Donnerstag, 21. April 2011

Die ersten Tage,Tagebuch aus dem Knast

Einen beeindruckenden Einblick, in seine ersten Tage hinter Gittern bekam ich von einem Gefangenen aus Berlin Tegel vermittelt, die ich hier ungekürzt Wiedergeben möchte. Der Leser kann sich selbst hinein versetzen und den Alltag eines Strafgefangenen auf sich wirken lassen.
gefaengnisfenster 
Zimmer ohne Aussicht
Tagebuch einer Haft

In unseren Plastiknapf bekommen wir Kartoffelsuppe mit einem kleinen Würstchen – die Tür knallt wieder zu und wir sitzen sprachlos vor unserer
Suppe. Um 14:30 Uhr gibt es Abendbrot, also 4 Scheiben dunkles Brot, ein Stück Teewurst und noch mal roten Tee in die Thermoskanne und das war´s.
Mehr passiert nicht. Keiner schließt mehr, oder holt einen raus, um mich irgendwo hin zu bringen. Nichts – auch auf dem Flur verblassen die Geräusche. Der Fernseher läuft und läuft und läuft. Egal was, Hauptsache Ablenkung, auch wenn es mir schwer fällt mich auf das Programm zu konzentrieren. Aber immer noch besser, als die Situation hier in der Haft zu realisieren. Die Gitter am Fenster, die Tür ohne Klinke, die sich nicht öffnen lässt – all das möchte ich nicht wahrnehmen, das Klo in diesem kleinen Raum und nicht zuletzt das Etagenbett auch nicht. Beim Gedanken an Draußen schießen mir Tränen in die Augen. Ich probiere nicht an Eltern, Freunde, Familie zu denken. Was bleibt ist das Fernsehprogramm. Aber auch hier gibt es grenzwertige Themen, die mich aus meiner Liturgie herausholen: „Rufen Sie jetzt an!“, heißt es ständig. Aber wie ohne Handy und abgeschottet von der Außenwelt. Auch das nennen von Websites auf denen mehr Informationen zu finden sind, ist hier ein Ding der Unmöglichkeit. Werbung kann ich mit Distanz sehen, denn die hat mich auch draußen schon nicht angemacht. Obwohl ich das eine oder andere jetzt schon gerne essen würde. Aber ich habe ja meine trockenen Scheiben Brot – das ist ja auch viel gesünder!
„Auf und davon“ heißt eine Reportagereihe auf VOX, die gerade läuft. Ja, dass wär´s! Eigentlich wollte ich dieses Jahr nach über sechs Abstinenz, aus Zeit & Geldmangel, auch wieder Mal in den Urlaub fahren. Das wird wohl wieder nichts. Warum habe ich es nicht gemacht und immer vor mir hergeschoben? Nun ist es zu spät und die fernen Länder kann ich nur auf dem kleinen Bildschirm genießen.
Schon ein komisches Gefühl, wie wichtig Dinge werden – allerdings erst wenn man sie nicht mehr hat. Ein Handy in der Tasche jederzeit Griffbereit, ist seit Jahren das natürlichste von der Welt. Hier wäre mir schon ein Festnetz Gold wert. Mal eben ins Internet zu gehen und ein bisschen zu surfen – auch diese Selbstverständlichkeit gibt es hier natürlich nicht. Ich kann nicht mal vor die Tür gehen. Ein paar Schritte laufen. Ich gehe nie spazieren. Jetzt würde ich gerne! Tja, erst wenn man etwas nicht mehr hat – erkennt man den Wert!
Bei „Deutschland sucht den Superstar“, summe ich mit – fröhlich macht es mich nicht. Die Werbung suggeriert wie immer ihre heile Welt und nie hat sie mich beeindruckt. Nur hier, eingesperrt auf 7 Quadratmetern, sind weitläufige Wiesen und Strände mit fröhlichen Menschen, die nie zu enden scheinen, schwer zu ertragen. Insbesondere vor dem Hintergrund nicht zu wissen, wann ich das alles wieder haben könnte. Ungeachtet der Tatsache, ob ich es dann auch tue – nur die Möglichkeit es tun zu können, reicht mir für die Zufriedenheit. Wie lange wird man mich hier festhalten? Wie lange werde ich nicht selbst bestimmen dürfen? Und noch viel quälender ist die Frage, ob die Welt noch genauso ticken wird, wenn ich wieder in Freiheit bin. Werde ich noch einen Job haben, oder von Hartz IV leben müssen? Halten meine Familie und Freunde auch längerfristig zu mir und werden mich nicht hier hinter den Gittern vergessen? Wird es meine Wohnung, Möbel, Auto noch geben? Wie lange wird sich das alles aufrechterhalten lassen? Ich darf darüber nicht nachdenken, sonst dreht sich alles und Existenzängste kommen in mir hoch und ich bekomme keine Luft vor Bedrückung. In der Stille der Nacht, es ist weit nach Mitternacht inzwischen, drehe ich mir aus den letzten Krümeln Tabak, die ich beim Hofgang bekommen hatte, eine Zigarette, die den Namen nicht verdient. Der trockene Tabak brennt auf der Zunge, aber die Rauchschwaden beruhigen. Ob es all den anderen Häftlingen in ihren Zellen auch so geht? Was sie wohl machen? Ich werde es wohl nie erfahren. Den Rest der Zigarette gebe ich meinem Zellenmitbewohner und schlafe nach einiger Zeit ein.
Laute Geräusche von Gesprächen und Schritten, von Schlüsselgeklapper und zufallenden Türen wecken mich auf. Es ist 06:00 Uhr, wie mir die Uhr bei Phönix verrät. Ich schrecke hoch, realisiere kurz wo ich bin und denke mir, der Tag ist doch so schon endlos lang. Warum muss er durch sooo frühe Weckzeiten künstlich verlängert werden? Ich ziehe schnell den roten Schlafanzug aus, denn soooo möchte ich nach wie vor nicht gesehen werden. Mit etwas Widerwillen steige ich in meine Sachen, die ich seit Freitagfrüh ununterbrochen an hatte. Zwanzig Minuten später schließt es an der Tür: Frühstück. Thermoskanne voll mit heißem roten Tee, 4 Scheiben dunkles Brot und nach wenigen Sekunden ist die Tür wieder zu. Im Fernsehen läuft nur Schwachsinn, aber wer guckt auch Sonntagmorgens um halb sieben Fernsehen? Nachdem ich mir eine Scheibe Brot runtergewürgt habe – gut nachgespült mit viel Tee, putze ich mir die Zähne. Bei dem kalten Wasser gefriert mir fast das Zahnfleisch. Da ich keinen Waschlappen habe, war es das mit der Morgentoilette. Mein Spiegelbild ähnelt mir eh kaum noch, dank des Vollbartes der sich im Gesicht breit macht. Und das bei mir, wo ich mich normaler Weise täglich rasiere. Lichtblick des Morgens ist wie am Tag zuvor die Stunde Hofgang und das Wiedersehen mit den anderen. Der Frühling macht sich draußen breit. Nach einem verregnetem Osterfest, scheint sich die Wetterlage zu drehen. Jetzt – ausgerechnet jetzt, wo ich die Sonnenstrahlen nicht genießen kann. Durch die Gitterstäbe erkenne ich ein Stück blauen Himmel und meine den Frühling riechen zu können. Ich habe mich auf einen der Stühle gestellt um auf Augenhöhe am Fenster stehen zu können. Ich atme tief durch, schließe die Augen um bei dem Genuss nicht die Gitterstäbe vor der Optik zu haben. Gleichzeitig bereue ich jeden Tag den ich zuvor in Freiheit auf der Couch und nicht draußen verbracht habe. Ich denke das wird sich in Zukunft ändern.
Die zeit will nicht vergehen, bis endlich Hofgang ist und ich ein Stück Freiheit genießen kann. Die drei Stunden bis zum Aufschluss ziehen sich wie Kaugummi. Und außer dem Schwachsinnsprogramm im TV, gibt es hier nichts, was mir die zeit vertreibt. Keine Zeitung, kein Buch, schon gar kein Telefon oder gar ein Computer. Nichts, aber auch gar nichts und so werden die drei Stunden zur Ewigkeit, bei versüßtem roten Tee.
Glückshormone durchströmen meinen Körper als es an der Tür schließt. Hofgang – endlich. Nur wenige Schritte und wir sind in der (begrenzten) Freiheit. Ich starte direkt ohne Stopp zu meinen Runden. Ich laufe und laufe und laufe, als würde ich irgendwo hin wollen. Dabei führt mich mein Weg nur links um einen relativ kleinen Kreis. Pro Runde brauche ich weniger als seine Minute. Aber es tut so gut. Was auch gut tut ist das Wiedersehen mit den anderen. Und einige haben sogar Tabak vom Sozialarbeiter bekommen. Warum der nicht bei uns war, eröffnet sich mir zu dieser Zeit nicht. Egal, erstmal eine Zigarette drehen, rauchen und laufen – Was für ein gutes Gefühl. Diejenigen die alleine auf ihren Zellen waren machen einen gedrückten Eindruck und sind irgendwie apathisch. Einer bricht in Tränen aus und beteuert seine Unschuld. Szenen die man bei erwachsenen Männern eher so nicht erwartet. Zusammenhalt, Freundschaft, Tränen und Sensibilität eine kuriose Mischung unter blauem Himmel – gefangen von Mauern.
Die Stunde ist im Fluge vorbei. So langsam und schleppend die zeit in der Zelle vergeht, so rast sie hier nur so davon. Ehe ich mich versehe, sitze ich schon wieder in meiner Zelle. Außer Mittagessen und vier Scheiben Brot mit einem Stück Wurst mit jeweils Tee, passiert nichts mehr. Der Fernseher läuft ununterbrochen und mein Zellenkumpane und ich hirnen darüber, wo wir wohl morgen hinkommen und ob wir zusammenbleiben, oder auseinander gerissen werden. Mit wem ich mir wohl in Zukunft die Zelle teilen muss? Der Kleine ist ja sehr angenehm, aber da er nach Paderborn gebracht werden soll, wird man uns wohl nicht zusammen lassen. So jedenfalls die Information der anderen Häftlinge auf dem Hof. Und alleine? 23 Stunden mit sich selber – ich glaube so schlimm kann kein Zellenmitbewohner sein, dass man das möchte. Glaube ich zumindest zu diesem Zeitpunkt. Ich verdränge Vorstellungen von tätowierten zwei Meter Menschen, mit Nasenring und Körpergerüchen wie das Klo in unserem Raum. An die Straftaten die sich hier so vereinen, darf ich auch nicht denken. Vielleicht komme ich ja mit einem Mörder auf eine Zelle – ich mache kein Auge mehr zu.... Ich verdränge den Gedanken und beschließe das Problem auf mich zu kommen zu lassen.
Auch dieser Tag geht vorbei, nach vieler Langeweile, die ich das letzte Mal als Kind verspürt habe. Aber die Erwartung auf den nächsten Tag mit seinen Veränderungen, hat das Hirn in Bewegung gehalten und den Schlaf irgendwann herbeigeführt.

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Schon 2015 sagte ich dass die Causa Hoeneß eine Amigo Causa ist, es ist daher auch nicht Verwunderlich das Hoeneß bereits nach 21 Monate...