Samstag, 23. April 2011

Jugendgewalt – und kein Ende?

Nach meiner Erinnerung war es der Sozialpädagoge Thomas Mücke, der uns in den frühen 90-er Jahren mit dieser provokanten Einleitung seines Statements auf einem Workshop über Jugendgewalt schockte. Der Tod des 19-jährigen Mete Ekşi, der im November 1991 bei einem ausländerfeindlichen Streit von einem jungen Deutschen mit einer von den Türken mitgebrachten Baseballkeule erschlagen worden war, war allen noch in lebhafter Erinnerung. Seinerzeit war Jugendgewalt eine recht neue Erscheinung; junge Straftäter traten meist als Diebe und Einbrecher, seltener als Schläger und Räuber in Erscheinung. Als damals die ersten Eltern bei der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle anriefen, weil ihre Schulkinder auf der Straße von Gleichaltrigen zusammengeschlagen oder ausgeraubt worden waren, stießen sie sogar bei der Polizei noch auf ungläubiges Staunen!



Heute, rund 20 Jahre später, hat sich die Gewaltbereitschaft unter jungen Menschen trotz aller Präventionsbemühungen offenbar verfestigt: Bei tendenziell rückläufigen Tatverdächtigenzahlen zur Jugendkriminalität insgesamt war 2009 fast jeder dritte 8- bis unter 21-jährige Tatverdächtige in Berlin ein Rohheitstäter. 1991 war es nur rund jeder sechste. Die Tatverdächtigenbelastungszahl dieser Altersgruppe zu Rohheitsdelikten hat sich in dieser Zeit ebenso nahezu verdoppelt, was wohl nicht allein am aufgehellten Dunkelfeld und am veränderten Anzeigeverhalten liegt.



Aus heutiger Erfahrung klingt die These „Gewalt ist normal, sie macht Spaß und sie bringt schnellen Erfolg“ kaum noch provokativ, sondern realistisch und belegbar. Wir sollten sie akzeptieren und von ihr ausgehen, 
wenn wir Jugendgewalt begreifen, einige ihrer Ursachen erkennen und ihr sinnvoll begegnen wollen.Die Behauptung, Gewalt sei „normal“, mag zunächst erschrecken. Objektiv aber ist die Geschichte der Menschheit seit Kains Brudermord bis hin zu den ungezählten kriegerischen Konflikten, die in dieser Sekunde praktisch überall auf der Welt toben, eine Geschichte von Gewalttaten. In grauer Vorzeit war Gewalt für das Individuum, für seine Sippe, für seinen Stamm und für sein Volk überlebenswichtig. Die Fähigkeit und 

Bereitschaft, auch gegen seinesgleichen Gewalt auszuüben, sind tief in der menschlichen Natur verwurzelt und insofern „normal“.



Gleichwohl fallen wir heute nicht beim kleinsten Konflikt gewaltsam übereinander her, sondern beschränken Gewaltanwendung im Idealfall auf Notwehr- oder Nothilfesituationen. Das verdanken wir gemeinhin einem individuellen Prozess der Sozialisation, den jeder Einzelne von klein auf selbst durchlaufen muss, weil uns so „unnormale“, ursprünglich ja existenzbedrohliche Verhaltensmuster wie konsequente Gewaltlosigkeit nun einmal nicht in die Wiege gelegt sind.Eine, zwei oder höchstens drei Generationen, die ohne Kriegserfahrungen in ihrem Land aufwuchsen, sind evolutionsgeschichtlich für den so grundlegenden Wandel vom aggressiven, kämpferischen zum friedfertigen, kommunikativen Menschen eine viel zu kurze Zeit. Die Polizei erlebt jeden Tag, wie alkoholbedingte Enthemmung zu wüsten Kneipenschlägereien oder zu Prügelorgien unter Fußballhooligans führt. Nach einem abscheulichen Verbrechen bieten sich emotional aufgeputschte „eigentlich“ friedliche Leute als Henker an, falls sie nicht gar zu Lynchmördern werden. Und in einer Massenpanik mutiert fast jeder zu einem Wesen, das gar kein Sozialverhalten mehr zeigt und andere tottrampelt. Noch in den letzten Tagen des 20. Jahrhunderts musste der Gesetzgeber Eltern in Deutschland klarmachen: Es gibt kein „natürliches“ Recht, seine Kinder zu schlagen.Sozialisation ist offenbar ein dünner und eher spröder „Lack“ über einer atavistischen Gewaltbereitschaft. Wenn diese Sozialisation im Erziehungsprozess versagt oder auf ganz anderen, uns fremden Wertvorstellungen basiert, wächst jener Gewalttäter – neuerdings auch jene Gewalttäterin – heran, der oder die früher oder später in unserer Polizeilichen Kriminalstatistik erscheint.



Prävention kostet Zeit, Fachkräfte und vor allem Geld. Darüber sind sich alle einig. Wenn trotzdem die öffentlichen Mittel für Jugendsozialarbeit langfristig gekürzt statt massiv aufgestockt werden, wenn die Jugendämter zu wenig Personal erhalten dann werden in Zukunft alle umso teurer dafür bezahlen müssen das ist Fakt und wird keiner bestreiten können.

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