Freitag, 22. April 2011

Jugend – Gewalt - Kriminalprävention

Franz Hamburger: Jugend – Gewalt - Kriminalprävention 2000
Bearbeitet und ergänzt 2011 Christian Lukas-Altenburg.




Das Thema „Jugend, Gewalt, Kriminalprävention“ ist ein „Riesenthema“ und da kann man nur höchst subjektiv ausgewählte Handlungszusammenhänge ansprechen; ich will keine praktische Wegweisung ins Auge fassen, weil das Gegenstand unserer gemeinsamen Arbeit sein wird. Die Aspekte sind gegen gewisse vorherrschende Trends akzentuiert. Denn ich will keinen Beitrag leisten zur verbreiteten Dramatisierung von Jugendgewalt, sondern sie nüchtern betrachten und nur soweit zur Aktivierung beitragen, wie dies heute notwendig ist.


Es gibt keinen historischen Zeitpunkt, zu dem wir deshalb zurück möchten oder gerne gelebt hätten, weil es weniger Gewalt gegeben hat als heute. Es ist ein weit verbreiteter Mechanismus, dass wir die Vergangenheit glorifizieren, aber wenn wir genau darüber nachdenken, finden wir keinen Zeitpunkt, zu dem wir zurück möchten. Jeder der über 30 Jahre alt ist, hat eine goldene Kindheit gehabt, egal wie sie tatsächlich gewesen ist. Diese Sichtweise nehmen wir auch im Hinblick auf die Gewalt ein, auch im Hinblick auf die Gewalt
in unserer eigenen Geschichte. Die Gewalt war wesentlich stärker als heute ein Element des Alltags zwischen den Generationen und zwischen den Geschlechtern; es war ein Ausmaß an alltäglicher Gewalt verbreitet, das uns heute, wenn wir es genauer betrachten, eher Angst einflößt als dass wir in diese früheren Zeiten zurückgehen wollten. Norbert Elias hat eine Geschichte der europäischen Gesellschaften geschrieben, in der besonders deutlich wird,
dass wir aus Zuständen der Rohheit und direkten Gewalt durch Zivilisation und Kultivierung einen Zustand erreicht haben, in dem Gewalt nicht mehr als alltägliche und permanent anwesende Bedrohung erfahren wird. Diese Kultiviertheit ist zweifellos eine schmale Schicht, sie überformt einen Lebenszusammenhang, in dem Gewalttätigkeit immer wieder ausbrechen
kann. Die Frage ist: Wann wird diese schmale Schicht kultivierter Zivilisiertheit, mit der wir miteinander umgehen, durchbrochen? Und was kann man tun, dass diese Durchbrüche nicht „einfach“ so stattfinden?


Wir leben heute in einer Zeit, in der wir den Gewaltbegriff erheblich ausgedehnt haben. Wir unterscheiden direkte und indirekte Gewalt, wir unterscheiden personale, direkte von struktureller Gewalt. Hinzugekommen ist die Unterscheidung von physischer und psychischer Gewalt und die Unterscheidung von körperlicher und verbaler Gewalt. In dieser Ausdehnung
des Gewaltbegriffs, mit dem wir heute arbeiten, ist etwas sehr Positives zum Ausdruck gebracht worden. Wir haben heute wesentlich höhere Ansprüche als früher an ein gewaltfreies Zusammenleben. Das erleben wir vor allem in der Erziehung. In der Erziehung haben wir höhere Ansprüche an ein gewaltfreies Zusammenleben, wir erleben mehr Gewaltfreiheit in Partnerschaften und wir erleben dies im Umgang mit Minderheiten. Das ist zweifellos ein normativer Fortschritt; in den Ansprüchlichkeiten haben wir meines Erachtens eine klare und positive Entwicklung zu verzeichnen.



Wir haben uns mit dieser Ausweitung des Gewaltbegriffs aber analytisch ein Problem eingekauft, dass gewissermaßen jede verbale Kränkung oder auch der Liebesentzug als Erziehungsmittel als Gewalt bezeichnet wird und damit die gleiche Bezeichnung gewählt wird wie für einen Totschlag oder eine andere gewalttätige Handlung. Diese Entwicklung ist analytisch gesehen problematisch. Deshalb möchte ich dafür plädieren, dass man die
Differenzierung zwischen den Gewaltformen sehr bewusst macht und dass wir analytisch auch eine Einengung des Gewaltbegriffs vornehmen. Das darf nicht verwechselt werden mit einer Verharmlosung von „weniger bedeutsamen Handlungen“. Es gibt auch eine Kritik an der Ausdehnung des Gewaltbegriffs, wenn alle Unzulänglichkeiten und Unannehmlichkeiten als Gewalt bezeichnet werden. Mit dieser Kritik können diese Formen der Einschränkung von Lebensmöglichkeiten verharmlost werden. Das wäre ein Rückfall in Bezug auf unsere Ansprüchlichkeiten, also in der normativen Dimension. Die Differenzierung von normativen und analytischen Gesichtspunkten ist aber für die Diskussion auch über Prävention sehr wichtig.



Die Ausweitung des Gewaltbegriffs hängt auch damit zusammen, dass wir uns in einer Phase von gesellschaftlichen Transformationen befinden, in der alte Institutionen und Ordnungen ihre Gültigkeit, ihre Geltung, verlieren und in der die Zuschreibung von Gewalt zu einem Mittel wird, wie man neue Ordnungen stiftet. Wer heute dem anderen moralisch Gewalt zuschreiben kann und sein Verhalten moralisch diskreditiert, weil er es als gewalttätig bezeichnen kann, der gewinnt eine überlegene Position in der Auseinandersetzung um soziale Rangplätze. Auch dieser Gesichtspunkt, es handelt sich gewissermaßen um ein
strategisches Element der Gewaltdiskussion, ist wichtig, damit wir uns nicht in den Zuweisungen von Schuld verstricken.



Gewalt ist ein begehrtes und attraktives Gut. Die „dargestellte Gewalt“ gehört zu den wenigen Gütern, mit denen man viel Geld verdienen kann. Ich kenne kaum ein so wertvolles Gut wie Gewalt. Die dargestellte Gewalt ist das wichtigste für die Medien; natürlich sind Sex, Sport, Musik, Klamauk auch noch wichtig, aber was ist so attraktiv wie Gewalt?
Es gibt nicht nur die Angst vor der Gewalt, es gibt auch die Identifikation mit ihr, wie die Identifikation mit der Macht, oder die Sehnsucht nach Gewalt. Die Unterscheidung zwischen realer Gewalt und dargestellter Gewalt ist wichtig und die Beziehung zwischen dieser so attraktiven und prestigehaltigen Gewalt und der realen Gewalt ist mit eine der komplizierten Beziehungen in dieser Welt. Wir wissen Einiges über die Mediendarstellung von Gewalt und
ihre Wirkungen auf Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Es gibt zu dieser Beziehung ganz unterschiedliche Theorien: man sagt einerseits, dass das symbolische Ausagieren, bei dem man die Mediengewalt nur sieht, für Kinder und Jugendliche ein reales Ausagieren ersetzen kann. Eine andere Theorie nimmt an, dieses symbolische Ausagieren und die Teilhabe am Symbolischen verstärke Gewalttendenzen und könne desensibilieren. Hier sind also
unterschiedliche Thesen in der Diskussion.



Dargestellte Gewalt ist nicht nur für die Medien ein attraktives Gut, sondern Gewalt ist auch ein politisches Gut. Bedrohungsgefühle können genutzt werden, denn Sündenbockstrategien sind in der Politik seit je und immer noch ein ganz bewährtes Mittel. Wenn wir Prävention erreichen wollen und wenn wir mit Jugendlichen, Kindern arbeiten, dann ist diese Einsicht besonders wichtig deswegen, weil die Gefahr besteht, dass wir Kindern eine doppelte Moral
vorexerzieren. Dies geschieht dann, wenn wir ihnen bestimmte Dinge „abgewöhnen“ möchten, gleichzeitig Gewalt als symbolische Gewalt ungeheuer intensiv nutzen. Diese Differenz zwischen symbolischer Gewalt, die ein hohes Gut ist, und der Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen sollten wir im Auge behalten, weil sehr viele Maßnahmen, viele Programme der Gewaltprävention möglicherweise an diesem Umstand gescheitert sind, dass
die Kinder und Jugendlichen in ihrer realen Lebenswelt und in ihrem Medienkonsum genau das Gegenteil dessen, was durch Prävention erreicht werden soll, täglich vor Augen geführt und als attraktiv vermittelt bekommen.



Gewalt ist überall verbreitet. Gewalt ist universell. Als ein normales Element von Gesellschaftlichkeit ist sie eingebaut in ihre Struktur. Gesellschaft hat ein doppeltes Gesicht, sie ist uns Last und Lust, sie ist ein Zwangszusammenhang und gleichzeitig können wir ohne Gesellschaftlichkeit, ohne soziale Organisation nicht Mensch werden. Das konkretisiert sich:
Es gibt Gewalt gegen Freunde und es gibt Gewalt gegen Fremde, kommunikationslose Gewalt, bezogen auf Personen, die zum freien Objekt der Gewalt gemacht werden. Diese Prozesse haben wir ja im letzten Jahrhundert sehr intensiv erlebt, dass ganze Personenkategorien, eine ganze Gruppe, aus der man die Individuen kannte, plötzlich zum Objekt der Gewalt wurden. Soviel zu dieser kommunikationslosen Gewalt, die auch in der Politik genutzt wird. Und andererseits gibt es Beziehungsgewalt, bei der wir viel deutlicher sehen, dass Gewalt in die Alltäglichkeit von positiven, von wertvollen und von zugleich
belastenden Beziehungen eingebaut ist.



Meine persönliche Schlussfolgerung aus dieser Einsicht ist, dass wir nicht auf eine Abschaffung von Gewalt direkt setzen können, sondern dass wir eine produktive Lenkung, eine Überformung und eine Kultivierung von Gewaltimpulsen brauchen, dass wir destruktive Aggressivität in konstruktive Aktivität umwandeln, und dass wir versuchen, Bedingungen, die wahrscheinlich Gewalttätigkeit fördern, zu beeinflussen.



Es ist hilfreich, glaube ich, Ebenen zu unterscheiden, an denen die Prävention ansetzen kann. Dabei unterscheide ich zwischen Personen, Situationen und gesellschaftlichen Strukturen. Auf alle drei Ebenen, also direkt auf Personen (Pädagogik), auf Situationen und Organisationen (wie die Schule oder das Jugendhaus) und gesellschaftliche Strukturen kann sich Prävention beziehen. Alle drei Dimensionen sind in mancher Hinsicht leicht bearbeitbar,
aber jede Dimension ist in anderer Hinsicht auch schwer erreichbar. Viele
Präventionsprogramme zielen direkt auf die Beeinflussung individueller Kompetenzen. Da gibt es in der Schule und in ähnlichen Bereichen eine leichte Zugänglichkeit und zugleich ist es die schwerste Aufgabe, das Individuum zu beeinflussen, seine Fähigkeiten, mit Konflikten umzugehen, zu stärken.



Auch bei den Institutionen zeigt sich diese Ambivalenz: Sie sind gestaltbar, wir haben Einfluss darauf, wie beispielsweise in der Schule das alltägliche Miteinander funktionieren kann. Es gibt sehr viele Dimensionen, die man dabei beeinflussen kann und muss, denn es handelt sich immer um eine komplexe Situation. Auf der anderen Seite ist gerade dieses Ineinandergreifen von organisatorischen Regelungen und individuellen Präferenzen und Dispositionen außerordentlich schwer erreichbar und beeinflussbar. Da wird in mancher Hinsicht jeder Beitrag der Schulentwicklung zu einem Beitrag der Gewaltprävention. Also je weiter wir vom Individuum weggehen, umso schwieriger wird es, die Zielorientierung und die Wirkung von präventiven Programmen theoretisch und praktisch zu bestimmen. Von daher müssen wir mit einem hohen Maß von Diffusität leben, wenn wir vom Individuum weggehen
und auf Situationen und Organisationen hin schauen oder wenn wir gar, worauf ich nicht weiter eingehen will, auf die Gesellschaft insgesamt einwirken wollen. Es gibt gute Argumente, dass gesellschaftliche Strukturen Gewalt erzeugen, Gewalt fördern oder aber auch Gewalt mindernd wirken. Die gesellschaftliche Struktur, also die Chance beispielsweise, in Ausbildung zu kommen und in befriedigenden Ausbildungsgängen an den Gütern der Gesellschaft teilzuhaben, ist natürlich eine wichtige Bedingung eines selbst bestimmten Lebens. Aber für präventive Arbeit ist dies die am schwersten erreichbare Dimension; und es
sind dies die Dimensionen, bei denen man am wenigsten voraussagen kann, welche Art des Einflusses oder der Veränderung tatsächlich präventiv wirkt. Manche Bedingungen für Gewalt sind leicht identifizierbar, wie Schlagen in der Erziehung beispielsweise. Die Untersuchungen vom Pfeiffer haben überzeugend dargelegt, dass die Erfahrung von Gewalt in der eigenen Erziehung eine hohe Prognose zulässt über die spätere Gewaltanwendung in der Auseinandersetzung als Jugendlicher. Andere Umstände wirken mittelbar, wie kürzlich der Bericht über die Folgen eines intensivierten Musikunterrichts gezeigt hat; auch diesem Umstand kann etwas sehr Produktives und Präventives zugesprochen werden. Je weiter wir also vom Individuum auf diese Ebenen weggehen, um so unsicherer sind unsere Ansätze, um so ungenauer sind Wirkungen bestimmbar und um so stärker müssen wir sie orientieren
an allgemeinen Gesichtspunkten, die nicht unmittelbar an die Verhütung von Gewalt orientiert sind.



Generell geht es bei der Prävention um die Befähigung von Personen, mit Situationen umzugehen. Das Programm zur primären Prävention des Schulpsychologischen Dienstes von Rheinland-Pfalz belehrt uns über einen ersten zentralen Grundsatz: Es geht um eine Umorientierung von Prävention. Nicht die Verhütung von Gewalt, nicht die Verhütung von Drogenabhängigkeit, nicht mehr die Fixierung auf ein Problem steht im Vordergrund, sondern
es geht darum, die Fähigkeiten von Personen und Organisationen zu stärken, produktiv mit Konflikten umzugehen. Das – so kann man sagen - ist die große Wende in der gesamten Präventionsdiskussion der letzten 20 Jahre. Wir haben beispielsweise in der Drogenprävention sehr spezifisch angefangen und haben uns konzentriert auf ganz bestimmte Konzepte der Abschreckung z. B. vor Drogen. Die Erfahrungen zeigen aber, dass es besser ist, von der Problemfixierung abzugehen und sich den positiven Fähigkeiten des
Individuums und von Organisationen, schwierige Situationen zu bewältigen, zuzuwenden. Von daher rückte auch in diesem Programm des Schulpsychologischen Dienstes die Konfliktbewältigung ins Zentrum. Dann kann man differenzieren: die Konfliktwahrnehmung, die Konfliktbearbeitung und die Entwicklung einer Streitkultur. Zwei Faktoren bestimmen in hohem Maße die Konfliktbewältigung und die Fähigkeit dazu: das Selbstkonzept und die
Sozialkompetenz.



Das Selbstkonzept ist wichtig für die Fähigkeit, mit Konflikten produktiv gewaltfrei umzugehen und aktiv, aber nicht aggressiv Konflikte zu bewältigen. Dieses zentrale Konzept lässt sich untergliedern in verschiedene Dimensionen der Wahrnehmung, der Bewertung, der Wertschätzung und schließlich der Fähigkeit, Verantwortung für das, was man tut, zu übernehmen. Entsprechend gibt es für jede dieser Dimensionen präventive Übungen, praktische Maßnahmen und Angebote. Die Sozialkompetenz ist ebenso strukturiert: Neben
dem, was direkt in Konflikt gerät und was sich in diesen Konflikten als Selbstkompetenz bewähren muss, ist wichtig, wie man die anderen wahrnimmt, wie man die Situationen beurteilt, in welchen sozialen Beziehungen man steht, wie einen diese sozialen Beziehungen stärken oder belasten, wie man über Erfahrungen kommunizieren kann und über einzelne Techniken der Problembearbeitung verfügt. Die Fähigkeiten, Probleme zu bearbeiten, sind
eingebettet in eine Gesamtvorstellung, die sehr stark auf indirekte Fähigkeiten abzielt und weniger auf einzelne Techniken.



Zum Schluss: Was wären Kriterien für eine gute Gewaltprävention? Ich habe meine Antwort auf diese Frage nicht systematisch entwickelt, aber aus der Lektüre der verschiedenen Praxiserfahrungen habe ich den Eindruck gewonnen, dass es erstens darauf ankommt, etwas kontinuierlich zu machen und etwas intensiv zu machen. Es gibt viele Projekte, die kurzfristig angesetzt sind und über deren Wirkung wissen wir wenig, und es gibt Projekte, die nicht intensiv gemeint und gemacht sind. Am Beispiel Schule kann man zeigen, dass es eine große Aufgabe ist, wenn man will, dass die Schule kontinuierlich und intensiv
präventiv wirkt.





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