Sonntag, 4. September 2011


Im Dschungel der Justiz: Leben in Freiheit oder Sterben hinter Gittern


Im Dschungel der Justiz: Leben in Freiheit oder Sterben hinter Gittern [Taschenbuch]

Christian Lukas-Altenburg 


Das Neue Buch ist nun überall Erhältlich, die Thematik Sicherungsverwahrung und Strafvollzug ist dabei eine Offene Thematik welche in der Öffentlichkeit zu gerne unter den Teppich gekehrt wird, um unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen. Auch die Diskussion Jugendgewalt und Jugendstrafe findet darin einen nicht unerheblichen Platz.


Fragen zum Inhalt des Buches und zur Thematik selbst, werden gerne auch in einer Persönlichen Interaktion offen Diskutiert. Haben Sie Interesse an einer Autorenlesung oder der Teilnahme des Autors an einer Themen Orientierten  Veranstaltung bei Ihnen? so können Sie sich über das Büro des Autors gerne über mögliche Termine Informieren und dort Kontakt zum Autor aufnehmen.


Kontaktbüro


Werner Reger
Tel.0761-7695795
Fax. ß761-8962224


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Mittwoch, 24. August 2011

Prävention der Kinder- und Jugendkriminalität


Die Frage, wie mit dem Problem „Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität“ sinnvoll umgegangen werden kann, wird unter Fachleuten heutzutage nahezu einhellig beantwortet: mehr Prävention wird gefordert. So hat sich in den letzten eineinhalb Jahrzehnten in Deutschland eine vielfältige kriminalpräventive Praxis entwickelt und nahezu überall werden unter diesem Label Projekte und Programme mit viel Engagement initiiert und durchgeführt. Nach dieser ersten Phase in gleichsam euphorischer Gründerstimmung beginnt nun eine Phase verstärkter Reflexion.



Öffentliche Debatten über Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität knüpfen in Deutschland, wie in anderen Ländern auch, meist an zwei Typen von Ereignissen an: zum einem an der Präsentation von Daten aus der Polizeilichen Kriminalstatistik, zum anderen an einzelnen dramatischen Vorfällen, die große
Publizität erzeugen. Erinnert sei z.B. nur an den jungen Münchener Türken „Mehmet“, der schließlich in sein „Herkunftsland“ abgeschoben wurde, an die im Gefolge von Einzelfällen geführte Debatte um Erlebnispädagogik im Ausland und schließlich an die Ereignisse am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, an dem ein ehemaliger Schüler erst 16 Menschen und dann sich selbst tötete. Nicht immer kühlte die Debatte rasch ab und befasste sich mit den strukturell wichtigen Fragen, manchmal folgten unsinnige Vorschläge oder Aktionismus wurde betrieben. Populistische Forderungen nach Absenkung des Strafmündigkeitsalters oder geschlossener Unterbringung kamen immer wieder auf, fanden aber (fast immer)1 keine politischen Mehrheiten und erst recht keine fachliche Unterstützung.



Im anfangs wenig strukturierten Feld der Kriminalitätsprävention hat sich in den letzten Jahren schrittweise eine Institutionalisierung vollzogen: Kriminalpräventive Räte sind in vielen Kommunen und Bundesländern nicht mehr weg zu denken, und auf der nationalen Ebene ist mit dem „Deutschen Forum für Kriminalprävention“ (DFK) ein zentrales Gremium entstanden.



Die Stiftung DFK hat die Aufgabe eine nationale Service- und Informationsstelle für die deutsche, europäische und internationale Zusammenarbeit zu bilden. Es soll zur Optimierung der gesamtgesellschaftlichen Kriminalprävention beitragen.2 Gerade in Anbetracht der neuen Entwicklungen in einem zusammenwachsenden Europa ist auf nationaler Ebene eine zentrale Institution zum Transfer von Erfahrungen und Informationen in beide Richtungen notwendig: von der europäischen in die nationalen und lokalen Diskussionen und umgekehrt. Die Institutionalisierung
ist auch ein Zeichen dafür, dass sich „Prävention“ etabliert hat und prinzipiell nicht mehr in Frage gestellt wird – auch wenn es kritische Stimmen gibt und begriffliche Probleme nicht geleugnet werden sollen.



Seit mehr als einem Jahrzehnt hat sich in der Kriminalitätsprävention
eine Tendenz zur Sammlung von Daten und Projekten durchgesetzt, die häufig nebeneinander und unkoordiniert stattfindet. Ohne dass es für die Nutzer erkennbar war, sind Projekte unterschiedlicher Qualität nebeneinander gestellt worden, in den Daten selbst mangelt es an Orientierung und Übersichtlichkeit.
Die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention am Deutschen Jugendinstitut hat deshalb bewusst auf weitere „Gelbe Seiten“ der Kriminalitätsprävention verzichtet, und statt Dutzender ähnlicher Projekte lieber Strategien und Ansätze recherchiert und dokumentiert.
Kriminalitätsprävention bewegt sich im Spannungsfeld von Jugendhilfe, Justiz, Polizei und weiteren Institutionen. Positive Besonderheit der Kriminalitätsprävention war, dass die in Deutschland vielfach übliche Abschottung unterschiedlicher Akteure mit ähnlichen oder gleichen Zielsetzungen relativ rasch überwunden wurde. Sicher, nicht immer geht dies reibungslos vonstatten. Aber selbst die über Jahrzehnte eher mit großem
Abstand zueinander agierenden Organisationen Jugendhilfe und Polizei haben diese Distanz überwinden können. Langsam haben sie zunächst gelernt, wofür der jeweils andere zuständig ist und wofür nicht. Schließlich hat sich aus einem tolerierten Nebeneinander ein zaghaftes Miteinander entwickelt. Als ein
beispielhaftes Projekt sei hier das Haus des Jugendrechts in Stuttgart genannt. Aber auch zahlreiche andere Projekte nutzen die Verbesserung der Kooperation der beteiligten Institutionen im Interesse der Kinder und Jugendlichen.







Freitag, 12. August 2011

Erkenntnisse jugendkriminologischer Forschung






Neuere kriminologische Forschungen haben erwiesen, dass Kriminalität im Jugendalter meist nicht Indiz für ein erzieherisches Defizit ist, sondern überwiegend als entwicklungsbedingte Auffälligkeit mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter abklingt und sich nicht wiederholt. Eine förmliche Verurteilung Jugendlicher ist daher in weitaus weniger Fällen geboten, als es der Gesetzgeber von 1953 noch für erforderlich erachtete.

Untersuchungen zu der Frage, inwieweit der Verzicht auf eine formelle Sanktion zugunsten einer informellen Erledigung kriminalpolitisch von Bedeutung ist, haben - jedenfalls für den Bereich der leichten und mittleren Jugenddelinquenz - zu der Erkenntnis geführt, daß informellen Erledigungen als kostengünstigeren, schnelleren und humaneren Möglichkeiten der Bewältigung von Jugenddelinquenz auch kriminalpolitisch im Hinblick auf Prävention und Rückfallvermeidung höhere Effizienz zukommt.


Es hat sich weiterhin gezeigt, daß die in der Praxis vielfältig erprobten neuen ambulanten Maßnahmen (Betreuungsweisung, sozialer Trainingskurs, Täter-Opfer-Ausgleich) die traditionellen Sanktionen (Geldbuße, Jugendarrest, Jugendstrafe) weitgehend ersetzen können, ohne daß sich damit die Rückfallgefahr erhöht.Schließlich ist seit langem bekannt, daß die stationären Sanktionen des Jugendstrafrechts (Jugendarrest und Jugendstrafe) sowie die Untersuchungshaft schädliche Nebenwirkungen für die jugendliche Entwicklung haben können."



Mit diesen eher dürren Sätzen umschrieb der Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Änderung des Jugendgerichtsgesetzes vom 27. November 1989 die Zielsetzung des Gesetzgebungsvorhabens. Hinter ihnen verbergen sich die auch heute noch unter Fachleuten weitgehend unumstrittenen Einsichten vieler praktischer Erfahrungen und wissenschaftlicher Forschung zur Jugendkriminalität, nicht nur der Kriminologie, sondern auch anderer am Jugendstrafverfahren beteiligter Disziplinen wie der Pädagogik, der Psychologie, der Soziologie, um nur einige zu nennen.


Die wichtigsten Erkenntnisse will ich noch einmal herausstellen:



.    Ubiquität von Jugendkriminalität:


Kriminologische Forschungen insbesondere zum Dunkelfeld haben die auch heute noch  unbestrittene Erkenntnis gebracht, dass Kriminalität im leichten und mittleren Schwerebereich eine im Jugendalter weitverbreitete Erscheinung ist. „Alle klauen und prügeln!“ - könnte man den kriminologischen Begriff der Ubiquität volkstümlich übersetzen. Für viele ist das nichts Neues, erinnern sie
sich doch, wenn sie aufrichtig zu sich selbst sind, an ihre eigene Jugend und an ihre damaligen Aktivitäten. Und wenn man mit den Menschen darüber spricht, geben sie schnell entsprechendes Verhalten zu. 



Diese Erkenntnis ist übrigens sehr alt. Historische und aktuelle Belege finden sie in der Literatur zuhauf, von den großen Philosophen des alten Griechenlands, etwa von Sokrates, bis hin zu aktuellen Fundstellen moderner Literatur, etwa in Nick Hornbys, neuerdings verfilmten,  Roman „About a boy“ . 



Den nach meiner Meinung schönsten Beleg, wie könnte es anders
sein, natürlich von William Shakespeare, der einen alten Schäfer
klagen läßt, will ich Ihnen nicht vorenthalten:


„I would, there were no age between ten and three-andtwenty, or that youth would sleep out the rest: for there is nothing in
the between but getting wenches with child, wronging the ancientry,
stealing, fighting.“ 


zu deutsch:
Ich wollte es gäbe gar kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit: Denn dazwischen ist nichts als den Mädchen Kinder machen, die Alten ärgern, stehen und balgen!
Allerdings sind erst nach der wissenschaftlichen Bestätigung neuester Zeit die für das Jugendstrafrecht geradezu systemsprengenden Schlussfolgerungen aus dieser alten Weisheit gezogen worden: Jugendkriminalität ist nicht Symptom von Erziehungsdefiziten, sondern verbreitetes, entwicklungsbedingtes
Phänomen bei jungen Menschen, die beim Hineinwachsen in die rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft erst lernen müssen, wie sie sich zu verhalten haben, die die Grenzen ihres Verhalten erst austesten müssen, um sie zu begreifen, und deren Reifungsprozess solches „Soziales Training“ erfordert. Sozialisation eines jungen Menschen in einer Gesllschaft,



erst recht in unserer komplexen modernen Gesellschaft ist ohne jugendliche Delinquenz, ohne Straftaten nicht denkbar. Der Verstoß gegen gesellschaftliche Normen, also auch gegen Strafgesetze,  ist statistisch gesehen ein normales Phänomen und  die – so merkwürdig es klingt – diejenigen, die  ohne jede Straftat aufwachen, sind in diesem Sinne nicht normal!
Noch 1953 bei der Erneuerung des Jugendgerichtsgesetzes nach den Deformierungen durch den NS-Staat war der bundesrepublikanische Gesetzgeber der Meinung – nachzulesen in den Begründungen des Gesetzes – dass jugendliche „Verfehlungen“, wie es ja bis heute heißt, Auswirkungen
erzieherischer Defizite seien, denen man durch erzieherische und strafende Maßnahmen begegnen müsse; dazu gehöre auch  die Freiheitsentziehung; diese sei zwar ein notwendiges Übel, wirke sich aber als erzieherische Wohltat aus.  Noch heutzutage gehen alltagstheoretische Überzeugungen in der
Bevölkerung und selbst bei Kriminalpolitikern oder solchen, die sich dafür halten,  immer noch davon aus, dass Jugenddelinquenz Ausdruck eines Entwicklungsdefizits  und als solches zu ahndensei! 
Ein schwerer kriminalpolitischer Fehler, wie wir inzwischen zuverlässig wissen – und zwar in zweifacher Hinsicht: einmal in unserem Kontext vom ubiquitären Charakter der Jugendkriminalität, der in den überwiegenden Fällen gerade keine Maßnahme im strafrechtlichen Sinne erfordert, sondern allenfalls

Normverdeutlichung, durch wen auch immer, und Verantwortungsübernahme durch den Delinquenten gegenüber dem Geschädigten oder dem Opfer. 
Und zum zweiten hinsichtlich der kriminologischen Erkenntnis, dass Ahndung bei leichter und mittelschwerer Kriminalität eher zur Rückfälligkeit führt als das Absehen von der Verfolgung oder die Einstellung des Verfahrens (doch davon später unter dem Stichwort „Diversion“).














Montag, 1. August 2011

Jugend Gewalt hat seine Ursachen..

Derzeit wird intensiv diskutiert, wie man mit jungen Gewalttätern umgehen sollte. Soll man sie härter bestrafen, in Erziehungscamps stecken, mit einem Warn-Arrest schrecken oder ausweisen, wenn sie aus einer Migrantenfamilie kommen? Oder bringt das alles womöglich wenig, weil – wenn sie erst einmal zu "Intensivtätern" geworden sind – ohnehin alles zu spät ist? Aus dem Blick gerät dabei, dass Gewalt immer Ursachen hat. Und auf viele von ihnen haben wir sehr wohl Einfluss, zumindest weitaus mehr als auf Zwanzigjährige mit langer krimineller Biografie.



Ist Gewalt ein Teil der jugendlichen Entwicklung?
Ja, sehr häufig, vor allem bei jungen Männern. Dabei geht es meist darum, bewusst Normen der Erwachsenen zu brechen, sich abzugrenzen, zu emanzipieren; aber auch darum, erwachsenes Verhalten zu antizipieren, wie Psychologen sagen. Jugendliche wollen erwachsen wirken, wozu auch gehören kann, ein Auto zu fahren, wenn man erst 16 ist und es einem nicht gehört. Umfragen zeigen, dass 90 Prozent aller männlichen Jugendlichen mindestens eine Straftat begangen haben. Die Phase beginnt im Alter von zehn bis vierzehn Jahren, erreicht den Höhepunkt bei 17- bis 18-Jährigen und nimmt ab 20 wieder ab. Allerdings kann sie länger dauern, zum Beispiel wenn die Betroffenen kein festes soziales Umfeld und keine Perspektive haben wie einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, und/oder wenn sie viel trinken.
War das schon immer so?
Ja, aber früher war einerseits die Brutalität geringer, andererseits wurde ein größerer Teil dieses Verhaltens als jugendtypisch akzeptiert als heute. Sogenannte Dunkelfeldstudien belegen, dass die Toleranz solchen Verhaltens von Eltern, Erziehern und Beobachtern geringer geworden ist und diese entsprechende Taten schneller anzeigen als früher. Ohne diesen Effekt würden die Zahlen bei der Jugendkriminalität wahrscheinlich noch stärker sinken als sie es sowieso schon tun.
Gibt es noch andere Formen jugendlicher Gewalt?
Neben diesen „klassischen“ jugendlichen, vorübergehenden Gewalttätern gibt es auch noch einen zweiten Typus, man könnte ihn Frühstarter nennen. Die Betroffenen fallen schon im Kindergarten und in der Grundschule auf, weil sie aggressiver als ihre Altersgenossen sind, schlagen, beißen oder schubsen. Eine Ursache dafür sind Defizite, beispielsweise in der Sprachentwicklung oder auch in der Reifung des Gehirns. Diese können dazu führen, dass sich die Kinder als Außenseiter erleben und viele Situationen als bedrohlich empfinden und aggressiv darauf reagieren. Hilflose Eltern, die selbst mit Aggressionen auf das Verhalten ihrer Kinder antworten, verschlimmern das Problem.
Werden Kinder, die von ihren Eltern geschlagen werden, selbst zu Schlägern?
Die Gefahr ist groß. Dabei zählt nicht nur, ob die Kinder selbst Prügel bekommen, sondern auch, ob sie sehen, dass die Eltern ihre Konflikte auf diese Art austragen. Sie sind einerseits Opfer, die sich als ohnmächtig erleben. Andererseits lernen sie modellhaft, Probleme ebenso gewaltsam zu lösen. Sie entwickeln dadurch grundsätzlich eine höhere Akzeptanz für Gewalt. Viele Studien belegen, dass Kinder, die Gewalt erfahren, selbst aggressiver sind. Außerdem machen sie früh die Erfahrung, dass sich mit Gewalt Forderungen durchsetzen lassen, dass sie also erfolgreich ist. Und sie verschafft ihnen Anerkennung – wenn auch in Form von Angst bei ihren Opfern. Der Wunsch, zu erniedrigen, ist bei jugendlichen Intensivtätern oft zu beobachten.
Gibt es Erziehungsstile, die Gewalt fördern?
Leider. In der Wissenschaft heißt diese Erziehung „inkonsistent“, das meint: ohne klare Normen. Heute darf das Kind fernsehen, morgen nicht, übermorgen bekommt es sogar Prügel, wenn es fernsehen will. Für Kinder ist nicht erkennbar, was richtig und was falsch ist, da die Eltern jedes Mal anders reagieren. Studien zeigen, dass dies einer der wichtigsten Faktoren für spätere Gewalttätigkeit ist. Wer keine Normen verinnerlicht, kann sie bei anderen Menschen nicht erkennen und das Verhalten anderer nicht vorausahnen und „sozial korrekt“ reagieren. Solche Kinder werden deswegen auch von Gleichaltrigen ausgegrenzt oder gar geschlagen. Außerdem können sie nicht das Gefühl entwickeln, Kontrolle über ihr Leben zu haben.
Fördern gesellschaftliche Entwicklungen die Gewalt?
Soziologen glauben das zumindest. Die zunehmende Individualisierung und Vereinzelung wird dafür verantwortlich gemacht. Je größer Menschen die Bedeutung des Einzelnen einschätzen und je geringer die der Gemeinschaft, desto schwächer werden die Bindungen und Beziehungen untereinander. Die aber sind es, die uns „halten“. Dabei ist es besonders wichtig, dass wir als Säuglinge und Kleinkinder sichere Bindungen erleben und Bezugspersonen haben. Als denkbar ungünstig gilt daher ein sehr strenger Erziehungsstil, der gleichzeitig aber von schwachen Bindungen zwischen Eltern und Kindern geprägt ist.
Spielt es eine Rolle, aus welchem Kulturkreis die Täter kommen?
Ja, aber in sehr viel geringerem Ausmaß, als Roland Koch und andere Unions-Politiker glauben machen wollen. Es gibt Unterschiede, die auf den ersten Blick auffällig erscheinen, beispielsweise zwischen türkischen und deutschen Familien. Allerdings ist ein anderer Faktor sehr viel wichtiger, nämlich die Bildung und die soziale Stellung. Werden die berücksichtigt, bleiben von den Unterschieden nur zwei Punkte übrig: türkische Eltern fordern sehr viel mehr sichtbare Disziplin und Respekt von ihren Kindern als deutsche, und sie erziehen inkonsistenter. Ersteres entspringt ihrem kulturellen Hintergrund, das zweite ihren Erfahrungen als Migranten. Wer selbst Mühe hat, sein Leben zwischen den Normen des Herkunftslandes und denen der neuen Heimat zu finden, kann diese auch nur mühsam an seine Kinder weitergeben.
Welche Rolle spielt die Bildung?
Eine enorme. In bildungsfernen Schichten ist Gewalt sehr viel verbreiteter, egal aus welchem Kulturkreis die Menschen kommen. Vor allem der Bildungsgrad der Mutter hat einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder. Das Problem: Viele Einwanderer der ersten und zweiten Einwanderergeneration kamen aus sehr armen und wenig gebildeten Verhältnissen – türkische Akademiker gingen selten nach Deutschland. Und vielen Frauen in muslimischen Ländern wurde und wird weniger Bildung zugestanden als Männern. Dies erklärt die Häufung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Kriminalitätsstatistik. Vor einem Jahrzehnt galt in der Türkei nur eine fünfjährige Schulpflicht, viele der ersten Einwanderer hatten selbst nur die Grundschule besucht. Das Problem setzt sich fort, denn die Masse der ausländischen Jugendlichen erreicht auch hier keine hohe Bildung. Das deutsche Bildungssystem begünstigt vor allem die, die schon gebildet sind und die Geld haben. Die Hälfte der türkischen Jugendlichen erreicht nur einen Hauptschulabschluss.



Es gibt noch sehr viel mehr Faktoren, die Einfluss darauf haben, ob jemand schon früh zum Gewalttäter und Kriminellen wird. Beispielsweise die Freunde, mit denen er seine Zeit verbringt. Aber auch die Struktur des Stadtteils, in dem jemand lebt, beeinflusst ihn in seinem Verhalten. All diese Fakten sprechen dafür, dass es mehr braucht als neue Gefängnisse und Boxcamps, um mit dem Problem Jugendkriminalität umzugehen. Ausgrenzung und Abschiebung lösen es nicht, sie kaschieren es nur.

Mittwoch, 20. Juli 2011

Vom Sterben hinter Gittern

Ein Artikel aus der Ärzte Zeitung, 20.07.2011
von Christian Beneker...


Lebenslang und schwerkrank - nicht wenige Häftlinge in deutschen Gefängnissen werden dort sterben. Fachleute sagen: Hinter Gittern ist Sterben in Würde kaum möglich. Sie fordern: Sterben muss in Freiheit möglich sein. Doch Probleme sind vorprogrammiert.



Jeder Mensch hat das Recht auf ein Sterben in Würde - Verbrecher auch. In der "Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland", die Bundesärztekammer, Deutscher Hospiz- und Palliativverband und die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin 2010 vorgestellt haben, wird für alle Menschen auf ihre "Würde" als Summe aller ihrer Grund- und Menschenrechte verwiesen.

Doch bei der Norddeutschen Forensischen Pflegefachtagung am Klinikum Bremen-Ost (KBO) zeigte sich auch: Es ist noch ein weiter Weg zum würdigen Sterben hinter Gittern.

Zur würdigen Behandlung gehört es unter anderem, den sterbenden Patienten und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen, ihn palliativ zu betreuen oder an der Gesellschaft teilhaben zu lassen.
Es sei darum bei sterbenden Gefangenen stets im Einzelfall zu prüfen, ob bei der Unterbringung die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibe, sagte Dr. Birgit Weihrauch, Vorsitzende des Deutschen Palliativ- und Hospizverbandes. Kein leichtes Unterfangen.

Denn bei den eingesperrten Kranken stelle sich die Frage nach einem Sterben in Würde noch dringlicher als ohnehin.

Durch Einsamkeit und Freiheitsentzug seien die Kranken doppelt stigmatisiert und unterlägen zugleich einem doppelten Tabu: "Dem Sterben überhaupt und dem Sterben im Vollzug", so Weihrauch. Besonders der Seelsorge und spirituellen Begleitung komme in dieser Situation große Bedeutung zu.
"Viele sterbende Straftäter schauen ratlos und mit Trauer zurück auf ihr Leben und ihre Taten. Was sollen sie machen mit ihren Verbrechen am Ende des Lebens?", fragt Weihrauch. Jeder Sechste zu lebenslanger Haft Verurteilte stirbt im Vollzug.

In den Jahren 1990 bis 2000 sind in elf Bundesländern 361 Menschen hinter Gittern an Krankheiten gestorben. "Wir müssen immer fragen, ob wir bei den sterbenden Gefangenen noch die Menschenwürde respektieren, wenn wir sie hinter Gitter sterben lassen"

Durchschnittsalter der Patienten nimmt zu

Im Bremer Klinikum Bremen Ost leben insgesamt 135 Patienten in der Forensischen Psychiatrie. "In den vergangenen zwei Jahren sind zwei unserer Patienten gestorben und fünf Patienten sind älter als 60 Jahre - und das Durchschnittsalter steigt", erklärt der Pflegeleiter der Klinik, Volker Schröder. "Wir mussten uns dem Thema jetzt stellen."
Wie bei anderen Sterbenden auch stellen die Pflegenden bei den Betroffenen die fünf Sterbephasen fest, die von der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross erstmals systematisch beschrieben wurden: Das Nicht-wahrhaben-Wollen der Diagnose, der Zorn auf die Pflegenden und auf die Situation, der Versuch, um Aufschub oder Verschonung zu verhandeln ("Ich spende meinen Körper der Medizin"), die Depression und Trauer um den Verlust und schließlich die Akzeptanz des eigenen Sterbens.

So sei zum Beispiel die Psychose einer HIV-Patientin in der Phase der Akzeptanz nicht mehr so aktiv gewesen, sagte Peter Thauern, Pfleger in der Bremer forensischen Psychiatrie, in seinem Vortrag. Besonders für die psychiatrischen Mitpatienten sei der offene Umgang mit dem Sterben von Mitpatienten wichtig.

"Wir brauchen ein Abschiedsritual, sonst werden die Mitpatienten misstrauisch", so Thauern, "sie fragen sich, wo der Leichnam ist, ob er etwa verschachert wurde". In Bremen lädt man deshalb beim Tod eines Mitpatienten zu einer Abschiedsfeier und einem gemeinsamen Kaffee-Trinken.
Problematisch ist es, dass die psychiatrischen Stationen oft nicht vorbereitet sind auf die somatische Versorgung der sterbenden Patienten. "Den großen Pflegeaufwand sind wir nicht gewohnt", so Thauern. Oft sei es auch hilfreich, entsprechend ausgebildete Kolleginnen an der Seite zu haben, sagte die Pflegerin Dagmar Giesen, "unter anderem deshalb, weil den Kolleginnen das Delikt der Patienten total egal ist".

Eine Eigene Anmerkung^^

Die Würde des Menschen ist Unverfügbar, sie trifft jeden,

den Kranken, den Gesunden, den Behinderten, den Aussätzigen sowie den Straftäter und das Opfer.
Sie kann nicht verlustig gehen und darf auch nicht am Handeln eines einzelnen Menschen der vielleicht gar eine Straftat begangen hat gemessen werden.
Jeder der glaubt dass man die Würde des Menschen, an einer Lebensleistung oder an einer Tat eines Menschen bemessen sollte, hat die Grundsätze der Menschlichkeit nicht begriffen und sollte sich einmal darüber Gedanken machen, was das Wort "die Würde des Menschen und deren Unverletzlichkeit" doch tatsächlich bedeutet..


Dienstag, 19. Juli 2011

Leben und leben lassen

Mal ist die Rede von Demokratie, dann wieder von Menschenwürde und Toleranz – wobei eins in das andere fließt. Alles Worthülsen, die eine Menge „bewegen“ könnten, gegenwärtig aber eher wie Phrasen wirken, da Menschen generell ein Problem damit haben, sich selber in jedweder Beziehung zu akzeptieren. Es wird gelebt nach dem Gleichschaltungsprinzip, dem ewigen Streben nach der Perfektion. Keine menschliche Seele kann eine solche Lebenslüge, diesen „goldenen“ Käfig jedoch auf Dauer ertragen. Irgendwann meldet sich eine laute Stimme aus dem Innern, die da sagt: „Finde dein eigenes, besonderes ich.“ Leider tragen viele Bürger ihre Maske aber schon seit so langer Zeit, dass diese Suche mitunter drastische Schmerzen verursacht. Die Folgen: Unzufriedenheit, Hass, Neid, Missgunst, Kontrollwahn. Was als frustrierende Selbsterkenntnis beginnt, projiziert die betreffende Person aus dem Unterbewusstsein heraus auf seine Mitmenschen, denn die Unruhe fordert ihr Ventil, ganz gleich zu welchem Preis.

Resultierend aus diesen emotionalen Faktoren kommt es dann nicht selten zu Scheidungen, Kündigungen, Suizidversuchen und im schlimmsten Fall zu Amokläufen. Jeder möchte akzeptiert werden, wie er ist, doch da man sich selbst unlängst verloren hat, fällt es schwer, seine Mitmenschen genau diese ehrlich gemeinte Akzeptanz entgegenzubringen, was dazu führen kann, dass sich der Einzelne im Labyrinth der Scheinmoral verläuft. Viel zu lange schon wird „Leben und leben lassen“ gleichgesetzt mit Ignoranz, da die Menschheit stets den leichten Weg des Lebens bevorzugt. Sicherlich ist alles im Leben relativ, dennoch gilt es zu erkennen, dass man einer gewissen Grundverantwortung, die Menschen in der Gegenseitigkeit füreinander zu tragen haben, nicht entkommen kann. Nur wer fähig ist, in der Gemeinschaft andere so zu akzeptieren, wie sie sind, hat die wahre Freiheit des Lebens erkannt. Menschen sollten einander zuhören, helfen und miteinander fröhlich sein, ohne dem Druck ausgesetzt zu sein, sich angleichen zu müssen, um akzeptiert zu werden.

Das Leben ist eine Art Fluss, den man fließen lassen kann, um die Energie humaneffektiv zu nutzen, oder den man unterbrechen kann durch einen Kontrollzwang, um nach dem Egoprinzip zu agieren. Hürden und Grenzen existieren im anerzogenen Verstand, entspringen aber keineswegs dem natürlichen Denken. Demokratie, Menschenwürde und Akzeptanz zu fordern, mag „unterhaltsam“ sein, sinnvoller wäre jedoch, diese Werte im Alltag zu leben. Wie wollen wir jemals in einer Demokratie leben, wenn wir jeden Menschen versuchen in eine vorgefertigte Norm zu pressen? Wie soll Menschenwürde auf der ganzen Erde ermöglicht werden, wenn wir die Würde in uns nicht mal bewahren können?
Blickend auf den Horizont, den Moment, in dem wir atmen, werden wir das Leben erkennen können, doch offenbart es sich uns nicht von selbst, da wir gefordert sind zu akzeptieren, was ist und nicht ein Leben lang nach dem streben, was sein könnte.

Montag, 18. Juli 2011

Schulversagen und Jugenddelinquenz?

Vater Müller beglückt Frau und Sohn mit einem neuen Fernseher. Der bisherige ist zwar erst wenige Jahre alt und läuft eigentlich noch recht gut. Aber man gönnt sich ja sonst nichts. Und weil der Händler für das gebrauchte Gerät nur wenig zahlen will, landet es beim 13-Jährigen Max im Kinderzimmer. Das hat den Vorteil, dass es mit ihm abends nun keinen Stress mehr über das Programm gibt. 
Und Max freut sich. Endlich kann er das schauen, was er will.
Diese kleine Geschichte scheint sich in deutschen Familien oft zu ereignen. Jedenfalls verfügt nach den Feststellungen des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest inzwischen etwa die Hälfte der 13- bis 15-Jährigen über einen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer. Von den 16-/17-Jährigen sind es knapp 70 Prozent. Und selbst von den 6-Jährigen
unseres Landes ist schon fast jeder Vierte dabei. Beachtung verdient hier der Ost-WestVergleich. In den neuen Bundesländern sind von den 6- bis 13-Jährigen 55 Prozent bereits stolze Besitzer eines eigenen Fernsehers in ihren Zimmern gegenüber 28 Prozent in Westdeutschland.



Ja, und? fragen da die fernsehfreudigen Eltern. Was ist daran falsch? Eine erste Antwort kann man den zahlreichen Repräsentativbefragungen entnehmen, die es inzwischen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen gibt. Sie zeigen, dass sich durch die Verfügbarkeit über den eigenen Fernseher zunächst einmal die tägliche Fernsehdauer um etwa eine Stunde erhöht – werktags von zweieinhalb auf etwa dreieinhalb Stunden und an Wochenenden auf vier bis fünf Stunden. Diese Kinder verbringen damit bei uns pro Jahr mehr Zeit vor dem Fernseher als im Schulunterricht. Zu beachten ist:  an 135 Tagen des Jahres haben sie schulfrei und außerdem gehen die meisten nur halbtags zur Schule.



Die 135 Tage, an denen man früh morgens ausschlafen kann, haben im Übrigen eine weitere Konsequenz. Vor allem die Jungen nutzen die Abende vorher dazu, bis weit in die Nacht hinein ohne Überwachung der Eltern das anzuschauen, auf was sie scharf sind – auf Filme nämlich, die von Experten des Jugendschutzes als jugendgefährdend eingestuft wurden und deswegen erst nach elf Uhr gesendet werden dürfen. Aktuelle Befragungen haben erbracht, dass inzwischen 56 Prozent der 12- bis 17-Jährigen Jungen häufig solche Filme anschauen. Von den Mädchen sind es nur 25 Prozent. Und das ist noch nicht alles. Die Jungen dominieren auch bei den Vielsehern. Bereits 1998 gaben im Rahmen einer Repräsentativbefragung 18 Prozent der männlichen Neuntklässler gegenüber 13 Prozent der weiblichen an, dass sie pro Tag mehr als vier Stunden vor dem Fernseher sitzen. Hinzu kommt, dass zwei Drittel der Jungen regelmäßig Computerspiele nutzt, die wegen ihres jugendgefährdenden Inhalts für unter 18-Jährige verboten sind. Auch hier sind die Mädchen nur mit 14 Prozent dabei.


Nimmt man alle drei Aspekte zusammen, so scheint es gerechtfertigt, davon zu sprechen, dass mindestens ein Fünftel der männlichen 12- bis 17-Jährigen in einen Zustand der „Medienverwahrlosung“ geraten ist. In ihrer Freizeitbeschäftigung dominiert das Anschauen von Gewalt- und Actionfilmen sowie die Nutzung von PC-Spielen mit jugendgefährdendem Inhalt.



Und welche Auswirkungen hat das alles auf die Betroffenen? Zunächst einmal verarmt ihre soziale Existenz. Wer pro Tag in seiner Freizeit mehr als vier Stunden vor dem Fernseher oder dem PC verbringt, der versäumt das Leben. Ihm verbleibt weder genug Zeit dafür, regelmäßig in einer Fußballmannschaft zu trainieren und dann am Sonntag vielleicht zu lernen, wie man anständig verliert. Noch hat er genug Zeit, um wochenlang in einer Band oder einem Orchester zu üben und dann die Freude des gelungenen Auftritts zu erleben. Und er versäumt den erbitterten Streit mit seinen Spielkameraden und die tolle Erfahrung, dass man danach Wege findet, sich wieder zu versöhnen. Zwischenbilanz: Seine soziale Kompetenz wird nicht voll entwickelt. Und das gilt selbst dann, wenn er nur Astrid Lindgren Filme schauen würde. Übung macht nur dann den Meister, wenn sie im realen Leben stattfindet und nicht nur in der Phantasie.



Wer täglich stundenlang fernsieht hat zudem kaum noch Zeit, die schulischen Hausarbeiten konsequent zu erledigen. Außerdem bewegt er sich zu wenig. Das schädigt nicht nur den Körper sondern auch den Geist. Neurobiologen haben herausgefunden, dass die Entwicklung des Hirns leidet, wenn sich Kinder zu wenig körperlich austoben. Beachtung verdient ferner, was uns Hirnforscher zu den Auswirkungen exzessiven Fernsehkonsums auf die Lernprozesse von Kindern und Jugendlichen berichten. Sie erklären uns, dass das, was die Kinder in der Schule hören oder sich nachmittags zuhause an Schulwissen aneignen, zunächst im Kurzzeitgedächtnis landet. Der Prozess der Überführung in das Langzeitgedächtnis, also in das gesicherte Wissen, dauert danach mindestens zwölf  Stunden und wird entscheidend davon beeinflusst, was das Kind in den Stunden nach dem Erlernen des Schulwissens emotional erlebt. Das Hirn reagiert sehr sensibel auf starke Gefühle. Es konzentriert seine
Gedächtnisarbeit auf solche Eindrücke, die es emotional erheblich bewegen.


Ist Medienverwahrlosung Ursache von Schulversagen und Jugenddelinquenz ?



Sonntag, 17. Juli 2011

Resozialisieren statt Warnschussarrest


Resozialisieren vs. Sanktionieren - "Warnschussarrest" für Jugendliche konterkariert pädagogische Zielsetzungen

Die aktuelle Diskussion um Relevanz und Sinn der geplanten Einführung eines "Warnschussarrests" für jugendliche Straftäter berührt auch die Bewährungshilfe, insofern dieses eher symbolische Sanktions- und Abschreckungsmittel künftig parallel zu einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe verhängt werden soll. Die erzieherische Wirkung eines solchen Vorgehens ist in der Wissenschaft sehr umstritten, zumal die mit Freiheitsentzug einhergehenden dissozialen Folgen das damit verbundene Abschreckungsmoment meist marginalisieren: Über 70% vormals inhaftierter Jugendlicher werden wieder rückfällig, d.h. von einer konstruktiven pädagogischen Dimension des Warnschussarrests kann, so meint NEUSTART entgegen politischer Verlautbarungen, schwerlich gesprochen werden, wie auch empirische Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre belegen.
Prinzipiell ist das Instrument des Jugendarrests - schon qua seiner fragwürdigen Historie - ein Sanktionsmittel, das mit großem Bedacht gewählt werden sollte. Die für den Jugendarrest als geeignet klassifizierten Jugendlichen werden heute nur wenig anders beschrieben wie zum Zeitpunkt der Einführung des Jugendarrests im Jahre 1940, wenn auch die heute damit verbundene Zielsetzung sicherlich zu der ursprünglichen erheblich kontrastiert. Die momentan vertretene These, der "Warnschussarrest" besäße einen hohen Abschreckungseffekt, der sich positiv auf die Resozialisierung jugendlicher Straftäter auszuwirken verspräche, lässt sich jedoch nicht belegen. Im Gegenteil votiert die Großzahl renommierter Experten des Jugendstrafrechts für einen anderen Umgang mit erstmals Straffälligen unter 21 Jahren, nicht zuletzt, weil die weit geringere Widerrufsrate bei Personen, deren Jugendstrafe zur Bewährung ausgesetzt wurde (widerrufene Bewährungen im Jahre 2010 ca. 18 Prozent), illustriert, dass gezielte sozialarbeiterische Interventionen erfolgreicher sind als freiheitsentziehende Maßnahmen. "Zu den zentralen Aufgaben der Bewährungshilfe zählt insbesondere die Entwicklung sozialer Kompetenzen, die dazu beitragen, Verhaltensweisen und Situationen zu meiden, die Rückfallkriminalität provozieren", sagt Georg Zwinger, Geschäftsführer für Sozialarbeit der NEUSTART gGmbH. "Abschreckung und Drohgebärden sind für den Resozialisierungsprozess eher kontraproduktiv. Richterliche Weisungen und Auflagen wie z.B. Antiaggressionstraining oder Verrichtung gemeinnütziger Arbeit, welchen der Jugendliche über einen längeren Zeitpunkt gerecht werden muss, sind weit wirkungsmächtiger als es jeder, auf schnelle Effekte ausgerichtete Warnschussarrest jemals sein könnte. Kontinuierliche Anleitung und Sensibilisierung des Rechtsempfindens in der Bewährungshilfe hat hingegen bei jungen Menschen oft großen Erfolg", erläutert Zwinger die Position der NEUSTART gGmbH.

Freiheit entziehende Sanktionen bei jugendlichen Straftätern müssen ultima ratio bleiben

Gesellschaftliche Probleme, so auch Jugendkriminalität, fordern Lösungskonzepte, die sich nicht auf Sanktionen reduzieren, sondern an den Ursachen und Gründen ihres Entstehens ansetzen. Veränderte gesellschaftliche Bedingungen, eine völlig neue Kommunikationswelt und die Perspektivlosigkeit junger Menschen, deren soziales Umfeld kein solides Fundament für die Entwicklung eigener Fähigkeiten und Talente bietet, fördern auch die Latenz, straffällig zu werden. "Eingedenk der Tatsache, dass für gering Qualifizierte kaum noch Arbeitsplätze existieren, die ihnen ein gesichertes Einkommen in Aussicht stellen, werden Zukunftsängste mehr und mehr virulent, was auch für die Bewährungshilfe eine Anpassung ihres Arbeitskonzepts erforderlich macht, um junge Menschen zukünftig noch besser dabei unterstützen zu können, ein Leben ohne Kriminalität zu führen ", betont Georg Zwinger.

NEUSTART entwickelt neue Methoden in der Betreuung jugendlicher Straftäter

Die Entwicklung neuer Methoden in der Betreuung nach Jugendstrafrecht unterstellter Straftäter zählt zu den zentralen Zielsetzungen der NEUSTART gGmbH, die sich darauf konzentriert, Faktoren zu ermitteln resp. zu berücksichtigen, welche für die positive Sozialgenese junger Menschen entscheidend sind. "Bewährungshilfe hat vornehmlich für junge Straftäter dann eine wesentliche Resozialisierungsfunktion, wenn die angebotene Unterstützung auch kontinuierlich auf ihre Wirksamkeit befragt wird, und Kontrolle als sinnvolles Korrektiv im Eigeninteresse des Klienten erlebt wird", resümiert Georg Zwinger die wesentlichen Aspekte einer erfolgreichen Betreuung junger Straftäter. "Junge Menschen verdienen die Chance, aus einmal begangenem Unrecht zu lernen und falsche Wertvorstellungen zu revidieren, anders, finden sie nicht zurück in unsere Gesellschaft", so Zwinger abschließend.

Warnschussarrest für Jugendliche


Gegen den Widerstand vieler Experten denkt die Bundesregierung darüber nach, den so genannten „Warnschussarrest“ für Jugendliche und Heranwachsende einzuführen. Bisher gilt im Jugendstrafgesetz die Regel, dass eine Bewährungsstrafe grundsätzliche nur ohne Arrest verhängt werden darf. Sollte sich der Warnschussarrest durchsetzen, können Richter künftig die Bewährungsstrafe mit einer Haft von maximal vier Wochen koppeln. Potenziell viele Betroffene gibt es, im Jahre 2009 erhielten beispielsweise 12.010 Verurteilte eine Jugendstrafe auf Bewährung. Laut Gesetzesentwurf darf der Warnschussarrest nur in drei Fällen verhängt werden. Erstens, wenn vermutet wird, dass der Straftäter seine Bewährungsstrafe nicht ernst nehmen könnte. Zweitens, wenn der Verurteilte in einem sozialen Milieu aufwächst, dass einen schädlichen Einfluss auf ihn ausübt. Und drittens, wenn ein Arrest für nötig befunden wird, dass in Haft besser erzieherisch auf den Jugendlichen eingewirkt werden kann als in seinem alltäglichen sozialen Umfeld. Neben der neuen Form des Arrestes wird im Gesetzesantrag eine Erhöhung der Höchststrafe im Jugendstrafrecht von zehn auf 15 Jahre gefordert.
Was auch immer damit erreicht werden möchte, das Problem bleibt und eine Intensive Betreuung Jugendlicher Straftäter, ist und bleibt die einzig wirkungsvolle Prävention. Insofern ist der Warnschussarrest keine Lösung, sondern birgt die Gefahr des Verlustes Sozialer Kompetenzen.


 

Mittwoch, 13. Juli 2011

Nicht wegsperren, erziehen!....

Die Debatte um das Jugendstrafrecht geht am Problem vorbei. Nicht härtere Strafen braucht es, sondern frühes Eingreifen, damit Jugendliche gar nicht erst abgleiten.
Eine Einschätzung von Kai Biermann die Welt, die bereits 2009 deutlich zum Ausdruck brachte was getan werden müsste. Leider wurde bis heute keine Grundsätzliche Lösungsdiskussion darüber geführt, wie man dem Problem begegnen kann. Bis heute wurde nur Polemisiert und weniger Konstruktiv nach Lösungen gesucht. Christian Lukas-Altenburg Im Dschungel der Justiz 3. 2011**

Muss das Jugendstrafrecht verschärft werden? Darum tobt nun bereits seit zwei Wochen eine nicht enden wollende öffentliche Debatte. Sicher, Wahlkämpfe sind kein gutes Umfeld für differenzierte Betrachtungen, schon gar nicht, wenn es um komplexe Themen wie dieses geht. Trotzdem, die grundsätzliche Frage ist berechtigt: Braucht es rechtliche Änderungen, vielleicht sogar die, die die Union vorschlägt?
Nein, lautet fast übereinstimmend die Antwort derer, die jeden Tag mit dem Jugendstrafrecht arbeiten. Doch ganz so einfach ist das nicht. Zuerst einmal ist eine Unterscheidung notwendig, die der hessische Ministerpräsident Roland Koch als Auslöser und Antreiber der Debatte ganz bewusst nicht macht, die aber dringend geboten ist: die zwischen „normalen“ kriminellen Jugendlichen und jugendlichen „Mehrfach- und Intensivtätern“, wie sie bei der Polizei heißen.
Nicht jeder, der ein Auto stiehlt oder einen Mitschüler zusammenschlägt, gehört sofort zur letzteren Problemgruppe. Die Trennung ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, basiert aber immer auf der Idee, dass eine bestimmte Menge an Delikten einer bestimmten Schwere in einem definierten Zeitraum notwendig ist, um von der Polizei als Intensivtäter eingestuft und „betreut“ zu werden.
In Köln beispielsweise gibt es ein dynamisches Punktesystem. Ein Ladendiebstahl bringt einen Punkt, eine Körperverletzung je nach Schwere drei oder vier. Gleichzeitig führen die dortigen Kommissariate eine Liste der „Top 100“. Die 100 Registrierten mit den meisten Punkten gelten als Intensivtäter. In Berlin müssen sie innerhalb eines Jahres zehn Taten begehen und daneben unter anderem die Schule schwänzen oder durch hohen Alkoholkonsum auffallen.
Im Vergleich zu den „normalen“ kriminellen Jugendlichen ist diese Gruppe somit schon per definitionem sehr klein. Berlin führt derzeit (Stand 4. Dezember 2007) insgesamt 495 Namen als Intensivtäter. Gleichzeitig gab es hier (2006) mehr als 33.000 Tatverdächtige, die 21 Jahre oder jünger und damit für das Jugendstrafrecht relevant waren. Der Anteil der Intensivtäter beträgt also gerade einmal 1,5 Prozent. Niedersachsen hat „ungefähr 400 Jugendliche mit kriminellen Karrieren“, wie das LKA sagt, bei 43.000 Fällen insgesamt im Jahr 2006.
Roland Koch spricht über „junge kriminelle Ausländer“ oder noch allgemeiner von „Jugendgewalt“. Die Fakten, die er dabei verwendet, beziehen sich jedoch auf „Intensivtäter“. Das ist fatal, denn beide Gruppen unterscheiden sich in ihrem Verhalten, ihrer Herkunft und in den Sanktionsmaßnahmen, die nach Meinung von Experten gegen sie eingesetzt werden sollten.
Die Jugendgewalt allgemein nimmt, genau wie die gesamte Gewaltkriminalität, in Deutschland seit Jahren ab oder stagniert zumindest – je nach Delikt. Das meint nicht die Brutalität der Taten, Roheitsdelikte nehmen zu, sondern die Gesamtzahl. Dieser Befund ist eindeutig und das Fazit aller entsprechenden Studien, seien es die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), der periodischen Sicherheitsberichte der Bundesregierung oder kriminologische Dunkelfeldanalysen. Gleichzeitig brachten letztere Hinweise darauf, dass sich die Anzeigebereitschaft gegenüber jugendtypischen Delikten in den vergangenen Jahren erhöht hat, dass also mehr Gewalttaten von Jugendlichen angezeigt werden als früher, auch von anderen Jugendlichen – die in der Regel die Opfer sind, nicht ältere Menschen. Der Rückgang der tatsächlichen Gewalt also ist womöglich noch stärker als die Zahlen der angezeigten Taten nahelegen.
In dieser großen Menge nun gibt es die vergleichsweise kleine Teilmenge der Intensivtäter. Sie sind es, die kriminelle Karrieren haben und durch immer neue Delikte auffallen. Sie zeigen sich unbeeindruckt von staatlichen Sanktionen, seien es Geld-, Haft- oder soziale Strafen. Bei der weit größeren Gruppe der allgemeinen jugendlichen Täter ist das nicht so. Bei vielen Jugendlichen, die auffällig wurden, genügt es schon, wenn sie demonstrativ auf dem Schulhof festgenommen werden, um sie zum Nachdenken anzuregen. Viele Intensivtäter dagegen beeindruckt es überhaupt nicht, ins Gefängnis zu müssen, seien es drei Monate oder drei Jahre.
Genau an diesem Punkt werden die Forderungen der Union absurd. Diejenigen, die damit erreicht werden sollen, schreckt es nicht, wenn die Höchststrafe von zehn auf fünfzehn Jahre angehoben wird. Und die restlichen werden dieses Strafmaß sowieso kaum je erreichen. In Hessen, nur um ein Beispiel zu nennen, saßen 2006 genau vier Männer unter 21 Jahren im Gefängnis, die mehr als fünf Jahre Haft zu verbüßen hatten. Bundesweit wurden 2006 gerade einmal 91 Jugendliche oder Heranwachsende zu einer solchen Strafe verurteilt – von 106.000 Straftätern nach dem Jugendstrafrecht insgesamt. Das entspricht einem Anteil von 0,09 Prozent! Das Strafmaß für Jugendliche und Heranwachsende zu erhöhen ist somit bestenfalls eine wirkungslose Maßnahme. Sie klingt nur gut.
So ist es mit dem gesamten diskutierten Katalog. „Unter Fachleuten ist unstrittig, dass Erziehungscamps nicht viel bringen“, sagt Winfried Bodenburg, Landesbeauftragter Jugendsachen beim LKA Niedersachsen. „Wir müssen viel früher ansetzen und verhindern, dass sie überhaupt in den Bereich krimineller Karrieren abgleiten.“ Der Polizei-Jugendexperte fordert mehr Plätze für betreutes Wohnen, wo auffällige Jugendliche bis zu ein Jahr untergebracht und intensiv pädagogisch betreut werden können – „je früher, desto besser“. Erziehungscamps seien nicht viel billiger, brächten aber sehr viel weniger. „Hinterher zuzuschlagen zäumt das Problem am falschen Ende auf“, sagt Bodenburg.
Lediglich ein Vorschlag der Union findet auch in der Fachwelt Zustimmung: der Entzug des Führerscheins, beziehungsweise das Verbot, überhaupt einen zu machen. Dies könnte nach Ansicht von Praktikern tatsächlich ein wirksames Mittel sein – zur Erziehung. Alle anderen Ideen werden entweder für unsinnig gehalten, für wirkungslos oder sind wie Warnschussarreste bereits Realität, auch wenn die Union etwas anderes suggeriert.
Erziehung im Übrigen ist das zweite Unterscheidungsmerkmal, das Roland Koch und die Union derzeit bewusst vermeiden. Das deutsche Jugendstrafrecht soll in erste Linie nicht strafen, es will erziehen und so verhindern, dass ein Jugendlicher dauerhaft kriminell wird. Sein Kern ist die Überzeugung, dass Delinquenz ein mehr oder minder ausgeprägter, vor allem aber vorübergehender Teil des Heranwachsens ist, eine Phase, die fast jeder Jugendliche durchlebt und in der es Lenkung und Grenzen braucht. Die Union dagegen möchte wegsperren. Das jedoch bewirkt eher das Gegenteil des Erwünschten: Von den Jugendlichen, die ins Gefängnis kamen, wurden laut unterschiedlichen Studien mehr als 70 bis 80 Prozent rückfällig. Von denen, die Bewährungsstrafen erhielten, lediglich 50 Prozent.
Das heißt nicht, dass mildere Strafen zu weniger Kriminalität führen – es bedeutet aber auch nicht, dass härtere Strafen die Kriminalität verringern. Der Einfluss der Strafhöhe auf die Zahl der Straftaten ist einfach sehr klein.
Der Erziehungsgedanke sollte keinesfalls aufgegeben werden“, sagt Bodenburg. Im Gegenteil, er müsse, wenn denn Änderungen diskutiert werden, noch sehr viel weiter gehen. Denn nicht Strafe hat Einfluss auf Kriminalität. Genau dort liegt ein weiteres Problem der derzeitigen Debatte. Kaum jemand fragt nach dem „warum“, interessiert sich dafür, wer aus welchen Gründen zum Intensivtäter wird.
Dabei gibt es klare Zusammenhänge. Die meisten Delinquenten dieser Gruppe sind männlich; sie gehen nicht oder nur unregelmäßig zur Schule und werden mit Schlägen erzogen. Daneben gibt es noch diverse andere Faktoren, wie der soziale Zusammenhalt der Stadtteile, in denen sie leben, wie viel Alkohol sie trinken, wie viele ihrer Freunde straffällig wurden und wie ihre Umwelt auf ihre Gewalttätigkeit reagiert. Im Kern sind es das Erleben tradierter Erziehungsmethoden und schlechter Bildungschancen, die Intensivtäter gemein haben. Das nun betrifft überproportional viele ausländische Jugendliche, aber auch junge Spätaussiedler und solche aus dem Osten Deutschlands.
Im Kampf gegen dieses Problem härtere Strafen zu fordern ist ungefähr so sinnvoll, wie einem Schüler mit Lese-Rechtschreibschwäche längeres Nachsitzen zu verordnen, abzuleisten möglichst erst viele Wochen nach dem Diktat. Weniger Schreibfehler macht er so nicht, das kann nur frühe und konsequente Förderung bewirken.
Das deutsche Justizsystem versucht genau das. Beispielsweise wird in vielen Städten inzwischen jeder Intensivtäter egal, was er anstellt, von immer demselben Kommissariat betreut. Früher landeten die Akten auf immer neuen Schreibtischen, je nach Delikt und je nachdem, wer gerade Dienst hatte. So fiel auch kaum auf, wenn ein Täter oft in kurzem Abstand immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt kam. Das ist heute häufig anders.
Außerdem werden nicht nur Anzeigen aufgenommen, sondern immer häufiger wird auch das Gespräch mit den Familien und eventuell betreuenden Organisationen und Behörden gesucht. Und es gibt ständige „Ansprachen“, wo immer sich ein auffälliger Jugendlicher aufhält, ob zu Hause, an üblichen Treffpunkten seiner Clique oder an typischen Tatorten – die Polizei ist schon da und zeigt, dass sie ihn kennt. Dabei arbeitet sie eng mit Sozialbehörden und Vereinen zusammen und bemüht sich, anhand „weicher Faktoren“ wie Schulschwänzen früh zu erkennen, ob jemand abgleitet. Am liebsten würden die Beamten schon in die Kindergärten gehen, um so früh wie möglich Probleme zu erkennen.
Das hilft tatsächlich, braucht allerdings sehr viel Personal. In Niedersachsen beispielsweise gibt es 600 „Jugendsachbearbeiter“ bei der Polizei – für 43.000 Delikte. Es ist nicht eben sinnvoll, dass beispielsweise unter Roland Koch in Hessen hunderte Stellen bei der Polizei gestrichen und Millionen Euro bei Jugendhilfe- und Beratungsprojekten gekürzt wurden.
Braucht es nun Änderungen im Jugendstrafrecht? Der deutsche Richterbund beispielsweise, der sich von einigen Debattierenden persönlich angegriffen sieht, findet das Jugendstrafrecht gut, so wie es ist. „Das Instrumentarium reicht aus“, sagte der Vorsitzende des Bundes, Oberstaatsanwalt Christoph Frank der Frankfurter Allgemeinen Zeitung . Es müsse nur voll zur Verfügung stehen. Mit anderen Worten: schnelle Verfahren, schnelle Verurteilung, schneller Strafantritt.

Ähnlich denkt man auch bei der Gegenseite, der Bundesrechtsanwaltskammer. Urteile ein Jahr nach der Tat hätten keine erzieherische Wirkung mehr, heißt es dort. Das Gleiche glaubt die Polizei. „Wir müssen schneller arbeiten“, sagt Bodenburg vom LKA Niedersachsen. Alle drei Faktoren aber hängen nicht von den Gesetzen ab, sondern von der Ausstattung der Gerichte, der Polizeidienststellen, der Gefängnisse und der Jugendhilfevereine.
Die nicht eben für ihre laxen Vorschläge bekannte Innenministerkonferenz kommt denn auch zu ganz anderen Empfehlungen als die nun so aufgeregten Unionspolitiker – und zwar die Innenminister aus den Unionsländern genauso wie die aus den SPD-regierten. Noch bessere Vernetzung aller beteiligten Stellen fordert sie, Aufnahme von Intensivtätern in die Kriminalstatistik und eine bundeseinheitliche Definition für sie, mehr Augenmerk auf Risikofaktoren wie Schulschwänzen und eine bessere Kooperation mit den Schulen. Tenor: Prävention.
Im Bundesjustizministerium weist man außerdem darauf hin, dass in der Debatte darauf geachtet werden sollte, "dass Problem nicht nur auf eine Bevölkerungsgruppe zu reduzieren". Schließlich seien an Vorfällen wie in München nicht nur ausländische Jugendliche beteiligt, gebe es doch ebenso brutale Gewalt von Deutschen gegen Ausländer. Grundsätzlich hält man es auch im Justizressort für sinnvoller, das geltende Recht so schnell wie möglich umzusetzen, statt es zu ändern. "Man muss aufpassen, dass man keine falsche Sicherheit vorgaukelt", sagte ein Sprecher. Im Übrigen würden all diese Vorschläge schon seit Jahren immer wieder gemacht. "Bisher wurden sie immer wieder verworfen."
Doch die politische Debatte führt nicht nur am Problem vorbei. Sie verursacht auch einen gefährlichen Kollateralschaden, ja nimmt ihn möglicherweise gar in Kauf: Mit ihren Argumenten sät die Union Zweifel daran, dass das bisherige Jugendstrafrecht sinnvoll ist. Das ist grob fahrlässig.

Menschen, die etwas schreiben, ohne wirklich etwas zu sagen, gibt es genug. Gern gelesen werden aber Texte, die authentisch, stimmig und ...