Dienstag, 19. April 2011

Folgen einer Haftstrafe bei Jugendlichen

Tief beeindruckt hatte mich ein Vortrag des Soziologen Prof. Dr. Albert Scherr vom Institut für Sozialwissenschaften,  der Pädagogische Hochschule Freiburg: Ein Beitrag, wie er selbst sagte, der nicht nur "Geschwafel von Menschenwürde" und "verharmlosendes Geplänkel" beinhalten, sondern die Legitimation des Jugendstrafvollzugs in Frage stellen sollte.


Angeblich ist der Primat des Strafvollzugs der Erziehungsgedanke (§ 2 Abs. 1 StVollzG). Allerdings gibt es keine Theorie, die bestätigen könnte, dass Erziehung eine Persönlichkeitsveränderung mit sich bringt. Zwang, der paramilitärische Charakter des Strafvollzugs und die dort vorherrschende Binnenkultur sind eher kontraproduktiv. Auf den eingesperrten Jugendlichen wirken die Insassenkultur und die Bildung von sog. Peer-Groups ("Gruppe von Gleichgestellten") viel stärker ein als das Personal. Erziehung gelingt noch nicht einmal in den harmonischsten Familien, warum soll dann ausgerechnet der Strafvollzug damit Erfolg haben? 

Eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe stellt für die meisten einen krassen Bruch in der Biographie dar. Zudem sind zentrale Elemente in einer Täterbiographie häufig Gewalt und Gewalterfahrungen. Diese psychosozialen Belastungen für den Täter werden im Strafvollzug nur verfestigt. Daher scheint der Anspruch der Resozialisierung im Widerspruch zur vorhergegangenen De-sozialisierung und Stigmatisierung zu stehen. Für die Resozialisierung sprechen auch nicht die therapeutischen oder schulischen Maßnahmen: diese wären in Freiheit mindestens genauso gut anwendbar.


Die Realität des Jugendstrafvollzugs ist kein Spiegelbild der Welt von draußen, sie ist eher das Ergebnis einer hoch selektiven Praxis mit rassistischer Konnotation. Am Ende des diskriminierend wirkenden Filters, der vom Anzeigeverhalten bis zur gerichtlichen Verurteilungspraxis (bevorzugt werden Migranten verurteilt) führt, sitzen in der Strafvollzugsanstalt eine besonders viele gering Gebildetete, Arme und Migranten. Eine Studie von Karl Schumann zeigte etwa, dass Auszubildende und Arbeitslose gleich viele Straftaten begehen. Trotzdem werden bei Arbeitslosen viel härtere Sanktionen verhängt.
Die Maxime "Wehret den Anfängen" kann auf das Jugendstrafrecht nicht angewendet werden: Je früher und je härter auf eine begangene Tat strafend reagiert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die kriminelle Karriere verlängert wird: die Rückfallquote ist beim geschlossenen Jugendstrafvollzug mit 77% am höchsten.



Die einzige Wirkung die mit dem Strafvollzug einhergeht, ist also das Wegsperren selbst, etwas, das nur für die Leute "draußen" von Bedeutung sein kann. Darum soll es aber bei der Vollstreckung des Jugendstrafvollzugs ja gerade nicht gehen. Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass der Jugend  Strafvollzug keine legitime Grundlage hat, auf die er sich stützen kann. Das Ergebnis ist also klar: Jugendstrafvollzug ist überflüssig und schädlich und daher abzuschaffen, so Prof. Dr. Albert Scherr.



Eine Jugendstrafe, d.h. eine Gefängnisstrafe als Reaktion auf delinquentes Verhalten im Jugendalter, ist die restriktivste Sanktion, die das Jugendstrafrecht vorsieht. Sie darf bei Vorliegen „schädlicher Neigungen“ oder wegen besonderer Schwere der Schuld ausdrücklich 
nur dann verhängt werden, wenn die milderen Sanktionsformen des Jugendgerichtsgesetztes

(JGG), als da sind Erziehungsmaßnahmen und Zuchtmittel nicht ausreichen. Die gesetzlich 
festgelegte Mindeststrafe beträgt sechs Monate, die Höchststrafe im Regelfall fünf Jahre; in 
besonders schweren Fällen darf sie bis zu zehn Jahren betragen. Im Unterschied zum allgemeinen Strafrecht werden alle Sanktionen des Jugendstrafrechts, also auch die Jugendstrafe, 
explizit in erzieherischer Absicht verhängt. Sie soll den Verurteilten dazu erziehen, "künftig 
einen rechtschaffenen und verantwortungsbewussten Lebenswandel zu führen" (§ 91 JGG). 
Es sind jedoch gewisse Zweifel darüber angebracht, inwieweit eine Jugendstrafe zur Erziehung tatsächlich positiv beiträgt. Vor allem die vorliegenden Daten zur sogenannten Legalbewährung, d.h. zum Anteil der Personen, die nach der Verbüßung einer Haftstrafe nicht wieder kriminell auffällig werden, sprechen auf den ersten Blick eher gegen die Effektivität einer Haftstrafe. Zwar ist dramatischen Zahlen von einer Rückfallrate von etwa 70 % ist die Rede gegenüber Vorsicht geboten. Aber auch bei vorsichtiger Schätzung muss davon ausgegangen werden, dass etwa die Hälfte der Jugendlichen und Heranwachsenden, die eine Freiheitsstrafe absitzen müssen, wenigstens ein weiteres Mal in das Gefängnis zurückkehrt. Beinahe 30 % der Verurteilten verbleiben über einen längeren Zeitraum hinweg im Kreislauf von
Verbrechen und Strafe. 



Andererseits gibt es Jugendliche, die nach einer Jugendstrafe nicht wieder kriminell bzw. auffällig werden; selbst bei pessimistischen Schätzungen wird immerhin fast ein Drittel bereits nach der 1. Strafe nicht mehr rückfällig. Diese Personen führen vor Augen, dass der Weg ins Gefängnis nicht notwendig der Weg ins Verhängnis sein muss. Jenseits persönlicher Eindrucksbildung und psychologischer Plausibilitäten ist aber noch viel zu wenig im Detail dar-
über bekannt, wie eine Gefängnisstrafe die Entwicklung eines Menschen wirklich beeinflusst.


Kann Gefängnis dem mit der Verhängung einer Jugendstrafe verknüpften Erziehungsauftrag überhaupt gerecht werden? Inwiefern? Bei welchen Personen? Hängt dies von den jeweiligen Realisierungsbedingungen der Haft ab? Wodurch kann sich die Chance erhöhen, dass Jugendliche nach einer Jugendstrafe nicht wieder rückfällig werden? Gibt es Hinweise auf unnötige oder leicht vermeidbare negative Effekte einer Gefängnisstrafe? Was passiert mit einem jungen Menschen, der Monate und Jahre in einer solchen Institution leben muss? 


Differenzierte wissenschaftliche Antworten auf diese Fragen sind bislang je doch noch die Ausnahme. 

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