Donnerstag, 7. April 2011

Resozialisierung Strafe und Ausgrenzung ?

Es ist erstaunlich, dass der Begriff »Resozialisierung« – wenn man
ihn in Handbüchern bzw. im Internet in Verbindung mit »Sozialer
Arbeit« sucht – vornehmlich in zwei Zusammenhängen auftaucht:
Einmal wurde er zu einem wichtigen Begriff für eine kritische
Bewegung, die sich in den 1960er und 1970er Jahren dafür einsetzte,
dass so genannte verwahrloste Jugendliche, haltlose und willensschwache Trinker sowie Insassen von Gefängnissen mit ihren jeweiligen Biografien zu verstehen und deshalb als erziehungsfähig und damit resozialisierbar zu betrachten seien. Der einzige von mir gefundene Handbucheintrag zum Stichwort Resozialisierung drückt die Veränderung des Umgangs in Bezug zu dieser Klientel aus, wenn es dort als Schlusssequenz heißt: »Ich hoffe, dass die Ablösung des Sühnegedankens durch den (Re-) Sozialisations-Gedanken auch in unserer Gesellschaft nicht aufzuhalten sein wird« (Engelhardt 1981,
S. 386).  Resozialisierung wird also in diesem Zusammenhang als
pädagogisches und sozialarbeiterisches Gegenmodell zu Modellen
der Verwahrung und des gesellschaftlichen Ausschlusses von Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht integrierbar sind, verstanden.



Wenn man davon ausgeht, diese Form sozialarbeiterischer Intervention habe sich in der deutschen Gesellschaft bis heute durchgesetzt, so mag es überraschen, dass das Lehrfach »Resozialisierung« lediglich an bayerischen Fachhochschulen für Sozialarbeit/ Sozialwesen im Curriculum zu finden ist: In Bamberg, Coburg, Eichstätt, München, Nürnberg, Regensburg und Würzburg ist der Studienschwerpunkt »Resozialisierung« Teil des Hauptstudiums mit
jeweils unterschiedlichen Ausrichtungen. Während die einen vor allem die Entlassenenhilfe und die Sozialdienste der Justizvollzugsanstalten damit verbinden, ist für andere Fachhochschulen präventive Jugendhilfe oder Streetwork in der Obdachlosenarbeit mit dem Resozialisierungsgedanken verknüpft. Aber alle Fachhochschulen stellen den Begriff »Gefährdetenhilfe« ergänzend neben den der Resozialisierung.
Ein Interneteintrag zum Stichwort »Resozialisierung« zeigt einen Link zur Fachhochschule in Münster an, den ich erwartungsvoll anklicke, um einen Hinweis zu finden, der die Einzigartigkeit der bayerischen Lehrpläne etwas in Frage stellen könnte. Aber es zeigt sich schnell, dass der Münsteraner Resozialisierungsbegriff mit dem relativ homogenen bayerischen Schwerpunktfach der FH kaum etwas zu tun hat: »Biografisches Arbeiten und Gedächtnis mit älteren Menschen« sowie »Die Zukunft der Sozialarbeit in der Psychiatrie« sind die Themen, die sich dort um »Resozialisierung« gruppieren – wobei es sich um keinen Studienschwerpunkt handelt, sondern
um Weiterbildungsveranstaltungen für bereits fertige Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.


Es stellt sich die Frage, ob und wie die kritische und die bayerische Seite des Resozialisierungsbegriffs miteinander zu tun haben:
Ist es so, dass gerade Bayern in Bezug auf eine fortschrittliche Konzeption des Umgangs mit so genannten Verwahrlosten, Haltlosen und Gefährdeten eine Vorreiterrolle einnimmt? Oder handelt es sich um ein zufälliges Zusammentreffen von zwei unabhängig zu denkenden Phänomenen? Ich kann die Frage hier nicht beantworten, weil sie eine geschichtliche Analyse der institutionellen Verankerung des Resozialisierungsbegriffs an den bayerischen Fachhochschulen voraussetzte. Ich will aber weitere Befunde darstellen, die zeigen könnten, dass weder die kritische Tendenz des Resozialisierungsgedankens noch seine institutionelle Verankerung an den bayerischen Fachhochschulen Auswirkungen auf dessen Popularisierung als zentralen Begriff Sozialer Arbeit hatten: Sucht man nach Veröffentlichungen, die den Terminus »Resozialisierung« im Titel haben, so findet man einerseits Bücher, die fast durchweg zwischen 1960 und 1985 publiziert wurden (von allen 42 Titeln der Bayerischen Staatsbibliothek zum Thema sind lediglich drei in den 1990er Jahren erschienen); - andererseits liegt der Schwerpunkt der Veröffentlichung zu diesem Thema auf den Fragen nach Strafrecht und Resozialisierung bzw. nach in/adäquaten Maßnahmen des Strafvollzugs im Verhältnis zum Resozialisierungsgedanken.
Zudem kann man feststellen, dass sich die m. E. wichtigsten zwei in den letzten Jahren in Theorie und Praxis der Sozialarbeit diskutierten Querschnittsaufgaben, die auch an vielen Fachhochschulen die Lehrinhalte bestimmen, in den wenigen aktuellen Veröffentlichungen zur Resozialisierung kaum wiederfinden: die Überlegungen zur unterschiedlichen Sozialisation und damit auch zur je unterschiedlichen biografischen Situation (auch und gerade im Bereich der »Gefährdung«) von Mädchen und jungen Frauen sowie von
Migrantinnen und Migranten der zweiten und dritten Generation: also gender und kulturelle Differenz. Vorläufig lässt sich also Folgendes festhalten:
Trotz der Annahme, das Konzept »Resozialisierung« sei ein eindeutig und klar elaboriertes Prinzip Sozialer Arbeit mit fester Verankerung in den Lehrinhalten der Ausbildungsinstitute, gibt es aktuell keine Debatte um die Probleme von »Gefährdung«, »Verwahrlosung« bzw. gesellschaftlicher Ausgrenzung und damit zusammenhängender sozialarbeiterischer Intervention unter diesem Begriff.
Eine Diskussion um Resozialisierung findet heute vor allem im Zusammenhang mit Vorschlägen zur Strafrechts- und Strafvollzugsreform statt oder aber in den medial aufgebauschten Diskursen zu Resozialisierungschancen von Sexualstraftätern. Zu überlegen ist also, ob der Resozialisierungsbegriff als zentraler Begriff Sozialer Arbeit tragfähig ist, um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen mit berufspolitischen und methodischen Anforderungen an SozialarbeiterInnen zu bündeln und die Widersprüche der Praxis theoretisch
einzufangen.



Trotz der skeptischen Einschätzung, was die Tragfähigkeit des Begriffs Resozialisierung angeht, wird sicherlich jeder der Aussage zustimmen, es gebe nach wie vor einen enormen Bedarf an Resozialisierung, Eingliederung bzw. Integration von Menschen, die aus der gesellschaftlichen Ordnung auf ihre Weise »herausgefallen« sind. Die Art und Weise aber, wie beispielsweise nach 1945 eine Person als »Außenseiter« und damit als »resozialisierbar« betrachtet wurde, hat sich gegenüber heute verändert. Um diese Veränderung spürbar
zu machen, will ich zwei Texte vorstellen. Beim ersten handelt es sich um Auszüge einer Hausordnung eines Berliner Fürsorgeheims für Mädchen aus den 1960er Jahren, das die miefige bundesrepublikanische Atmosphäre verdeutlicht, in welcher der kritische Resozialisierungsgedanke sich entwickelte:



Hausordnung. Zur Hausordnung gehören alle Forderungen der
Ordnung, die in einer Gemeinschaft selbstverständlich sind. Achte
besonders auf folgende Anweisungen:
dass Kofferradios und alkoholische Getränke nicht in den Eichenhof mitgebracht werden, dass in den Schlaf-, Klassen- und Arbeitsräumen und auf den
Fluren nicht geraucht wird (...),


- dass Mädchen unter 16 Jahren überhaupt nicht rauchen dürfen,
- dass die Wände der Schlafräume nicht mit Bildern beklebt werden,
- dass du zur Arbeit die Arbeitskleidung des Eichenhofes anziehst
und in den Taschen keine ›Groschenhefte‹, Zeitungen und Stielkämme trägst,
- dass du ordentlich bekleidet bist,
- dass du dich nicht (...)am Gartentor und Gartenzaun aufhältst oder
auf die Treppen setzt, wenn du eine Arbeitspause hast  (zit. nach Meinhof 1971, S.12)


Der zweite Text ist aus der Feder eines Jugendlichen, der selbst
zum Objekt einer Resozialisierungsmaßnahme wurde. Der 15-jährige Martin besuchte Mitte der 1990er Jahre eine Münchner Hauptschule, an der er zum Organisator von deutschen Schlägertrupps wurde, welche fast täglich nichtdeutsche Schülerinnen und Schüler bedrohten, prügelten und zum Teil schwer verletzten. Ich lernte ihn während eines Seminars kennen, das ich leitete und dem ich den Titel gab: »Wieso ich Ausländer hasse?«. Nach diesem Seminar, über dessen Verlauf ich hier aus Zeitmangel nichts berichten kann, schrieb er mir mehrere Briefe. In einem davon steht:


**Zuerst will ich mich für den Brief bedanken und als zweites will ich dir erklären, warum ich ausgerechnet für einen Staat bin, der von einer politischen Elite geführt wird. Die Werte unserer Gesellschaft sind häufig nur materieller Herkunft z. B. Auto, Urlaub, Wohnung, Essen usw. Den Menschen in Deutschland ist es egal, was draußen in der Welt passiert, Hauptsache ihnen geht es gut (...). Sie habe ihre alten Wertmaßstäbe vergessen (...). Das beste Beispiel ist die Jugend, sie wird immer brutaler und rücksichtsloser, ihr Leben

bestimmen Drogen, Zigaretten und Alkohol. Aber früher gab es nur ein Ziel: seinem Kaiser und dem Vaterland dienen, sie wären nie auf die Idee gekommen alte Frauen zu überfallen, zu stehlen und zu vergewaltigen. Damals gab es ein Gefühl von Einigkeit, jeder hat jedem geholfen, nur die Masse war stark, wie Adolf Hitler in ›Mein Kampf‹ schrieb: ›Einigkeit macht stark‹. Und ich denke, wenn unsere Wohlstandsgesellschaft wieder alte Werte kennen lernt, dann bin ich mir sicher, dass wir diese ganzen Probleme schaffen können (...). Ich glaube kaum, dass unsere fettgefressenen Politiker das schaffen.**


Die beiden Briefe zeigen trotz ihrer unterschiedlichen Adressaten sehr deutlich, welche gesellschaftlich nahe gelegten Vorstellungen in den jeweiligen Jahren dominant sind und welche Widersprüche und Problematiken damit verbunden sind. Drei entscheidende Diskrepanzen sollen zeigen, wie sehr sich grundlegende Prinzipien resozialisierender Erziehung verändert haben:

Resozialisierung im Sinne einer Veränderung der sozialen Lebenswelt von »Verwahrlosten«, »Gefährdeten« oder »Geschädigten«
(wie es beispielsweise im JGG heißt) war – so zeigt der geschichtliche Kurzdurchlauf – immer ein widersprüchliches Unterfangen. Im besten Falle wurde sie konzipiert als Integration von Bürgern, deren soziale Auffälligkeit in Zusammenhang stand mit von ihnen nicht zu verantwortenden Defiziten wie bspw. Arbeitslosigkeit oder Erziehungsschwierigkeiten in der Familie. Unter Integration wäre dann ein sozialpolitisches Instrumentarium zu verstehen, das versucht, allen den Zugang zu sozialen Dienstleistungen und zu Schulbildungen zu ermöglichen, soziale Ungleichheiten zu verringern sowie eine verbesserte Verteilung der Chancen, den Ausbau der sozialen Sicherung und die Konsolidierung der Lage der abhängig Beschäftigten« (Castel 2000, S. 364).
Im schlechtesten Falle wurde Resozialisierung gedacht als Arbeit an den Individuen (therapeutisch bzw. beraterisch), damit diese sich den gegebenen Verhältnissen anpassten oder gar als Bestrafungsund Sühneritual für individuelles Versagen. 
**KLAUS WEBER Dr. phil., Professor für Psychologie an der Fachhochschule München**



Hier wird deutlich worin die Sozialisierung besteht,namentlich dem Zeitgeist und der Normativen Sozialität unserer Gesellschaft, wie auch dem eigentlichen sozialen Umfeld in dem wir uns aufhalten. Deshalb muss auch gerade bei einer Resozialisierung der Behandlungsfaktor welcher benötigt wird, in diesen Items gesucht und berücksichtigt sein. Eine Re"sozialisierung" kann nur gelingen, wenn diese wirklich und wahrhaftig gewollt ist und nicht nur als Plakative Überschrift des Polemisch Politisch gewollten Strafzweckgedankens mit der Medialen Ummantelung des Humanismus zu versehen. 


Resozialisierung gibt nicht nur dem Betroffenen zu Resozialisierenden, die Chance auf eine neue und bessere Zukunft, sondern auch der Gesellschaft mehr Sicherheit und eine konkrete Prävention vor erneuter Delinquenz.


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