Sonntag, 17. April 2011

Resozialisation überhaupt Gesellschaftlich geeignet Probleme zu lösen?

 Das Präfix „Re-„ unterstellt schon einmal, dass vorweg eine Sozialisierung stattgefunden habe, dass diese verlorengegangen oder sonst wie aufgehoben wurde, dass dies nun zu reparieren sei. Deutlicher wäre es, von Resozialisation zu sprechen, denn was Sozialisation ist, das wissen wir. Jedenfalls wissen wir es genauer, als wir wissen, was „Sozialisierung“ bedeuten soll.

Sozialisation, das ist jener Prozess, in dem Individuen lernen, Individuen in der Gesellschaft zu sein. Dafür müssen sie sich sehr viel aneignen, viel vom Reichtum der Gattungsentwicklung, um es einmal pathetisch zu formulieren. In einem gelingenden Prozess der Sozialisation eignen sich unter anderem die Sprache an, das Zeichensystem, mit dem Menschen sich heutzutage nicht nur verständigen, sondern mit dem sie auch die Welt begreifen. Mit dieser Aneignung eines hochentwickelten Zeichensystems lernen sie auch menschliche Ziele und Zwecke über das Organismische hinaus, also über Schlafen, Essen, Trinken und so weiter. Diese Ziele lernen sie auch an den Gegenständen, die sie vorfinden. Der Löffel zum Beispiel erzählt etwas darüber, wie man heutzutage als Mensch so isst. Dieser Aneignungsprozess, den wir Sozialisation nennen, benötigt 2 Seiten: die heutige Gesellschaft muss da sein, muss sich im Umfeld der Kinder repräsentieren durch Sätze, durch Menschen mit ihrem Repertoire an Verhaltensweisen und Sprache, durch die Gegenstände mit ihrem Aufforderungscharakter: bitte benutz mich. Sind die nicht vorhanden, dann sozialisiert sich dieses Wesen schlecht oder gar nicht, Sie kennen die Kaspar Hauser Geschichte, oder in eine Welt hinein, die nicht die richtige, nicht die unsere, nicht jene ist, in der sich dieses Wesen künftig behaupten wird müssen, in der es kooperieren und sein Leben sichern wird müssen.

Sozialisierung, das riecht etwas streng nach überheblicher Gutmenschenpädagogik. In ihm schwingt allerdings auch ein anderer Begriff mit, nämlich die Vorstellung vom sogenannten Asozialen, dem Menschen, der sich nicht in die Gemeinschaft einfügen will oder kann, der sein Lebenskonzept gegen die Gemeinschaft anlegt. Als Asoziale galten unter den Nazi Bettler, Landstreicher, Obdachlose, Prostituierte, Zuhälter, Fürsorgeempfänger, Suchtkranke (z.B. Alkoholiker), deklassierte Unterschichtsfamilien (von den Nazis als „asoziale Großfamilien“ bezeichnet), Sinti, Roma, Zigeuner und andere Unangepasste bezeichnet. Im KZ waren sie mit einem schwarzen Winkel gekennzeichnet – und hatten mehrfach zu leiden, sie waren auch für die meisten KZ-Häftlinge, die aus politischen Gründen hier interniert waren, Paria. Auch die Arbeiterbewegung hatte zu den Asozialen, zum sogenannten Lumpenproletariat, ein gestörtes Verhältnis.

Resozialisierung, das ist die Vorstellung, dass es möglich ist, durch geeignete Maßnahmen, vor allem durch im weitesten Sinne pädagogische Maßnahmen, Menschen wieder zu einem Leben in der Gesellschaft und nach den Regeln der Gesellschaft bringen zu können. Ein Programm, das auf die Erziehung der Person zielt, und damit vorerst die Gründe für die Asozialität auch in der Person verortet.

Über Resozialisierung sprechen wir im Zusammenhang mit Straftaten, mit der Justiz. Resozialisierung, das ist die Alternative zu einem bloß Rache- oder vielmehr Buße-orientiertem Strafvollzug.

Verzeihen Sie mir, wenn ich das vorerst einmal zuspitze: Unter Resozialisierung laufen auch Hundetrainingsprogramme. Besonders aggressive Hunde – oder solche, die besonders ängstlich, und auch dadurch gefährlich sind – werden über Training „resozialisiert“, d.h. dass sie im Ergebnis wieder für ein Zusammenleben mit Menschen geeignet sind.

Nun ist es zweifellos leichter, Hunde auf ein gewünschtes Ziel hin zu trainieren, als Menschen. Trotzdem gibt es für Menschen ähnliche Programme, die sogenannten „Bootcamps“.

Ein Bootcamp, das ist ein militärisch organisiertes Camp, in dem mit den klassischen Mitteln der militärischen Erziehung gearbeitet wird. Das pädagogische Programm ist einfach und eindeutig: Der Wille der „Rekruten“ muss zuerst gebrochen werden und wird dann erst sukzessive wieder aufgebaut. Wir kennen das aus diversen Filmen. Seelische Misshandlungen sind hier kein Unfall, sondern Teil des Konzepts. Das Trainingsprogramm ist ursprünglich für Mitglieder von Eliteeinheiten entwickelt worden: Es soll den bedingungslosen Gehorsam, die Unterordnung der einzelnen unter die Kommandogewalt garantieren, der einzelne soll sein ICH völlig in den Dienst der Truppe / der Gemeinschaft stellen.

Bei aller Skepsis: Das hat was. Die Vorstellung, mit brachialen Methoden Menschen ihre egoistischen und gemeingefährlichen Neigungen auszutreiben und ihnen klarzumachen, dass sie zwar Individuen, aber auch Teil der Gesellschaft sind, dass sie sich gefälligst zusammenreißen sollen, wie man so sagt, das entspricht schon einmal eigenen Fantasien. Vor allem, wenn man es immer wieder mit hochproblematischen Menschen zu tun hat, mit dem, was so als Borderliner bezeichnet wird, oder ganz einfach mit eigenen Kindern.

Zugegeben, wir haben es hier mit einer sehr radikalen Form der Resozialisierung zu tun, nicht unbedingt mit dem Weg, für den Soziale Arbeit steht. Aber wir sollten uns dessen klar sein, dass das Spektrum an Reaktionsformen recht breit ist, mit dem „die Gesellschaft“, oder „der Staat“ auf Personen und Handlungsweisen reagiert, die sie, die Gesellschaft, oder er, der Staat, für wenig akzeptabel hält.

Der Staat ist ein Machtapparat, nicht nur Karl Marx und Lenin betrachteten ihn als Gewaltapparat der herrschenden Klassen. Die Monopolisierung der Gewaltausübung ist für einen funktionierenden Staat unverzichtbar. Gelingt diese Monopolisierung nicht, spricht man heute von „failed states“. Ein solches Beispiel ist Somalia, wo das staatliche Gewaltmonopol nicht errichtet werden konnte. Das Resultat ist ein ständiger Bürgerkrieg, wobei lokale „warlords“ die reale Herrschaft ausüben. Der Irak wandelt seit der amerikanischen Invasion am Rande des Status eines „failed state“, und es ist noch nicht ausgemacht, wie es weitergeht.

Zum Staat gehört also die Ausübung von Gewalt, oder zumindest die potenzielle Ausübung von Gewalt, dazu, sonst wäre er kein Staat, und alles, was wir als SozialarbeiterInnen tun, ruht auf dieser staatliche Gewalt auf. Ruht auf der Sicherheit, dass der Staat notfalls mit Gewalt die Herrschaft des Gesetzes garantiert.

Ich betone das, um klarzumachen, dass umfassende Vorstellungen von einer gewaltfreien Gesellschaft gelinde gesagt naiv sind. Die Soziale Arbeit ist kein generell alternatives Konzept zu einem menschlichen Zusammenleben, das auf Macht- und Gewaltverhältnissen beruht, sondern sie entwickelt ihr Potenzial erst, wenn die Machtfragen geklärt sind. Geklärt im Sinne eines staatlichen Machtmonopols.

Sie sehen, ich bin skeptisch gegenüber der Sozialarbeit als alleiniges Heilsprogramm für die Gesellschaft.

Trotzdem – nun ist zu fragen, woher die „Resozialisierung“ ihre Aura der menschenfreundlichen Variante staatlicher Reaktionsformen auf Normverletzungen hat. Allen Formen der Resozialisierung, auch den Bootcamps, auch der Hundeerziehung, ist ein grundsätzlicher Optimismus eigen. Der Optimismus, dass Menschen und Hunde, egal was sie bisher getan haben, grundsätzlich die Fähigkeit zu einem Leben in der Gesellschaft eigen ist. Diese Fähigkeit kann, mit welchen Mitteln auch immer, und zugegeben, in der Wahl dieser Mittel unterscheiden sich Resozialisierungsprogramme beträchtlich, aktiviert werden.

Der pädagogische Optimismus der Resozialisierungsprogramme ruht auf Vorstellungen von einer grundsätzlich für Individuen ertragbaren Gesellschaft auf, in seinen einfacheren Formen auf Vorstellungen von einer relativ homogenen Gesellschaft, bei der, egal auf welcher Position man in ihr steht, das Individuum nur das Richtige tun muss, dann ist die Integration möglich.

Der Zweifel an dieser Vorstellung ist es allerdings, glaube ich, der Sie dazu veranlasst hat, von einem Mythos Resozialisierung oder von Resozialisierung als Illusion zu sprechen. Dieser Glaube ist erschüttert, bei Ihnen, und wohl auch bei zahlreichen Ihrer Mitmenschen.

Ich muss hier noch eine Unterscheidung einführen, jene zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Folgt man der klassischen Unterscheidung von Tönnies, sind Gemeinschaften vom Willen der einzelnen geprägt, für die Gemeinschaft da zu sein, sich als Teil eines Kollektivs zu sehen. Gesellschaften hingegen werden dadurch zusammengehalten, dass die Individuen sich entscheiden, sich des Kollektivs zum eigenen Nutzen zu bedienen. Gemeinschaft, das ist die Vorstellung eines Staates, einer Nation als harmonisches Ganzes. Eine radikale Ausprägung fand diese Vorstellung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Rede von der „Volksgemeinschaft“ erreichte zwar im politischen Programm des Nationalsozialismus ihren menschenfeindlichen Höhepunkt, sie war aber vorher schon Teil einer weitverbreiteten Vorstellung vom Funktionieren der Gesellschaft. So finden wir den Begriff auch bei Alice Salomon und bei sozialdemokratischen Politikern. Körpernahe Metaphern für die Gesellschaft waren gängig – und sie sollten suggerieren, dass die verschiedenen Schichten – oder Klassen – arbeitsteilig zum Wohle des Ganzen wirken, aufeinander angewiesen seien.

Sozialromantische Bewegungen am Beginn des 20. Jahrhunderts, Träger der sogenannten konservativen Revolution, sahen die persönlichen Bindungen, wie sie sich in den lokalen überschaubaren Räumen der Nachbarschaft entwickeln, als Modell für eine vermeintlich wahre Demokratie. Noch vor der Durchindustrialisierung der Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das Dorf zum Idealbild der Gesellschaft, und zwar als Gegenmodell zur zerrissenen modernen Gesellschaft, die von Konflikten und Klassengegensätzen geprägt scheint.

Die radikal rassistische Wendung des Begriffs der Volksgemeinschaft ist dann für den Nationalsozialismus charakteristisch. Das Volk, das wird rassisch definiert, und dann kommt alles zueinander. Die Juden sind die Viren, die den Volkskörper angreifen und schwächen und so weiter. Aber das einheitliche, aufeinander abgestimmte Ganze, diese Vorstellung von Gesellschaft als Gemeinschaft, die musste nicht von den Nazi erfunden werden, die war vorher schon da.

Aber kehren wir zurück zum Begriff der Resozialisierung. Natürlich ist es ungerecht, ihn in der Nähe von nationalsozialistischem Gedankengut zu verorten. Seit den 1970er-Jahren steht er für ein ganz anderes Programm, nämlich nicht für die dauerhafte Wegsperrung oder gar Vernichtung von Straftäterinnen und Straftätern, sondern dafür, ihnen noch eine Chance zum Leben in der Gesellschaft zu bieten. Resozialisierung wurde zum optimistischen Gegenprogramm zu einer bloß strafenden Justiz. Resozialisierung steht dafür, die deliktfreie Überlebensfähigkeit der Sträflinge nach Abbüßen der Haft anzustreben. §2 Strafvollzugsgesetz (StVollzG) besagt, dass der Gefangene im Vollzug der Freiheitsstrafe fähig werden soll, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Die Gestaltung des Strafvollzugs und die Behandlungsmaßnahmen sollen diesem Ziel dienen. So gesehen kann Bernd Maelicke 2003 bei einem Seminar der Bundesfachkommission Justizvollzug in Verdi zu Recht sagen, dass es keine Alternative zur Resozialisierung der Gefangenen gebe, und dass dafür ausreichend Personal- und Sachmittel zur Verfügung gestellt werden müssten.

Resozialisierung ist also ein grundvernünftiges Programm. Es richtet das Augenmerk auf die Situation der Gefangenen nach der Entlassung – und es versucht alles zu tun, damit diese dann nicht wieder straffällig werden müssen. Die Basis für das Programm der Resozialisierung im Strafvollzug ist aber, und darüber sollten wir uns keiner Illusion hingeben, die Zwangsgewalt des Staates. Diese Zwangsgewalt kann die Häftlinge zwingen, sich den sozialtherapeutischen Trainings zu stellen, die eine resozialisierungsorientierte Justiz ihnen andient.

Aber Ihre Ausgangsfrage bezog sich nicht nur auf die Resozialisierung, sondern auch die sogenannten Sozialen Probleme. Wenn Resozialisierung eines der staatlichen Programme ist, in denen sich soziale Arbeit i.d.R. gut zurechtfinden kann, so ist der allgemeinere Rahmen sozialarbeiterischer Tätigkeit das Soziale Problem.

Das brauchen wir: dass etwas als Problem formuliert wird, als soziales Problem. Dann können wir uns einer Situation als „Fall“ nähern, dann können wir mit unserem Instrumentarium ansetzen. Die Soziale Arbeit lebt von Sozialen Problemen.

Die Medizin wäre eine vielleicht ganz interessante, aber letztlich auch wenig bedeutende Wissenschaft, wenn es nicht die Krankheiten gebe. Ähnlich geht es der Sozialen Arbeit mit den sozialen Problemen. Während aber die Medizin gleichzeitig eine Wissenschaft des Körpers ist, ist die Soziale Arbeit keine Wissenschaft von der Gesellschaft, vom Sozialen. Dieser Part ist schon von anderen besetzt. Ja sie hat nicht einmal die Autonomie, darüber zu entscheiden, was denn nun ein soziales Problem ist. 

Soziale Probleme – und die mehr oder weniger erfolgreichen kriminellen Aktivitäten eines Teils der Bevölkerung sind nur eines davon – werden vom Staat definiert, und vom Staat mit verschiedenen Programmen beantwortet. Mit Programmen der unmittelbaren Machtausübung, dem Einsatz von Polizei und Justiz zum Beispiel. Oder aber mit ökonomischen Programmen, zum Beispiel mit Umverteilung. Oder mit therapeutischen und pädagogischen Programmen.

Was ein Soziales Problem ist, wird politisch entschieden, wird politisch gültig definiert, und wird mit den Mitteln der Politik beantwortet. Die Soziale Arbeit ist Teil dieses staatlichen Kalküls. Sie ist ein relativ selbstständiger Teil, sie macht sich Gedanken über sich selbst und entwickelt selbst ein Set von Techniken und Methoden. Und weil sie ein relativ selbstständiges Subsystem im System des Regierens ist, deshalb steht sie auch in Konkurrenz zu anderen Formen des Regierens. Sie ist überzeugt davon, dass sie die besseren, die demokratischeren und längerfristig wirksameren Methoden anzubieten hat, um den Zusammenhalt der Gesellschaft herzustellen, um Personen zu, ja da haben wir unser Wort wieder, um sie zu resozialisieren.

Wenn man sie lässt, und wenn sich die sozialarbeiterischen Profis nicht selbst in ihrer Funktion missverstehen, dann tun sie das nicht nur durch ihr überredendes oder therapeutisches Einwirken auf ihre Klientinnen und Klienten, sondern durch mindestens so engagiertes Einwirken auf die Umwelt ihres Klientels. Sie kämpfen für die Lebenschancen ihrer Klientinnen und Klienten. Aber sie tun dies in einer schon vorhandenen Umwelt. Sie tun dies unter gesellschaftlich geformten Bedingungen. Sie sind nicht allmächtig.

Eine angemessene Beschreibung dessen, was Soziale Arbeit macht und tendenziell erreichen kann, das liefert uns das im Gefolge von Luhmann von Dirk Baecker entwickelte und nun von Heiko Kleve vertretene Modell einer Sozialarbeit als „Reparatur Sozialer Adressen“. Was ist damit gemeint?

Die heutige Gesellschaft wird nicht durch gemeinsame Werte zusammengehalten, nicht durch die ethnische oder kulturelle Homogenität, sondern durch Funktionssysteme, die recht nüchtern den Zugang zu ihren Leistungen gewähren oder eben nicht gewähren. Jedes Funktionssystem nach seiner eigenen Logik. Die Wirtschaft, das Finanzwesen, das Bildungssystem, das Justizsystem, das Sozialversicherungssystem etc. haben ihre je eigenen Codes, nach denen sie Menschen an ihrer Kommunikation teilnehmen lassen oder auch nicht. Am plakativsten lässt sich das beim Finanzwesen darstellen. Ich habe eine Plastikkarte, mit der ich Geld von einem Konto beheben kann. Ich als Person bin dem finanzsystem aber auch schon so was von gleichgültig. In diesem System werde ich repräsentiert durch eine soziale Adresse. Dort sind eine Reihe von Daten über meine Konten, mein Einkommen etc. gespeichert. Ich bin in die Kommunikationen dieses Systems inkludiert, wenn meine soziale Adresse intakt ist. Dann kann ich nicht nur das mir gehörende Geld abheben, sondern bin sogar kreditwürdig, habe einen Überziehungsrahmen.

Ich merke, dass meine soziale Adresse defekt ist, wenn ich, wie es mir vorige Woche passiert ist, gutgläubig meine Hotelrechnung mit meiner Kreditkarte bezahlen will, und die Rezeptionistin bekommt so einen seltsamen Blick. „Das System“ nimmt meine Karte nicht an. Soziale Adresse defekt. Zu einer ganzen Reihe für mich und meinen Lebensstil wichtigen Leistungen habe ich plötzlich keinen Zugriff mehr. In meinem Fall stellte sich das nach einem Anruf bei der Kreditkartengesellschaft als Leitungsproblem heraus. Mit meiner sozialen Adresse ist alles in Ordnung, versicherte mir meine Gesprächspartnerin.

Mit den sozialen Adressen vieler unserer Klientinnen und Klienten ist gar nichts in Ordnung. Einige von Ihnen arbeiten mit Suchtkranken, andere mit Wohnungslosen. Schaut meist schlecht aus mit den Zugängen zu den Funktionssystemen.

In diesem Modell ist die genuine Aufgabe der Sozialen Arbeit die Reparatur Sozialer Adressen. Und ich halte das für eine außerordentlich zutreffende und realistische Beschreibung dessen, was wir so tun. Für diese Reparatur brauchen wir i.d.R. die Kooperation sowohl der KlientInnen als auch der Funktionssysteme.

Wobei ich sehr großzügig bin bei dem, was ich schon als Kooperation bezeichne. Widerstand kann fürs erste schon eine hinreichende Kooperation sein, die uns das weiterarbeiten ermöglicht.

Was hat das jetzt mit der Lösung sozialer Probleme zu tun? Soziale Arbeit werkt an der fallbezogenen Lösung sozialer Probleme. Soziale Arbeit wird dort eingesetzt, wo generalisierte Programme am Einzelfall scheitern. Sie kann auch keine Erfolgsgarantie geben. Dazu kann sie wesentliche Rahmenbedingungen von Inklusion zu wenig beeinflussen, und zwar sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Bedingungen. Soziale Arbeit hat eine ausgefeilte Technologie der Fallbearbeitung, der Reparatur sozialer Adressen, anzubieten. Und sie gelingt immer wieder ein bisschen. Deshalb wird sie vom staat bezahlt, deshalb ist die Geschichte der Sozialen Arbeit letztlich eine Erfolgsgeschichte. Aber sie steht in Konkurrenz zu anderen Formen staatlicher Reaktion auf soziale Probleme, und wie diese anderen Formen ist sie für sich nicht geeignet, soziale Probleme im Großen zu lösen.

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