Mittwoch, 27. April 2011

Definition Jugendkriminalität

Dagmar Hohner..


Im Kindes- und Jugendalter tritt Gewalt sowohl im sozialen Nahraum (z.B. in Familien, in der Verwandtschaft als auch in der Nachbarschaft) als auch im öffentlichen und halböffentlichen Raum (z.B. in Kindergärten, Schulen, Jugendfreizeiteinrichtungen, Straßen, Sportstätten u.a.) auf. Dabei zeigt sich, daß Kinder und Jugendliche im sozialen Nahraum meist Opfer von Gewalt und Erwachsene Täter von Gewalttaten sind, im öffentlichen Raum dagegen treten Kinder und Jugendliche sowohl als Opfer als auch als Täter in Erscheinung. Die folgende Arbeit konzentriert sich auf die Gewalt, wie sie vorwiegend im öffentlichen Raum vorkommt und wo Kinder- und Jugendliche in der Rolle als Täter zu finden sind.



Was bedeutet "kriminell"?
Kriminell ist einerseits ein Begriff der Alltagssprache, der einen stark wertenden Charakter hat. Kriminell wird im Alltag bezeichnet als "besonders verabscheuenswürdiges Verhalten, ohne genau anzugeben, wer in diese Gruppe der Kriminellen genau gehören soll." (MEMMERT in BÄUERLE 1989, S. 49 - 51)
 "Kriminalität im juristischen Sinn ist ein Verhalten (Tun oder Unterlassen), das gegen ein Strafgesetz verstößt." (HELLMER 1966, S. 11) Das Strafgesetz stellt dabei für das gesellschaftliche Zusammenleben des Menschen unerträgliche Verhaltensweisen unter Strafe. Der Begriff der Kriminalität im kriminologischen Sinn ist jedoch enger zu sehen als der der Strafbarkeit. Nicht kriminell sind etwa die Übertretungen (z.B. falsches Parken) oder auch Tatbestände wie falsche Namensangaben . (Vgl. HELLMER 1966, S. 12). Kriminell im juristischen Sinn ist demnach jemand, der rechtskräftig verurteilt ist.
 Jugendkriminalität wird in Deutschland folgendermaßen definiert: "Jugendkriminalität ist die Kriminalität Jugendlicher, wobei unter Kriminalität grundsätzlich das gleiche zu verstehen ist wie bei Erwachsenen" (HELLMER 1966, S. 12). Jugendliche sind nach § 1 Abs. 2 JGG Personen, die zur Zeit der Tat vierzehn, aber noch nicht achtzehn Jahre alt sind. Kinder (unter 14 Jahre) sind noch nicht strafmündig. Abhängig vom Reifegrad werden auch Heranwachsende (18 - 21 Jahre) wie Jugendliche behandelt. Die österreichische Gesetzgebung sowie mehrere andere Länder kennen jedoch die Zwischengruppe der Heranwachsenden nicht.


Bei der Feststellung der Kriminalität einer Person spielen auch persönliche Gesichtspunkte eine Rolle. Wer stellt aber nun die verbrecherischen Neigungen des Jugendlichen fest? Die Antwort wird lauten: Der Psychologe. Das Problem ist jedoch, daß Kriterien zur Operationalisierung des Begriffes "kriminelle Neigung" fehlen. Das bedeutet, daß das Wort kriminell wiederum schwierig zu definieren ist. Bsp.: Ist ein Jugendlicher, der in seiner Pubertät Adoleszenzkrisen und Identifikationsprobleme hat und quasi-kriminelles Verhalten zeigt, bereits kriminell? (Nach Überwindung der Krise können ja seine Neigungen wieder verschwunden sein.)
Der Pädagoge sollte daher beim Verwenden des Wortes "kriminell" sehr vorsichtig sein und immer viele kriminelle Erscheinungen im Auge behalten. (Vgl. MEMMERT in BÄUERLE, S. 49 - 51)



Die Kriminalität von Personen, die sich noch in der Entwicklung befinden, ist in zweifacher Hinsicht für die Gesellschaft bedeutend: Da insbesondere Jugendliche dem Einfluß der Umwelt sehr stark ausgesetzt sind, läßt die Jugendkriminalität immer Rückschlüsse auf jene Einflüsse zu, die auf den Jugendlichen einwirken. Eine hohe Jugendkriminalität deutet etwa oft auf ein "wertkünnes" Klima sowie auf ein Nichtgenügen kultureller und sozialer Maßstäbe und Kontrollen hin. Bsp: Je höher die Bedeutung des materiellen Wohlstandes eingeschätzt wird, desto mehr wird auch die Jugendkriminalität Bereicherungskriminalität sein. (Vgl. HELLMER 1966, S. 13).
 Eine weitere Bedeutung kommt der Jugendkriminalität in Bezug auf das Rückverbrechertum zu. So beginnt etwas das "Gewohnheitsverbrechertum" von Erwachsenen zu 80 % bereits im Entwicklungsalter. Dennoch wird nur etwa jeder vierte straffällig gewordene Jugendliche chronisch kriminell. "Je größer also die Jugendkriminalität ist, desto mehr Jugendliche schweben in Gefahr, zu Gewohnheitsverbrechern zu werden." (HELLMER 1966, S. 14)


Jugendkriminalität geht weiters oft mit der "Verwahrlosung" einher. Die Verwahrlosung ist durch das Fehlen von Eigenschaften, die ein Jugendlicher gleichen Alters normalerweise aufweist, gekennzeichnet und hat oft das Einschalten des Vormundschaftsgerichts zur Folge.
Die positive Bedeutung der Jugendkriminalität liegt darin, daß sie die gesellschaftlichen Verhältnisse unmittelbar widerspiegelt und somit einen Druck auf die Gesellschaft ausübt diese Mängel zu beheben. Damit sind nicht nur der Staat, sondern auch die Erwachsenen angesprochen.



Die folgenden Angaben beruhen auf dem Bericht der Bayrischen Staatsregierung vom September 1994 und beziehen sich auf die Gewaltkriminalität. Diese sind jedoch nur ein Teil der Gewaltstraftaten. Unter Gewaltkriminalität fallen dort folgende Straftaten: "Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen, Kindestötung, Vergewaltigung, Raub, räuberische Erpressung und räuberischer Angriff auf Kraftfahrer, Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche und schwere Körperverletzung sowie Vergiftung, erpresserischer Menschenraub, Geiselnahme und Angriff auf den Luftverkehr."
Aus dem Bericht erfährt man, daß in den 60er und 70er Jahren die Gewaltkriminalität stark anstieg, in den 80er Jahren stagnierte und seit 1990 wieder stark zunimmt. 1993 waren von 15.302 insgesamt polizeilich ermittelten Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität 4138 oder 27% unter 21 Jahre alt. Damit sind die jüngeren Tatverdächtigen stärker betroffen, als es ihrem Bevölkerungsanteil von 22,5 % entspricht. Einzelne jugendtypischen Delikte haben sogar einen noch höheren Anteil jugendlicher Tatverdächtiger: z.B. Raub mit 33% (1993) oder schwere Körperverletzung mit 27,2% (1993).
Der Trend der gesamten Jugendkriminalität, der dem der Gewaltkriminalität folgt, ist auch aus folgender Graphik zu erkennen:
  1. Quelle: Polizei Baden ñ Württemberg
    Der Zehnjahresvergleich zeigt die Entwicklung der Tatverdächtigenzahlen bei den
    unter 21jährigen, gegliedert nach Altersgruppen. Seit 1993 ist ein kontinuierlicher
    Anstieg der Tatverdächtigenzahlen bei Kindern und Jugendlichen erkennbar.
 Sachbeschädigung, Körperverletzung und Raub zu nennen. Weiters weist der Autor darauf hin, daß die Jugenddelinquenz meist episodenhaft verläuft und nur in Ausnahmefällen in einer kriminellen Karriere endet. Frühzeitige erzieherische Maßnahmen sowie eine angemessene fachliche Intervention haben deshalb eine besondere Bedeutung.


Bei den Gewalttaten wird weiters deutlich, daß diese fast ausschließlich von Männern oder männlichen Jugendlichen begangen werden. Mädchen und Frauen dagegen werden wegen solcher Delikte nur sehr selten angezeigt, und wenn, dann nur als Mittäterinnen. 1993 waren nur 9.6 % aller unter 21 jährigen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität weiblich.


Formen der Jugendkriminalität.



Bereicherungskriminalität
Diese nimmt tradtionell die bedeutendste Stellung ein. Dazu zählen Diebstahl, Unterschlagung, Raub, Erpressung, Betrug, Hehlerei.

Früher glaubte man, daß hohe Bereicherungskriminalität eine Folge von wirtschaftlicher und sozialer Depression sei, da Hunger und Not zu Diebstahl und Betrug verführen. Heute wird die Bereicherungskriminalität dagegen auf das allgemeine Denken und Trachten zurückgeführt. Derjenige, der keinen Wohlstand hat, versucht diesen mit allen Mitteln zu erreichen; wer den Wohlstand hat, wird versuchen, noch mehr Wohlstand zu erreichen. Jugendliche trachten, wie ihre Eltern, vor allem nach Luxus und Besitz. So ist es heute nicht verwunderlich, daß es vor allem Luxusgüter sind, auf die die Jugendlichen abzielen, da sie sich von diesen einen höheren Status und ein angenehmeres Leben versprechen. (HELLMER 1966, S. 28)


Andere Delikte
Neben der Bereicherungskriminalität kommen bei Jugendlichen noch folgende Delikte häufiger vor: Bandenkriminalität, Sachbeschädigung und Brandstiftung. Weitere Delikte wären etwa Sittlichkeitsdelikte, Mord, Totschlag, Körperverletzung im Straßenverkehr, Vortäuschung einer Straftat und Falsche Anschuldigung.


Straftaten von Schülern und Jugendlichen kommen auch innerhalb der Schule vor. Die folgenden Delikte können als kriminell eingestuft werden, da sie mit Strafe bedroht werden und außerhalb der Schule gefahndet werden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
 Sachbeschädigung: Bsp: Demolierung von Einrichtungsgegenständen, Demolierung von fremden Sachen; Demolierung der Schulanlage; Legen von Feuer (gemeingefährlich)
  • Eigentumsdelikte: Bsp: Stehlen von Gegenständen anderer Schüler (=Diebstahl) und Einbrechen in verschlossene Räume (= Raub)
  • Betrug: Bsp: Erschleichung von Gegenständen an Getränkeautomaten, Abschreiben bei Klassenarbeiten
  • Nötigung, Bedrohung und Erpressung: Bsp: Zahlen von Schutzgeldern
  • Körperverletzung: Bsp: Schlägereien, Stechen mit Zirkelspitzen
  • Beleidigung: Bsp: Beschimpfung von Schülern durch Schüler und Lehrer
  • Sexualdelikte: Auftauchen pornographischer Zeitschriften, Ornanieren im Klassenzimmer, Zwingen von Schülerinnen zum Geschlechtsverkehr
(Vgl. MEMMERT in BÄUERLE, S. 60 - 62)



Von 3600 Schulen in Bayern wurden 1993 entsprechende Vorfälle von der Hälfte der Schulen gemeldet. Die meisten Vorfälle waren Sachbeschädigung, die rund 70 - 90 % der gesamten Vorfälle ausmachte. Weiters kamen vielmals Körperverletzung und massive Beleidigungen vor. Gleichzeitig zeigte die Untersuchung in Bayerns Schulen große Unterschiede zwischen den Schularten auf. Die meisten Körperverletzungen gab es in Grund-, Haupt- und in der Berufsschule, wo sich auch die meisten Körperverletzungen ereigneten. Verbale Gewalt wurde dagegen am Häufigsten in der Hauptschule ausgeübt. Diese Gewalt richtete sich zu 30-40% gegen Lehrkräfte. An dritter Stelle steht die sexuelle Belästigung, die bereits bei Grundschülern beobachtet werden kann (2,4% der Nennungen). Waffenbesitz war 1993 weniger das Problem.



 Weniger betroffen sind meist Schulen in ländlichen Gegenden. Bestürzend war besonders in den Städten die extreme Ich-Bezogenheit der Schüler, Rücksichtslosigkeit und Intolerant sowie die Brutaliserung der Sprache. (Vgl. Bericht der Bayrischen Staatsregierung September 1994)



Fragt man nach den Bedingungen der Kriminalität, spielen vor allem Anlagefaktoren und Umweltfaktoren eine erhebliche Rolle. Sie geben demnach an, welche Bedingungen das Kriminellwerden begünstigt haben und welche Erscheinungen bekämpft werden müssen, um die Kriminalität einzudemmen. Sie können jedoch nicht dazu dienen, einen bestimmten einzelnen Fall aufzuklären, da der Mensch in einem gewissen Rahmen immer selbst entscheidet, ob er eine kriminelle Handlung begeht.
 Die Faktoren der Jugendkriminalität können nach mehreren Gesichtspunkten eingeteilt werden, etwa nach Wissensgebieten (medizinische, psychologische, soziologische, anthropologische), nach der Bedeutung für die Persönlichkeit (persönlichkeitsbegründend, persönlichkeitsgestaltend) und anderen Gesichtspunkten. 



Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendkriminalität
Die folgenden Maßnahmen stellen einen Kurzauszug dar, wie sie im Bericht der Bayerischen Staatsregierung vorgeschlagen werden. Viele dieser Vorschläge sind bereits in Projekten verwirklicht worden und beziehen sich auf Kinder und Jugendliche als Opfer und Täter von Gewalttaten.
Familie und Heimerziehung
Beratung und Information von Eltern und Familien
  • Förderung von Ehe- und Familienberatungsstellen
  • Förderung von Erziehungsberatungsstellen
  • Verstärkung der Zusammenarbeit von Kindergärten, Schulen und Mütterzentren
  • Empfehlungen zur Unterstützung von Familien in Trennung und Scheidung bei der Sorgerechtsregelung
  • Einsatz eines mobilen "Baby-Info-Busses" zur Beratung von jungen Eltern in Angelegenheiten der Kindererziehung
Unterstützung von ausländischen Familien
  • Förderung von Ausländerberatungsstellen
  • Förderung von Seminaren zur Ausländerthematik
  • Integration von Kindern in Regelbetreuungseinrichtungen und Schulen
  • Berufliche Integration verschiedener Volksgruppen (z.B. Sinti- und Romafamilien)
  • Stärkere Betonung der Ausländerthematik bei Fortbildungsseminaren
 Stärkung der Fähigkeit zu Partnerschaft, Gemeinschaft und zur Konfliktbewältigung (Beispiele)
  • Förderprogramm "Erzieherische Familienbildung am Wochenende"
  • Förderung von Projekten zur Ehevorbereitung
  • Förderung von Projekten der sozialpädagogischen Familienhilfe
  • Förderung von Mütterzentren
  • Programme zur Förderung der Familienerholung
  • Förderung von Müttergenesungs- bzw. Mutter-Kind-Kuren
  • Fernseh- und Rundfunkspots gegen Gewalt an Kindern
 Besondere Unterstützung von Alleinerziehenden
  • Förderung der Alleinerziehendeninitiativen
  • Schaffung von gemeinsamen Wohnformen für alleinerziehende Mütter/Väter
  • Weiterer Ausbau der Mutter-Kind-Einrichtungen
Kindertagsbetreuung
  • Einrichtungen für Kinder im Vorschulalter
  • Kindergrippen
  • Krabbelstuben an Hochschulen
  • Kindergärten
  • Ausbau der Gruppen mit größerer Altersmischung
 Bessere Qualifizierung des pädagogischen Personals:
  • Neue Lehrpläne für Fachakademien für Sozialpädagogik (Jugendschutz, Medienpädagogik, Kindermißhandlungen stärker berücksichtigen)
  • Fortbildungsmaßnahmen: Behandlung von Erziehungsproblemen, Nützung der teamorientierten Praxisberatung
  • Stärkere Einbindung der Eltern in die Erziehungsarbeit
  • Stärkung der Selbsthilfe und der Zusammenarbeit der Eltern untereinander
  • Gemeinsame Fortbildung der Eltern und Erzieher
  • Förderung von Kindern mit besonderem Förderbedarf
Jugendarbeit / Jugendsozialarbeit / Jugendschutz
  • Nachmittagsbetreuung für Schüler
  • schulbezogene Sozialarbeit ñ Förderung des schulischen Fortkommens und der sozialen Integration durch Schülerhilfen, intensive Elternarbeit, intensive Zusammenarbeit mit Schulen und Lehrern
  • Ausbau der Nachmittagsbetreuung für Schüler im Alter zwischen 10 ñ16 Jahren in Einrichtungen der Jugendarbeit
  • Förderung der selbstorganisierten verbandlichen Jugendarbeit
  • Größeres Angebot an Jugendfreizeitstätten
  • Herstellung des Kontaktes zu gewaltbereiten Jugendlichen durch mobile / aufsuchende Jugendarbeit (Bsp. Streetworker)
  • Förderung der Zusammenarbeit von Jugendfreizeitstätten mit Schulen, Polizei und anderen Behörden
  • Verstärkung der Fortbildung und Praxisberatung der Mitarbeiter bei Jugendämter.




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