Dienstag, 26. April 2011

Jugendkriminalität und Sozialisation

Jugendkriminalität und Sozialisation 
Der Begriff Sozialisation wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von dem französischen Soziologen Emile Durkheim in die wissenschaftliche Diskussion eingebracht. Durkheim (1972) sieht ihn in einer engen Verbindung zum Begriff Erziehung, welche er als wichtigstes gesellschaftliches Mittel der Sozialisation begreift, durch das die bei der Geburt „asozialen“ menschlichen Wesen zum „sozialen Leben“ geführt würden (vgl. Durkheim, S. 30). Die neuere Diskussion innerhalb der Sozialwissenschaften hat sich von dieser heute als „soziologistisch“ anmutenden Begriffsverwendung, deren Fokus auf dem Prozess der Vergesellschaftung des Menschen sowie der Prägung der menschlichen Persönlichkeit durch gesellschaftliche Bedingungen liegt, abgewandt, und den Begriff damit auch für die wissenschaftlichen Disziplinen Psychologie und Pädagogik fruchtbar gemacht.

Üblicherweise wird der aus der amerikanischen Jugendsoziologie stammende Begriff „Peer group“ mit Gleichaltrigengruppe übersetzt. „Als einflussreiche Sozialisationsinstanz hilft die Peer group dem Jugendlichen, soziale Ablösungs- und Neuorientierungsprozesse einzuleiten, emotionale (in der Kindheit »eingefahrene«) Barrieren zu übersteigen, Umbruchsphasen der Adoleszenz zu überwinden und soziale Erfahrungen zu sammeln, die die Herausbildung der Ich-Identität begünstigen“ (Hillmann, S. 659). Die Sozialisationsleistung der „Peer group“ hat im Zuge der Industrialisierung zunehmend an Bedeutung gewonnen. Diese wird jedoch nicht uneingeschränkt positiv betrachtet. Gerade die Sozialisation innerhalb der Gleichaltrigengruppe kann zu abweichendem und delinquentem Verhalten führen, weil die jugendliche Subkultur sich oft in einem starkem Autonomiebestreben sowie der Ablehnung des gesellschaftlichen Normen- und Wertesystems ausdrückt.
Die Gruppe der Gleichaltrigen (peer-groups)
Peer.jpg
Quelle: Schwind, S. 252
Ein zentrales Kennzeichen aller Peer groups ist nach Schwind der Gruppendruck, welcher in nicht normkonformen Peer groups zu sozial abweichendem und kriminellem Verhalten motivieren kann. Derartige Peer groups werden häufig mit dem Begriff „Bande“ bezeichnet. „Die Bande ist eine jugendliche „peer-group“, deren Mitglieder gemeinsam in kleinen Cliquen oder allein, [...] wiederholt und mit einiger Regelmäßigkeit Gesetzesverletzungen begehen“ (von Trotha, S. 55). Es besteht jedoch weitgehend Einigkeit darüber, dass jugendliche Banden vornehmlich ein unterschichtspezifisches Problem sind und Peer groups im Regelfall einen überaus positiv einzuschätzenden Beitrag im Prozess der Sozialisation leisten.
Schule als sekundäre Sozialisationsinstanz
„In der Schule werden Erziehungs- und Sozialisationsprozesse unter Zugrundelegung von gesellschaftlichen Werten und Normen institutionalisiert. Die Schule ist eine spezialisierte Sozialisationsinstanz, die entscheidende Selektionsleistungen zur Verteilung gesellschaftlicher Rollen erfüllt (Parsons), sie ist eine »Agentur der Gesellschaft« (M. Horkheimer)“ (Hillmann, S. 763). Seit längerem ist zu beobachten, dass sich die Schule immer mehr auf die Funktion der Wissensvermittlung konzentriert und die ihr zugedachten Erziehungsaufgaben nicht mehr (angemessen) erfüllt. Der Leistungsdruck, dem die Schüler durch die Selektionsfunktion der Schule ausgesetzt sind, führt nicht selten zu Konkurrenz, Frustrationen und Stress. Eine empirisch gut belegte Erkenntnis der Kriminologie stellt auf den Zusammenhang zwischen schulischer und krimineller Karriere ab. So weist Schöch (1993) darauf hin, dass registrierte Delinquenz relativ hoch mit Schuldefiziten oder Störungen des normalen Schulablaufes korreliert (Schöch, S. 458). Er beruft sich auf Studienergebnisse, nach denen Bestrafte häufiger durch schulische Misserfolge, Fernbleiben von der Schule, aggressives und destruktives Verhalten sowie durch den Besuch der Sonderschule auffallen als der Bevölkerungsdurchschnitt (vgl. ebd., S 458 und Schwind, S. 210f.). Da schulische Störungen jedoch häufig mit zahlreichen weiteren Defiziten im familiären Bereich und der Wohnsituation einhergehen, können diese nach Schöch nicht einfach als Ursache für Delinquenz angesehen werden.
Ende der achtziger Jahre hat die kriminologische Forschung damit begonnen, sich mit dem Thema „Gewalt in der Schule“ zu beschäftigen. Schwind weist darauf hin, dass diese Untersuchungen im wesentlichen folgende Ergebnisse gemeinsam haben: es sei eine Zunahme der Anzahl schulschwieriger Schüler festzustellen; bei den Delikten handele es sich überwiegend um Körperverletzungen, aber auch um Raubtaten, Erpressungen sowie Sachbeschädigungen; .besonders belastet seien Sonder-, Haupt- und Realschulen mit problematischen Schuleinzugsgebieten; Täter seien fast ausschließlich Jungen in der siebten und achten Klasse, die die Gewalt in Gruppen ausüben und immer brutaler werden; dieselben stellen zugleich auch häufig die Opfer von Gewalt dar; in einigen Fällen erfolgen Gewalthandlungen grundlos oder aus nichtigen Anlässen; in Deutschland handele es sich bei körperlichen Angriffen gegen das Lehrpersonal im Gegensatz zu den USA um eine Seltenheit; Ursachen für Gewalt in der Schule lägen in Problemen der familialen Erziehung, Medieneinflüssen, Frustrationen, Langeweile sowie reiner Freude an der Gewalt (vgl. hierzu Schwind, S. 216).

Kriminologische Relevanz

Gefängnis als Sozialisationsinstanz: Prisonisierung - Prozess der allmählichen Anpassung an die Gefängniskultur
Die Mehrzahl der Gefangenen durchläuft im Strafvollzug eine Art negativen Sozialisationsprozess, um sich in die Gefängnisgesellschaft zu integrieren. Dabei werden Einstellungen und Verhaltensweisen an die im Gefängnis „geltenden“ Normen und Wertvorstellungen angeglichen. Dieses teilweise erheblich vom allgemeinen gesellschaftlichen Wertesystem abweichende und daher sozial unerwünschte Normen- und Wertegefüge verstärkt antisoziale Tendenzen und läuft damit dem Gelingen von Resozialisierung zuwider. Dieser Prozess wird in der Kriminologie mit dem Begriff „Prisonisierung“ beschrieben, welcher auf eine Untersuchung von Clemmer (1958) zum Zusammenhang zwischen dem Grad der Anpassung an die Subkultur (Prisonisierung) und der Dauer des Aufenthalts im Gefängnis zurückgeht. Ein anderer Ansatz zur Prisonisierung (Wheeler 1961) nimmt an, dass die Anpassung einem U-förmigen Verlauf folgt. Während die Anpassung an die Gefängnissubkultur am Anfang der Haft recht schwach ausgeprägt ist, nimmt sie bis zur Mitte der Haft stark zu, um sich dann vor der Entlassung wieder abzuschwächen.
‚Sozialisation’ in der Kontrolltheorie (Gottfredson/Hirschi)
Ausgehend von der Annahme, dass kriminelle Handlungen die unmittelbare Befriedigung von Bedürfnissen ermöglichen, postulieren Gottfredson und Hirschi (1990) Unterschiede in der Ausprägung von Selbstkontrolle, welche darüber entscheiden, ob nur illegitim zu verwirklichende Wünsche unmittelbar auf kriminellem Weg in die Tat umgesetzt werden. Personen mit hoher Selbstkontrolle besäßen die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub sowie eine größere Resistenz gegenüber äußeren Stimuli zu abweichendem Verhalten, wohingegen Personen mit niedriger Selbstkontrolle leicht durch ihre Umwelt zu devianten Verhaltensweisen verleitet werden könnten und bei ihnen aufgrund einer starken Gegenwartsorientierung sowie einer geringen Frustrationstoleranz die Tendenz zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung vorherrsche. Der Begriff der Selbstkontrolle bezieht sich dabei nach Gottfredson und Hirschi auf Faktoren, die mit den antizipierten Konsequenzen einer Handlung in Verbindung stehen. Sie betrachten damit kriminelles Verhalten nicht als erlernt oder direkt durch Sozialisationsdefizite verursacht, führen Unterschiede in der Ausprägung von Selbstkontrolle jedoch auf Unterschiede in der Sozialisation zurück. Dabei machen sie spezifische Faktoren oder Umstände aus, welche die Entwicklung von Selbstkontrolle bedingen. Die Hauptursache für fehlende Selbstkontrolle sehen die Autoren in ineffektiver Erziehung. Um Selbstkontrolle zu erlernen, müssen nach Gottfredson und Hirschi mindestens folgende Bedingungen erfüllt sein: 1. das Verhalten des Kindes muss kontrolliert werden, 2. wenn deviantes Verhalten des Kindes auftritt, muss es als solches wahrgenommen und 3. bestraft werden. Insofern sieht die Kontrolltheorie Kriminalität zwar nicht unmittelbar als Produkt der Sozialisation, aber als Folge im Rahmen der Sozialisation unzureichend entwickelter Selbstkontrolle.
in unserer Mediengesellschaft sind es immer wieder  extraordinäre Einzelereignisse oder Daten, die kurzfristig die Sensibilität für gewisse Themen bzw. Tatbestände sozialer Ausgrenzung wecken, ohne dass diese allerdings nachhaltig die Politik verändern würden. 
Da kommt ein Kleinkind zu Tode, weil die Eltern ganz offensichtlich überfordert waren mit der Erziehung und Fürsorge; soziale Einrichtungen wie die Gesamtfamilie, Nachbarschaft und öffentliche Einrichtungen müssen gestehen, auch sie haben die Zusammenhänge in seiner Tragweite nicht richtig eingeschätzt. 
Daneben rütteln Meldungen auf, Kinder kämen verstärkt in die Schule, ohne gefrühstückt zu haben. Die Teilnahme an Klassenausflügen und Klassenfahrten sei heute mehr als früher aus finanziellen Gründen in Frage gestellt. Ca. zehn Prozent der schulpflichtigen Kinder kommen derzeit nicht ihrer Schulpflicht nach. Nach Versuchen mit polizeilichen Maßnahmen dagegen vorzugehen, sollen nun sozialpädagogische Projekte und Eingliederungsmaßnahmen Abhilfe schaffen. Nicht nur in Berlin gibt es sie, die Straßenkinder mit z.T. nur  noch sporadischem Kontakt zur meist zerrütteten Herkunftsfamilie, sich fern ab der gesellschaftlichen Werten und Normen in prekären Subkulturen einrichtend. Kommt dann noch Gewalt hinzu, kennt der ehemalige hessische Ministerpräsident Koch sogleich die Mittel zur Abhilfe. Nicht Kuschelpädagogik, sondern Jugendknast, und das gleich 15 Jahre lang! 

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