbeispielen entspricht in erster Linie die Schweiz den Empfehlungen des Europarates, dass die Einrichtungen möglichst klein strukturiert, mit den geringst möglichen Sicherheits- und Kontrollmechanismen ausgestattet, und den positiven Aspekten des Lebens in 
der Gesellschaft angeglichen sein sollen (BMJ Berlin u.a. 2009: 25).


Resümieren wir diese Exkursion in den Internationalen Jugendstrafvollzug.

Beständige Informationsarbeit und internationale Vernetzung, die es 
erlaubt, von den vielen Erfolgsbeispielen zu lernen, eröffnet hier einen Weg, 
der vielversprechend für die Zukunft ist. Die verschiedenen Zugänge zu 
Devianz und Strafe können sich gegenseitig bereichern und gemeinsam 
eine Entwicklung vorantreiben, eine Entwicklung in eine Zukunft, in der es 
womöglich einmal heißt: Und was kommt nach dem Gefängnis?

Angesichts immer lauter werdender Rufe nach einem härteren Umgang mit jugendlichen StraftäterInnen ist man auch hierzulande nicht davor gefeit, einen Rückschritt in den Maßnahmen des Jugendstrafvollzugs zu erleben und das in 
Zeiten, die einen faktischen Rückgang in der Jugendkriminalität verzeichnen können.



„Das empirisch gesicherte  Wissen zum Gefährdungspotential junger 
Strafgefangener steht im Kontrast zu einer durch die Medien geschürten 
Kriminalitätsfurcht und entsprechenden, z.T. allerdings überzogenen 
Forderungen nach mehr Sicherheit.“ 



Nicht der Schritt zurück zu einem „Wegsperren“, einem Bestrafen von 
vermeintlich gefährlichen Jugendlichen, sondern der Weg nach vorne zu einer Bearbeitung und Überwindung der ursächlichen Probleme, die zu einer Straftat geführt haben, wird die Gesellschaft auf Dauer sicherer und gerechter machen.

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